«Ein Weiterkommen ist nie selbstverständlich»

YB kann mit einem Sieg im Heimspiel gegen Porto zum dritten Mal den Sechzehntelfinal der Europa League erreichen. «Das wäre eine grosse Belohnung», sagt Sportchef Christoph Spycher.

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Die eine Szene spielt im Dezember 2010. Es ist weisser Winter, dampfende Young Boys freuen sich über ihr erstes Bestehen in der Europa League und geben nach einem 4:2-Sieg in dichtem Schneetreiben gegen den VfB Stuttgart euphorisiert Auskunft.

Goalie Marco Wölfli klopft sich den Schnee von den Hand­schuhen und sagt: «Das ist richtig schön. Allzu oft hat YB ja noch nicht im Europacup überwintert.» Neun Punkte nach sechs Spielen, YB steht in den Sechzehntelfinals.

Die andere Szene spielt im Dezember 2012. Es ist kalter Winter, bibbernde Young Boys müssen nach einem 3:1-Erfolg über Anschi Machatschkala über ein bitteres Aus in der Europa League reden. «Ich habe noch nie eine so harte Niederlage erlebt», sagt Moreno Costanzo nach dem Sieg, der kein wirklicher ist, stellvertretend für alle.

Zehn Punkte nach sechs Spielen, so viele wie die beiden Gruppenersten Anschi und Liverpool, «geschlagen» nur von der schlechten Bilanz in den Direktbegegnungen. YB scheidet aus.

Chancenlos in K.-o.-Runde

Es sind Befindlichkeiten, die die Erlebnisse der Young Boys in der Europa League ziemlich gut wiedergeben. Mal ist man knapp gescheitert, dann überzeugend weitergekommen.

Gegenwärtig bestreiten die Berner bereits die siebte Gruppenphase im kleineren der beiden europäischen Bewerbe, vieles mag sich hier – gerade nach dem märchenhaften Königsklassenherbst von 2018 – manchmal nach Pflicht anhören: Die kleine Schwester der Königsklasse fliegt etwas unter dem Radar, hat weniger Zuschauer, generiert kleinere Umsätze.

Doch dann kam das grosse Los, kamen Porto, die Rangers und Feyenoord, und vor allem siegte YB – erst gegen die Schotten, dann gegen die Holländer – und kann mit einem weiteren Erfolg gegen Porto zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte die Sechzehntelfinals erreichen.

«Das wäre eine grosse Be­lohnung», sagt Christoph Spycher, «weil ein Überwintern im Europacup nach wie vor speziell ist für einen Schweizer Verein.» Der heutige Sportchef war als Spieler dabei, als YB zwei Monate nach dem Stuttgarter Schneespektakel in der K.-o.-Runde gegen Zenit St. Petersburg antrat und nach einem 2:1-Heimsieg auswärts 1:3 verlor.

Er war dabei, als 2012 zehn Punkte nicht für die nächste Runde reichten. Und war als Spieler gerade erst zurückge­treten, als die Young Boys zum zweiten Mal die Gruppenphase überstanden, dann aber gegen Everton in zwei Spielen ohne jegliche Chancen blieben (1:4 und 1:3).

Und wenn es für die Young Boys auf ihren Europa-Fahrten mal nicht für einen europäischen «Winterstellplatz» reichte, dann meist knapp. Nicht nur 2012 schieden sie mit ziemlich vielen Punkten aus, auch 2016 war das so, acht Zähler waren es damals, die schlechtere Bilanz in der Direktbegegnung mit Olympiakos Piräus entschied.

«Ein Weiterkommen ist nie selbstverständlich für uns», sagt Spycher, der damals nach unruhigen Wochen im Verein unwillig früh auf die grosse Bühne zurückgekehrt war und seine ersten Schritte als YB-Sportchef machte.

Bereits in Zeiten von Schwarzweiss gelang Gelb-Schwarz der eine oder andere Vorstoss in Europas Elite. Es gab das 1:0 im damaligen Meistercup gegen Reims 1959, es gab einen Heimsieg gegen Real Madrid nach dem für lange Zeit letzten Meister­titel 1986. Zu Hause spielte YB immer gut, ging dann oft auswärts unter.

Heute ist eine andere Zeit, die Young Boys sind gewachsen, wirtschaftlich und sportlich, sie haben an Erfahrung und Umsatz zugelegt. Doch in Europa zählen sie in vielen Vergleichen noch immer zu den Kleinen: Allein Porto hat eine fast dreimal so teure Mannschaft wie YB.

Beeindruckende Heimbilanz

Geblieben ist den Young Boys die ausgeprägte Heimstärke. In Bern mussten sich schon Schwergewichte wie Juventus oder Tottenham geschlagen geben, in den bislang sechs Europa-League-Kampagnen (ohne Qualifikation) hat YB neunzehn Heimspiele bestritten, dreizehn davon gewonnen und dabei 44 Tore erzielt.

Den Grossteil der Punkte haben die Berner auswärts verspielt: Nur zwei Spiele hat YB gewonnen, dabei mehr als 30 Tore kassiert. «Europäisch ist es auswärts schwieriger als sonst schon», erklärt Spycher, «es gibt viel Ungewohntes, das Reisen, neue Stadien, fremde Sprachen.»

Seit die Berner auf der Erfolgswelle surfen, ist ihnen der Anhang auch international wieder mehr zugetan. Gegen Porto ist das Stade de Suisse ausverkauft, gegen die Rangers (26'000) und Feyenoord (27'000) war es annähernd voll – mit 28'370 macht das den bislang besten Zuschauerschnitt in einer Europa-League-Saison. Noch höher dürfte er ausfallen, wenn die Young Boys im Fe­bruar einen Sechzehntelfinal bestreiten. Den ersten Matchball dazu haben sie heute.

Erstellt: 28.11.2019, 10:46 Uhr

Warum YB ein Sieg heute reicht, um sicher weiterzukommen

Bezwingt YB am Donnerstagabend den FC Porto, steht der Schweizer Meister in den Sechzehntelfinals der Europa League.

Aber warum eigentlich – schliesslich könnten die Rangers und Feyenoord doch auch noch auf zehn Punkte kommen?

Gemäss Artikel 16 des Uefa-Reglements zur Europa League entscheidet bei Punktgleichheit zwischen zwei oder mehr Mannschaften zuerst die Bilanz aus den Direktbegegnungen. Und diesbezüglich steht sogar bereits fest, dass YB im Fall, dass die drei Teams am Ende zehn Punkte hätten, Gruppensieger wäre. Die Young Boys würden zwar das letzte Spiel in Glasgow verlieren, hätten aber aus den vier Direktduellen sieben Punkte geholt (2:1 gegen die Rangers, 2:0 gegen Feyenoord, 1:1 in Rotterdam). Die Rangers wären auf Rang 2 dank der beiden Heimsiege.
Und Feyenoord wäre mit vier Punkten aus den zwei Heimbegegnungen Dritter – und damit ausgeschieden.

Der FC Porto wiederum wäre bei einer Niederlage heute in Bern aus dem Rennen, weil seine Bilanz am schlechtesten wäre, hätte er am Ende wie die Rangers und Feyenoord Rotterdam sieben Zähler.

Selbstverständlich bietet die spannende Ausgangslage jede Menge weitere Konstellationen an. Zum Beispiel jene, dass alle Teams am Ende acht Zähler haben. (fdr)

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