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«Gregs Tagebuch»-Autor im Interview«Alle Kinder wollen doch Präsident werden»

Heute erscheint der 15. Band der Kultreihe. Autor Jeff Kinney hat ihn auf dem Friedhof geschrieben – weil er dort seine Ruhe hatte während des Lockdown.

«Ich hatte schon Ambitionen, Rockstar oder so», sagt der Bestseller-Autor Jeff Kinney.
«Ich hatte schon Ambitionen, Rockstar oder so», sagt der Bestseller-Autor Jeff Kinney.
Foto: Filip Wolak

Es gibt eine Frage, die meine Kinder immer umtrieb: Wie alt ist Greg eigentlich?

Das wüsste ich auch gern! Ich werde oft danach gefragt, aber ich habe keine Antwort. Vielleicht ist er 11 oder 12. Aber ich denke nicht zu sehr darüber nach. Ich mag es, ihn mir so als allgemeines Kind vorzustellen, da ist das Alter nicht so wichtig.

Auf jeden Fall ist es immer gleich: Greg erlebt Halloween oder geht in die Sommerferien, aber gleichzeitig bleibt er stehen.

Genau. Das ist der Grund, warum er nie Geburtstag feiert, ich möchte die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf dieses Thema lenken. Wir denken ja auch nicht darüber nach, wie alt Donald Duck ist. Es gibt diese Charaktere, die sich nie verändern.

Inzwischen werden die Bände von «Gregs Tagebuch» in 53 Sprachen übersetzt, die Auflage ist bei 194 Millionen Exemplaren weltweit: Greg ist fast so berühmt wie Donald Duck.

Das wäre schön!

War es auch das Ziel? Auf der ersten Seite von Band eins liessen Sie Greg schreiben, dass er einmal reich und berühmt werden will.

Es ist lustig: Wenn ich ausserhalb von Amerika unterwegs bin, werde ich oft gefragt, warum Greg denn ausgerechnet das als Erstes in sein Tagebuch geschrieben hat. Ich bin dann immer überrascht, denn eigentlich denke ich, dass doch alle Kinder Präsident werden wollen – oder Quarterback eines Football-Teams oder Schauspieler. Ich frage die Leute dann immer, ob sie nicht auch selber reich und berühmt werden wollten – und viele sagen Nein. Vielleicht ist das also typisch amerikanisch. Für mich ist Greg auch in dieser Hinsicht einfach ein durchschnittliches Kind.

Zu Beginn von Band 15 ist es fast Lockdown-mässig eng bei der Familie Heffley.
Zu Beginn von Band 15 ist es fast Lockdown-mässig eng bei der Familie Heffley.
Illustration: 2020, Wimpy Kid, Inc.

Wollten Sie selber denn schon immer reich und berühmt sein?

Nicht unbedingt reich. Aber ich hatte schon Ambitionen. Rockstar oder so.

Aber Politiker eher nicht, oder? Sie bauen jedenfalls kaum je Aktualitäten in die Geschichten ein.

Ich mache manchmal Andeutungen. Im 13. Band etwa gibt es eine geteilte Strasse, die Kinder spalten sich in Gruppen und bauen dann tatsächlich eine Mauer. Aus Schnee, aber sehr solid. Expliziter werde ich nie. Es geht mir nicht um Tagespolitik, eher um die Wahrheiten dahinter.

Im neuen Band schien es zunächst um Aktuelles zu gehen, Greg beklagt sich auf der ersten Seite, dass er ständig mit seiner Familie zu Hause hocken muss. Da dachte ich sofort: Corona. Aber das wars dann doch nicht.

Ich begann mit diesem Band tatsächlich am Anfang des Lockdown. Und ich war sicher, dass die Pandemie noch nicht vorbei sein würde, wenn er herauskommt. Ich musste also das Virus irgendwie zur Kenntnis nehmen. Gleichzeitig gibt es in Zusammenhang mit diesem Virus so vieles, das nicht lustig ist, dass ich es nicht zum Thema machen wollte. Also habe ich Greg und seine Familie wegen eines Umbaus in eine Art Quarantäne versetzt. So konnte ich dieselbe Art von Witzen machen.

Sie haben selber zwei Teenager-Söhne. Wurde es da auch mal eng im Lockdown?

Ich konnte tatsächlich nicht gut zu Hause arbeiten. Also fuhr ich jeden Tag zum Friedhof. Dort sass ich dann auf einer Decke mit meinem iPad und tippte.

Wie viele eigene Erfahrungen stecken in den Büchern?

In den ersten Büchern habe ich viele eigene Geschichten verwertet – natürlich in übertriebener Form. Dann wurde die Fantasie immer wichtiger. Von meinen beiden Söhnen taucht dagegen erstaunlicherweise nicht viel auf. Aber klar, dass ich Kinder hatte, dass ich damit ein zweites Mal die Kindheit sehen konnte, hat mir schon sehr geholfen.

Greg ist nicht unbedingt ein nettes Kind, im Originaltitel der Reihe ist er ein «wimpy kid», ein feiges Kind.

Na ja, nicht nett … Ich würde sagen, er ist sehr selbstbezogen. Er ist noch keine voll entwickelte Person, er schafft es nicht, empathisch zu sein und über sich selbst hinauszuschauen. Aber das ist normal für ein Kind. Genauso wie es normal ist, dass er die Erwachsenen alle seltsam findet. Oder dass er seinen besten Freund Rupert auch mal hängen lässt.

Rupert würde das nie tun.

Nein, der ist wirklich reinen Herzens. Ein Kind, das gerne ein Kind ist – das mag ich an ihm. Er ist eine Art moralisches Zentrum der Geschichte. Mittlerweile schreibe ich auch Bücher über ihn, als eine Erweiterung des Greg-Universums.

«Meine Familie und die Familie Obama an einer Osterfeier, das war schon eine denkwürdige Erfahrung.»

Was ist Ihr Ziel? Band 100?

Sagen wir, Band 21? Man muss ja immer damit rechnen, dass das, was jetzt populär ist, irgendwann einmal nicht mehr ankommt. Ich denke deshalb viel darüber nach, was wirklich zählt für mich. Aber im Moment habe ich gerade ein wirklich gutes Leben. Ich kann Kinder zum Lachen bringen, das ist nötig, gerade jetzt. Ich bin viel unterwegs, treffe berühmte Leute, war im Weissen Haus, erlebe alle möglichen verrückten Dinge.

Wie war es denn im Weissen Haus?

Ich war zu einer Osterfeier eingeladen, als Obama Präsident war – meine Familie und die Familie Obama, das war schon eine denkwürdige Erfahrung. Ich war auch einmal zum Lunch bei George W. Bush. Ich kenne also beide Seiten des politischen Spektrums.

Aber Donald Trump hat Sie nie eingeladen?

Nein. Ich hätte die Einladung auch nicht akzeptiert. Es war eine schreckliche Zeit mit ihm für die USA, ich kann es nicht erwarten, bis das endlich vorbei ist. Und es wird vorbei sein, ganz egal – ob er es akzeptiert oder nicht. Am 20. Januar wird Joe Biden Präsident sein.

Und Sie werden es sich tatsächlich verkneifen können, in Band 16 den einen oder anderen Trump-Witz zu platzieren?

Ach, diese Präsidentschaft war ja selbst schon fast Satire. Das kann man nicht karikieren.

Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 15 – Halt mal die Luft an! Baumhaus, Köln 2020. 224 S., ca. 25 Fr.