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Miniatur des AlltagsAls jedes Auto bejubelt wurde

Die Grossmutter unserer Autorin wuchs in Küsnacht vor dem Ersten Weltkrieg auf. Eine Begegnung auf der Seestrasse lässt diese Zeit wieder auferstehen.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Olivier Samter

Die Karrosserie glänzt in der Sonne, das offene Verdeck lässt den Blick auf die Beifahrerin frei, die ihr Haar stilecht in ein Kopftuch gehüllt hat. Fast scheint es mir, als würde eine Hollywood-Diva wie Grace Kelly oder Audrey Hepburn vor mir chauffiert. Ich bin an diesem sonnigen Samstagvormittag auf der Seestrasse auf der Höhe von Erlenbach in Richtung Zürich unterwegs. Vor mir rattert ein Oldtimer der richtig alten Sorte. Welche Marke oder welches Modell es ist, das kann ich leider nicht beurteilen, mein Wissen über und meine Faszination für Autos hält sich eigentlich in Grenzen. Doch dieses schwarze Gefährt mit den hohen Reifen zieht mich in seinen Bann. Es lässt eine Zeit auferstehen, die schon längst vergangen ist – eine Zeit, in der es noch nicht einmal eine Grace Kelly gab.

Mir fallen die Geschichten meiner verstorbenen Grossmutter ein. Sie wurde 1904 geboren und ist in einem Küsnacht aufgewachsen, das in vielen Bereichen ganz anders war als das heutige Dorf. So hat sie uns Enkeln erzählt, wie sie und ihre beiden Schwestern als kleine Mädchen zur Seestrasse gerannt sind, wenn sich ein Auto näherte. Die Motoren hörten die Kinder schon von weitem und verglichen mit dem heutigen Seestrassenverkehr, waren die Autos im Schneckentempo unterwegs. Das sei ein solch aussergewöhnliches und seltenes Ereignis gewesen, dass sie jeweils gewinkt und gejubelt hätten, erinnerte sie sich immer.

So ähnlich wie der Oldtimer vor mir müssen die Autos anno dazumal ausgesehen haben. Als der Wagen das Küsnachter Ortsschild passiert, scheint mir, als würde die Welt in Schwarzweiss versinken. Für einen Augenblick meine ich, drei kleine Mädchen in Kleidchen und mit weissen Taschentüchern winkend am Strassenrand stehen zu sehen.