Jubiläum

Als Zürich zur Grossstadt wurde

Die Folgen der Eingemeindung von 1893 sind bis heute spür- und sichtbar.

Erste Eingemeindung: Ausblick von der Wald auf die Stadt Zürich zwischen 1890 und 1899.

Erste Eingemeindung: Ausblick von der Wald auf die Stadt Zürich zwischen 1890 und 1899. Bild: Baugeschichtliches Archiv

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Dieses Jahr ist es 125 Jahre her, dass in der Schweiz die erste Grossstadt entstand. 1893 fand die erste Stadterweiterung Zürichs mit der Eingemeindung der elf Vororte Aussersihl, Enge, Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen statt. Damit wuchs die Stadt flächenmässig um das dreissigfache auf knapp 45 Quadratkilometer und die Anzahl Bewohner um das viereinhalbfache auf über 121 000 Personen an.

Vor 125 Jahren wuchs Zürich flächenmässig um das dreissigfache

Ihre heutige Ausdehnung erhielt die Zürich schliesslich mit der zweiten Eingemeindung 1934. Mit dem Anschluss der Gemeinden Affoltern, Albisrieden, Altstetten, Höngg, Oerlikon, Schwamendingen, Seebach und Witikon wurde damit die erste Stadtvereinigung konsequent weiterverfolgt. Zürich wuchs auf eine Fläche von 87,8 Quadratkilometer und eine Gesamtbevölkerung von 313 294 Personen an.

Klar war bereits damals, dass auf die Zweite keine Dritte folgen wird. So haben sich die Gemeinden Zollikon und Kilchberg 1929 erfolgreich gegen einen Anschluss an die Stadt Zürich gewehrt.

Der Vergleich: Zürich war 1894 noch markant kleiner als 40 Jahre später.

Als die Zuwanderung begann

Die beiden Eingemeindungen hatten Gemeinsamkeiten: Anfänglich ging es bei der Eingemeindung darum, den armen Gemeinden finanziell unter die Arme zu greifen. Ausgelöst wurde diese durch eine rasante Bevölkerungszunahme. Geprägt war diese durch die Zuwanderung von Arbeitssuchenden mit und ohne Familien, der Ansiedlung von Industriebetrieben und damit dem Übergang von einer noch stark landwirtschaftlich zu einer überwiegend gewerblich-industriell geprägten Bevölkerung aus.

In der Folge verdichtete sich das Siedlungsbild der Gemeinden bereits um 1890 herum, wie in einem Artikel der geografisch-ethnografischen Gesellschaft Zürich sowie einer Publikation des Stadtarchivs und des Baugeschichtlichen Archivs der Stadt Zürich zu entnehmen ist.

Das Limmattal, Zollikon und Kilchberg wehrten sich erfolgreich gegen einen Anschluss an die Stadt Zürich.

Auslöser für die erste Eingemeindung war Aussersihl. Die Gemeinde geriet wegen dem rasanten Bevölkerungswachstum – innerhalb weniger Jahre wuchs das heutige Quartier von einem Bauerndorf zu einer Kleinstadt an – finanziell stark überfordert war. Andere Quartiere stiegen in den Tenor der Eingemeindung ein.

Nicht zur Freude aller Vororte, denn diese mussten mit der Annexion ihre Kassen öffnen, um die zusätzlich entstehenden Infrastrukturkosten zu decken. Ähnlich lief es 40 Jahre später ab. Dafür aber wehrten sich dann das Limmattal wie auch Zollikon und Kilchberg erfolgreich gegen einen Anschluss an die Stadt Zürich.

Durch die Eingemeindung veränderte sich auch das Zürcher Landschaftsbild. Während 1893 das Nordende des Zürichsees von einer «moränenhügelumklammerten» Landschaft geprägt war, breitete sich die Stadt Zürich fortan in alle Himmelsrichtungen in die benachbarten Täler aus. Durch die Zusammenlegung der Gemeinden verschwanden Wiesen und Moore. Auch die noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Stadtbild prägenden Rebberge wurden auf «unscheinbare Reste» zusammengedrängt.

Dagegen blieben die Grenzen der umliegenden Wälder wie auch ihre Umfänge beinahe unverändert bestehen. Gleiches gilt für die bereits bestehenden Parkanlagen im Stadtinnern sowie der Verlauf des Flussnetzes und Form des Seeufers wie auch das gesamte Strassennetz. Ernst Winkler bezeichnet dies in seinem Artikel für die geografisch-ethnografische Gesellschaft Zürich als «erster Ausdruck der weisen Baupolitik, die sowohl den hygienischen als ästhetischen Pflichten des Städteorganismus stets grosse Aufmerksamkeit geschenkt hat.»

Durch die Zusammenlegung der Gemeinden verschwanden Wiesen und Moore

Das war auch notwendig, denn zwischen der ersten Vereinigung und 1930 wuchs die Bevölkerung in Zürich um 143 000 Personen, wovon 54 000 auf Geburten und die restlichen 88 000 auf Zuwanderung zurückzuführen sind. Die Gemeinden Wiedikon, Oerlikon, Altstetten, Seebach und Albisrieden verzeichneten mit einer vier- bis neunfachen Bevölkerungszunahme das grösste Wachstum, während es in den restlichen Gemeinden zwischen dem zwei- und vierfachen schwankte.

Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts stammte 12 Prozent der Bevölkerung in Zürich aus einem fremden Kanton und neun Prozent aus dem Ausland. Kurz vor der ersten Eingemeindung lebten rund 54 Prozent Zürcher in der Stadt. Danach war die Zahl der Ausländer – mehrheitlich Deutsche und Italiener – beinahe so gross. Sie überragten gar die Zahl der kantonsfremden in Zürich wohnhaften Schweizer.

Während Zürich bis dahin beinahe rein protestantische Bewohner zählte, lebten in den 1930er Jahren rund 30 Prozent Katholiken. Der Anteil anderer Konfessionen beschränkte sich lange Zeit auf ein bis zwei Prozent der Bevölkerung.

Das Bauen veränderte sich

Mit der Bevölkerung wuchsen seit 1893 auch die Zahl der Wohngebäude und Wohnungen wie auch die Wohnflächen in selben Verhältnis. Kurz vor der zweiten Eingemeindung aber veränderte sich dieses Verhältnis. Während die Bevölkerungszahl 1930 rund vier Fünftel grösser war als noch bei der Ersten, hat sich die Zahl der Wohngebäude bereits verdoppelt, jene der Wohnungen sogar um fünf Viertel erhöht. Zwischen 1920 und 1930 stieg die Wohnungszahl jährlich um 1719 an.

Bereits 1890 verfügten die Stadt Zürich und die später eingemeindeten Vororte über eine Bauordnung, die Grenzabstände und Gebäudehöhen regelte. Zwar gab es auch Zonenpläne, aber Nutzungsvorschriften gab es keine. Damit entstanden neben Wohngebäude gewerbliche Einrichtungen oder kleinere Industriebauten. Unabhängig von der Topografie waren bis zu 20 Meter hohe Gebäude zulässig. Zudem gab es keine Gebiete, in denen überhaupt nicht hätte gebaut werden dürfen. Lediglich Wald und Gewässer waren von einer Bebauung ausgenommen.

Ordnung im Bau schaffen

Die erste umfassendere Bauordnung wurde dann 1931 erlassen. Darin wurden Bauzonen und für rund 60 Strassenabschnitte die Gebäudehöhen festgelegt. Weil nach der Eingemeindung auch noch die Bauordnungen der Vororte galten, kam es zu einem «regelrechten Durcheinander von Bestimmungen innerhalb der Stadt», schreibt das Amt für Städtebau der Stadt Zürich in einer Publikation.

Das ändert sich mit der Bau- und Zonenordnung von 1946, denn «das Thema der geplanten Stadt international, national und regional lag in der Luft, als sich Zürich entschied, die Arbeit an einem umfassenden Regelwerk aufzunehmen. Zum einen war die BZO 46 also eine Massnahme, um aktuellen Erkenntnissen hinsichtlich eines modernen Städtebaus zum Durchbruch zu verhelfen. Zum anderen war sie eine Reaktion auf die rasante bauliche Entwicklung.

Vor allem aber sollte sie in der Stadt wieder für klare und einheitliche Verhältnisse sorgen.», heisst es weiter. Zudem setzte sich die Stadt seit Beginn des 20. Jahrhunderts für den Wohnungsbau ein und förderte den Bau von gemeinnützigem und günstigem Wohnraum. Dies tat sie in dem sie Land im Baurecht abgibt, Restfinanzierungsdarlehen gewährt oder sich am Anteilkapital beteiligt. Die Grundsätze für den gemeinnützigen Wohnungsbau von 1924 sind noch heute gültig.

Klar ist: Die Stadterweiterung 1893 hat einen Stein ins Rollen gebracht, der für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt Zürich und für ihre nationale Ausstrahlung bis heute von Bedeutung ist.

Während in den Aussenquartieren Zürichs in der Folge Schulen, Sportplätze und Gewerbe entstanden, wurden die Gebäude in den Innenstädten eher umgewandelt und teilweise vergrössert. Erhalten blieb neben der Altstadt auch die drei Hauptkirchen Gross-, Fraumünster und St. Peter, das Rathaus, die Zunfthäuser, der Zürcher Hauptbahnhof oder auch der Rechberg.

(Der Landbote)

Erstellt: 04.01.2018, 17:04 Uhr

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