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Belgiens Premier stemmt sich gegen CoronaAls Team gegen das Virus

Alexander De Croo leitet eine schwache belgische Regierung, die zwischen den Landesteilen vermitteln und gleichzeitig gegen ausserordentlich hohe Pandemiezahlen kämpfen muss.

Alexander De Croo stammt aus Flandern, gehört aber nicht zu den Rechtspopulisten, die dort die stärkste politische Kraft sind.
Alexander De Croo stammt aus Flandern, gehört aber nicht zu den Rechtspopulisten, die dort die stärkste politische Kraft sind.
Foto: Jasper Jacobs (Reuters)

Als sich Alexander De Croo Ende September als neuer belgischer Regierungschef präsentierte, gab er eine interessante Devise aus. «Mit Taktik gewinnt man Spiele, mit Teamwork gewinnt man Meisterschaften», sagte er und zitierte damit Michael Jordan, die Basketball-Legende der Chicago Bulls. Damals appellierte der Liberale aus Flandern sowohl an die sieben Parteien seiner Koalition, die sich 15 Monate nach der Wahl auf ein Programm geeinigt hatten, als auch an die Opposition, die Konflikte zwischen den Niederländisch sprechenden Flamen und den französischsprachigen Wallonen nicht «künstlich» aufzubauschen.

Schon damals galt Belgien als Corona-Risikogebiet, doch seither hat sich die Lage verschärft. Das Virus wütet in kaum einem Land stärker als im Königreich. Dort wurden laut EU-Seuchenschutzbehörde in den vergangenen 14 Tagen pro 100’000 Einwohner 1735 Infektionen gemeldet. In der Region Lüttich liegt der Wert bei 3396. Auch wenn Experten nun von ersten «Lichtblicken» und einer Stabilisierung der Zahl an Intensivpatienten sprechen, bleibt die Lage ernst.

Ein Team von elf Millionen

Restaurants und Cafés hatten bereits vor zwei Wochen schliessen müssen, doch nun sind noch strengere Massnahmen nötig. Bis Mitte Dezember müssen alle «nicht essenziellen Geschäfte» schliessen, und die nächtliche Ausgangssperre wird verlängert. Die Warnung, dass sich Belgien «im Zustand des gesundheitlichen Notfalls» befinde, verkündet der 45-Jährige sachlich und ruhig. Das Bild vom Teamwork verwendet De Croo auch, wenn er die Belgierinnen und Belgier aufruft, zu Hause zu bleiben: «Als Team von elf Millionen werden wir stärker sein.» Wie kompliziert die Machtverhältnisse im Land sind, hat er als Kind gelernt. Sein Vater Herman war mehrmals Minister und Präsident des Abgeordnetenhauses.

Zu den Zuständigkeiten, über die Flandern, die Wallonie sowie die Hauptstadtregion Brüssel verfügen, gehört auch die Gesundheit, was effektive Anti-Corona-Massnahmen erschwert. De Croo fällt also die Aufgabe zu, zwischen den Landesteilen zu vermitteln und die jeweiligen Ministerpräsidenten zum Schulterschluss zu bewegen. Dabei hilft ihm, dass er exzellent Französisch spricht, was für Flamen ungewöhnlich ist. Seine Herkunft ist auch ein Grund, dass er Premier wurde: Nachdem die Regierung neun Jahre lang von Wallonen geleitet wurde, sollte wieder jemand aus dem wirtschaftlich starken Flandern an der Spitze stehen. Dies schien umso nötiger, als der neuen Regierung nicht jene beiden Parteien angehören, die 2019 in Flandern so gut abschnitten, dass sie auch landesweit ganz vorne lagen. Dies waren der rechtsextreme Vlaams Belang und die nationalistisch-separatistische N-VA. Letztere stellt auch den Ministerpräsidenten in Flandern, der zuletzt zögerte, der Zentralregierung zu folgen.

«Das Zeitalter der Frauen»

Beobachter trauen De Croo jedoch zu, diese Aufgabe zu meistern. Er gehörte seit 2012 jeder Regierung an und war etwa für Entwicklungszusammenarbeit, Rente und Finanzen zuständig. Diese Kenntnisse des oft als «labyrinthisch» beschriebenen Staatsaufbaus sollten ihm helfen, wenn das Virus besiegt ist: Die Staatsschulden dürften wegen Corona auf 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts steigen; auch der Brexit schadet dem Land.

Dass sich der Vater zweier Söhne als Fan von «Air Jordan» outete, lässt sich mit seiner Biografie erklären: In Chicago hatte De Croo 2004 einen Wirtschaftsabschluss gemacht. Damals arbeitete er für eine Unternehmensberatung, bevor er in die Politik wechselte. Indem er sein Kabinett mit neun Männern und zehn Frauen besetzte, folgte er der eigenen Überzeugung. 2018 erschien sein Buch «Das Zeitalter der Frauen. Warum Feminismus auch Männer befreit».

3 Kommentare
    A Kasper

    Interessante Reportage. Ich wusste nicht dass Belgien überhaupt noch eine Regierung hat.