Winterthur

350 Franken nicht bezahlt – aus Versehen

Ein Mann musste sich vor Gericht verantworten, weil er in einem Coop Waren für rund 350 Franken an der Self-Checkout-Kasse nicht bezahlt hatte. Vom Vorwurf des Vorsatzes wurde er freigesprochen.

Das Self-Checkout System ist anfällig für Diebstahl. Der Vorsatz lässt sich zudem schwer nachweisen.

Das Self-Checkout System ist anfällig für Diebstahl. Der Vorsatz lässt sich zudem schwer nachweisen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sei eine miserable Woche gewesen. «Ich musste als Kadermitglied im Betrieb Leute entlassen, mir stand eine Operation bevor, und in unserer Beziehung kriselte es.» Es sei ihm nicht gut gegangen an jenem Freitagabend, erklärt der Angeklagte, ein Familienvater und Betriebsökonom mit gut bezahltem Job, vor Bezirksgericht. Trotzdem habe er am Abend nach der Arbeit wie üblich in einem Winterthurer Quartier-Coop noch den Familieneinkauf erledigt.

«Ich kaufe dort nicht mehr ein, ich schäme mich zu sehr.»Angeklagter

Die Artikel scannte er mit dem Selfscanning-System Passabene. Allerdings nicht alle. Das fiel einer Mitarbeiterin auf. Sie informierte den Chef, und nach der Kasse fing er den Mann ab. 18 Artikel hatte der Kunde nicht gescannt, der Gesamtwert dieser Waren, vor allem Fleisch und Wurst, lag bei 350 Franken. Der Filialleiter liess die Polizei kommen, der Angeklagte musste sich vernehmen lassen.

Gestern nun stand er vor Bezirksgericht. Die Staatsanwaltschaft beantragte, ihn wegen Diebstahls mit einer Geldstrafe und einer Busse zu belegen.

Gekühlte Waren vergessen

Bei der Befragung wollte der Richter genau wissen, weshalb der Angeklagte nicht alle Artikel gescannt habe. Die Erklärung wirkte abenteuerlich. «Ich verwende eine Kombination der vorhandenen Scanning-Systeme. Ungekühlte Ware scanne ich jeweils sofort mit dem Passabene-System, für die gekühlten Waren nutze ich dann ganz zum Schluss das Self-Checkout.» Und diesmal habe er die Tasche mit den gekühlten Waren schlicht vergessen. «Ich hatte den Kopf nicht bei der Sache», so der Mann. «Ist ihnen beim Zahlen denn nicht aufgefallen, dass der Betrag viel zu tief war für die vielen Waren?» Gescannt hatte er nämlich nur Artikel im Wert von 82.60 Franken. Nein, das habe er nicht bemerkt. «Ich schaute den Zettel gar nicht an, ich war mit den Gedanken woanders.»

Laut dem Richter zeigte die Überwachungskamera, dass der Angeklagte beim Einkaufen Musik gehört hatte. «Hat sie das abgelenkt?» fragte der Richter. «Ja, ich wollte einfach abschalten.» Weshalb er sich denn entschieden habe, die beiden Zahlsysteme Passabene und Self-Checkout zu kombinieren, fragte er weiter.

«Es lässt sich nicht nachweisen, was sie sich genau überlegt haben. Wir können uns nur auf Indizien stützen»Der Richter in seiner Urteilsbegründung

«Ich machte das früher schon so.» Auf den Einwand des Richters, das sei eher ungewöhnlich meinte der Angeklagte. «Ich sage nicht, dass es sinnvoll war, aber ich habe es einfach so gemacht.»

Nachdem der Filialleiter ihn angesprochen habe, habe er sich mehrfach entschuldigt, so der Angeklagte. «Es war mir gar nicht recht.» Auch die Umtriebsentschädigung habe er sofort bezahlt.

In die betreffende Coop-Filiale gehe er seither aber nicht mehr. «Ich schäme mich zu sehr.» In anderen Coop-Läden kaufe er aber immer noch ein. Denn Coop hob das sofort ausgesprochene Hausverbot wieder auf, nachdem sich der Angeklagte noch schriftlich entschuldigt hatte. Coop hat auch keine Zivilansprüche geltend gemacht. Im Gegenteil, es liegt sogar eine so genannte Desinteressens-Erklärung des Detailhänders vor.

Der Anwalt plädierte auf Freispruch. Dies sei ein Fall, mit dem sich das Bezirksgericht eingetlich gar nicht hätte beschäftigen sollen, befand er. «Aber die Staatsanwaltschaft hielt trotz Desinteressens-Erklärung von Coop an der Anklage fest.»Es sei jedoch klar, dass der Angeklagte das Zahlen aufgrund der widrigen Umständen, mit denen er zu kämpfen hatte, schlicht vergessen habe. «Er hat sich nämlich noch nie etwas zuschulden kommen lassen und ein Strafregistereintrag wäre eine riesige Katastrophe für ihn.»

Der Arbeitgeber verlange regelmässig Strafregisterauszüge und bei einem Eintrag würde der Mann seine Anstellung verlieren. «Niemals hätte er das wegen einer so geringen Summe bewusst aufs Spiel gesetzt.» Zudem verdiene der Angeklagte gut, hätte die Waren also problemlos zahlen können. «Es fehlt an einem Motiv.» Ebenso fehle der Vorsatz.

Nie habe die Absicht bestanden, sich eine fremde Sache anzueignen. «Es war reine Fahrlässigkeit. Würde der Angeklagte verurteilt, müsste jeder Konsument, der Selfscanning nutzt, mit einer Anzeige wegen Diebstahls rechnen, wenn beim Scannen etwas vergessen geht.» Deshalb plädiere er auf Freispruch, zudem seien die Gerichtsgebühren und Anwaltskosten zu übernehmen und dem Angeklagten eine Entschädigung zuzusprechen.

Der Richter folgte der Argumentation des Anwalts und sprach den Mann vom Diebstahl frei. «Es lässt sich nicht nachweisen, was sie sich genau überlegt haben. Wir können uns nur auf Indizien stützen», sagte der Richter. Und aufgrund der geschilderten Umstände und der widerspruchsfreien Aussagen gebe es Zweifel an der Schuld. «Sie hatten kein Motiv . Und da eine Strafe für sie grosse Konsequenzen hätte, glaube ich nicht, dass sie bewusst vorgegangen sind.»

«Das tönt nach Ausrede»

Ganz einzuleuchten schienen die Erklärungen des Angeklagten dem Richter aber doch nicht. Die Begründung, er habe die beiden Bezahlsysteme gemischt, töne eher nach einer Ausrede. Und das Mass der Unkonzentriertheit sei doch sehr gross gewesen. «Da aber auch Coop glaubt, dass der Angeklagte nicht absichtlich gehandelt hat, haben wir im Zweifel für ihn entschieden.»

Die Kosten für das Verfahren und den Anwalt, mehrere tausend Franken müsse er jedoch selber tragen. Sein Verhalten sei trotz allem rechtswidrig und schuldhaft gewesen. Auch eine Entschädigung erhält der Angeklagte nicht.

Erstellt: 25.05.2018, 16:02 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben