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Pandemie und Weltpolitik«America First» ist ein schlechtes Rezept gegen Corona

US-Präsident Trump hat die nationalen und internationalen Institutionen geschwächt. Amerika zahlt dafür einen hohen Preis.

Auch während der Krise im Wahlkampfmodus: Donald Trump beim Besuch eines Labors der Seuchenbehörde.
Auch während der Krise im Wahlkampfmodus: Donald Trump beim Besuch eines Labors der Seuchenbehörde.
Foto: Tom Brenner (Reuters)

Zuerst war es China, dann Italien, nun sind es die USA: der grösste Brennpunkt der Pandemie. Donald Trump hat die Gefahr nicht nur lange heruntergespielt. Dass es so weit kommen konnte, ist unter anderem die Folge seiner Aussenpolitik: Seit seinem Amtsantritt hat der Präsident die engsten Verbündeten Amerikas schikaniert und vor den Kopf gestossen.

Als Folge davon sind Washingtons Beziehungen zu den traditionellen Alliierten geschwächt. Das sind jene Beziehungen, auf die Trump angewiesen wäre, um die Seuche einzudämmen. Gerade die europäischen Länder hätten über Geld, Know-how und vielleicht sogar den politischen Willen verfügt, unter amerikanischer Führung gemeinsam gegen das Coronavirus vorzugehen. Denn in Krisenzeiten sind die Europäer durchaus bereit, zusammen mit den Amerikanern ihre Reihen zu schliessen, wie die Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 gezeigt hat.

Die Corona-Pandemie lässt sich nur durch einen koordinierten internationalen Effort besiegen.

Doch das ist lange her. So erstaunt es nicht, dass Trump in seinen täglichen Pressekonferenzen kaum je erwähnt, wo und wie er konkret mit anderen Staaten zusammenarbeitet. Die Konsequenzen von Trumps Politik tragen die Amerikanerinnen und Amerikaner, eine sechsstellige Zahl von Todesopfern ist prognostiziert. Auch wenn es Trump nicht wahrhaben will: Die Corona-Pandemie lässt sich nur durch einen koordinierten internationalen Effort besiegen. Sich darauf zu konzentrieren, das Virus im eigenen Land einzudämmen und dessen Verbreitung im Ausland tatenlos hinzunehmen, ist etwa so, wie wenn man versucht, sein brennendes Haus zu löschen, während das ganze Quartier brennt.

Ungeachtet aller Veränderungen im globalen Mächtegleichgewicht: Ein internationaler Effort gegen ein Virus ist nicht möglich, solange das stärkste Land der Welt und das sind nach wie vor die USA nicht mitmacht oder allein agiert. «America First» ist als Mittel gegen Corona denkbar ungeeignet. Selbst mit einer Mauer rund um die USA herum lassen sich die Viren nicht aufhalten. Abgesehen davon kostet es die USA viel mehr, wenn sie sich von ihren Handelspartnern abschotten, als wenn sie in den Ursprungsländern der Epidemie das Virus bekämpfen.

Weltgesundheitsorganisation als Sündenbock

Obwohl es zu seiner Politik passt, ist es unverständlich, dass Trump der Weltgesundheitsorganisation die Schuld für die Pandemie zuschiebt. Die WHO eignet sich zwar als Sündenbock, der bürokratische Koloss hat seine Schwächen. Die WHO ist jedoch die einzige Weltgesundheitsorganisation, die wir derzeit haben. Trumps Drohung, die amerikanischen Beitragszahlungen zu stoppen, schadet deshalb den USA: Amerika kann nur sicher sein vor einer Pandemie wie Corona, wenn der Rest der Welt ebenfalls sicher ist.

Trumps Vorgänger haben das erkannt. George W. Bush realisierte 2003, dass die Ausbreitung von HIV und Aids nicht nur weltweit die Gesundheit von Millionen Menschen bedroht, sondern die amerikanische Sicherheit. Daher lancierte er ein Notfallprogramm, das medizinische und diplomatische Ressourcen mit jenen der Entwicklungshilfe zusammenführte, um Leben zu retten.

Trump gegen eine globale Reaktion

Ähnlich reagierte Barack Obama, als 2014 die Ebola-Epidemie ausbrach. Er arbeitete eng mit der UNO, der WHO und ausländischen Regierungen zusammen, um die tödliche Krankheit einzudämmen. Ausserdem entsandte er amerikanische Experten in die Krisengebiete in Westafrika. Trump hat sich dagegen geweigert, eine globale Reaktion auf die Pandemie zu initiieren. So erscheint nun China in den Augen vieler als die verantwortungsbewusstere globale Führungsmacht als die USA.

Erschwerend kommt hinzu, dass Trump in seiner Innenpolitik ähnlich vorgegangen ist. Auch hier hat er tragfähige und vor allem krisenerpropte staatliche Institutionen geschwächt, die einen internationalen Effort gegen die Pandemie hätten aufgleisen können. Das Aussenministerium ist seit Jahren unterdotiert, wichtige Botschafterposten sind nicht oder schlecht besetzt. Gar aufgelöst hat Trump 2018 das Amt für globale Gesundheit und Verteidigung gegen Biowaffen im nationalen Sicherheitsrat. Und als fatal erweist sich, dass der US-Präsident seinen Geheimdiensten misstraut und im Januar deren Warnung vor einer Pandemie ignorierte. Da wäre noch genug Zeit gewesen, die Katastrophe zu verhindern oder wenigstens abzumildern.

Donald Trump scheint unfähig, seine historische Chance zu nutzen.

Die Vereinigten Staaten haben in grossen Krisen oft über visionäre und charismatische Führungspersönlichkeiten verfügt, George Washington während der Revolution oder Abraham Lincoln im Bürgerkrieg. Und in der Zeit der Grossen Depression und des Zweiten Weltkriegs regierte Franklin D. Roosevelt, dessen Todestag sich an Ostern zum 75. Mal jährte. Trump ist leider nicht annähernd mit einem dieser Präsidenten vergleichbar. Dabei hätte er jetzt die Gelegenheit, sich zu profilieren und in die Geschichtsbücher einzugehen als jener amerikanische Held, der er gerne wäre. «Grosse Krisen bringen grosse Männer hervor», hatte John F. Kennedy gesagt. Donald Trump scheint unfähig, seine historische Chance zu nutzen. Noch bedenklicher ist, dass er sie offenbar nicht nutzen will.