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Ein einmaliges Projekt107 Kilometer laufen – ohne dabei einen Augenblick zu sehen

Weil sie wegen des Coronavirus nicht an einem Marathon starten konnte, wurde Chantal Cavin erfinderisch: Die blinde Spitzensportlerin lief mit Begleiterin Karoline Aebi-Popp von Basel nach Bern.

Ein eingespieltes Team: Chantal Cavin (links) folgt dem Band und den kurzen Befehlen ihrer Begleiterin Karoline Aebi-Popp.
Ein eingespieltes Team: Chantal Cavin (links) folgt dem Band und den kurzen Befehlen ihrer Begleiterin Karoline Aebi-Popp.
Foto: Raphael Moser

Das blaue Band ist nur ein paar Zentimeter lang. Doch das Vertrauen, das in dieses Stück gesetzt wird, ist grenzenlos. «Es fühlt sich an wie ein Hund an einer engen Leine, ich kann gar nicht viel falsch machen», sagt Chantal Cavin. Die Bernerin ist blind, kann nur Licht und Dunkelheit voneinander unterscheiden. Was Cavin meint, zeigt sich am Dienstagnachmittag auf der Wankdorfkreuzung in Bern. Sie ist mit ihrer Begleiterin Karoline Aebi-Popp seit Stunden unterwegs, über 100 Kilometer haben die beiden Frauen in den Beinen. Und um sie herum nimmt gerade der wiedererwachte Feierabendverkehr Fahrt auf. Doch Aebi-Popp lotst Cavin am blauen Band sicher über die letzte heikle Passage ihrer Reise. Vor dem Stade de Suisse fallen sie sich schliesslich in die Arme. Hier endet ihr Projekt, das als Schnapsidee begonnen hat – als Corona-Schnapsidee.

Ursprünglich wollte Cavin den Genf-Marathon bestreiten. Doch als dieser und alle weiteren Wettkämpfe abgesagt wurden, musste ein neues Ziel her. Aebi-Popp und Cavin wohnten einst selbst in Basel, also fassten sie den Entschluss, von Basel nach Bern zu laufen, einen grossen Teil davon über die alte Römerstrasse. 107 Kilometer und 1546 Höhenmeter in 2 Tagen. «Wir hätten das auch an einem Tag geschafft», sagt Cavin. «Nur möchte ich schon bald wieder trainieren. Bei einer solchen Belastung wäre dies allerdings nicht möglich.»

Dem Schicksalsschlag getrotzt

Sport ist Chantal Cavins Lebenselixier. Das war schon immer so – und daran konnte selbst ein tragischer Unfall nichts ändern. Mit 14 Jahren prallte sie im Judotraining hart auf den Hinterkopf. Es bildete sich eine Blutung im Sehzentrum, Cavin erblindete vom einen auf den anderen Tag. Eine Lehrerin brachte die Teenagerin dann mit dem Schwimmsport in Kontakt. Sie setzte damit den Auftakt zu einer unglaublich erfolgreichen Karriere. Cavin wurde die beste sehbehinderte Schwimmerin der Welt, sie war Welt- und Europameisterin, nahm mehrmals an den Paralympics teil und schwamm Weltrekord. Schliesslich wechselte sie zum Triathlon, wobei sie gleich aufs Ganze ging: Fünfmal absolvierte Cavin einen Ironman (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42,195 km Laufen). Und nun ist die 42-Jährige also eine ziemlich ambitionierte Läuferin. Bei ihrer Marathon-Premiere erreichte sie das Ziel nach 3 Stunden und 16 Minuten – ohne sich spezifisch darauf vorbereitet zu haben. Das ist eine überaus starke Leistung. Mittlerweile beträgt ihre Bestleistung 3:14 Stunden, sie möchte diese bald verbessern.

Doch der Leistungssport, er ist an diesem Dienstagmorgen weit weg, als sich Aebi-Popp und Cavin im Hotel in Oensingen vorbereiten, um den zweiten Teil ihres Projekts in Angriff zu nehmen. Schon lange könnten sie loslaufen, doch sie zögern. «Weil wir nicht wussten, wie sich unsere Beine beim Anlaufen anfühlen würden», wird Cavin später sagen. Die Befürchtungen weichen aber Schritt für Schritt. Die Beine sind auch an diesem zweiten Tag gut, die 50 Kilometer vom Vortag kaum spürbar. Doch als das Bernbiet bereits erreicht ist, geraten die beiden Athletinnen ins Stocken.

Erst gibt der Akku von Aebi-Popps Handy den Geist auf. Die entsprechende Onlinekarte mit dem vorgegebenen Weg ist damit Geschichte. Also setzen die beiden auf Google Maps – nur lotst sie dieses Programm über die Hauptstrassen. Manche von ihnen haben kein Trottoir. Für Cavin und Aebi-Popp, die Seite an Seite laufen müssen, damit Erstere den kurzen Befehlen der Begleiterin folgen kann, ist das äusserst gefährlich. Nun müssen sie immer wieder Passanten nach Alternativen fragen. Das kommt nicht immer gut, manchmal laufen sie in die falsche Richtung, einmal müssen sie ein Salatfeld überqueren. Das ist gerade für Aebi-Popp eine Herausforderung, weil sie für zwei Personen schauen, jedes Hindernis und jede Gefahr erfassen muss. «Sie ist immer ruhig geblieben, obschon sie müde war. Das ist krass», sagt Cavin.

Zwei grosse Blasen und einige Anekdoten

Aebi-Popp ist eine von mehreren Begleitpersonen Cavins. Seit vier Jahren laufen die beiden Frauen nun schon zusammen. Kennen gelernt haben sie sich im Internet. Cavin suchte nach Guides für lange Trainings. Aebi – eben nach Bern umgezogen – lief zwar gerne, aber kannte die Stadt noch nicht. Also meldete sie sich. Zwar komme es heute noch vor, dass sie sich in Bern verlaufe, erzählt die Deutsche lachend. «Dann sage ich jeweils Chantal, was ich sehe, und sie sagt mir dann, wo wir durchlaufen müssen.» Besser kann man die Verbundenheit der beiden nicht erklären.

Geschafft: Am Dienstagnachmittag erreichen Aebi-Popp und Cavin Bern. Hinter ihnen liegen 107 Kilometer und ein veritables Abenteuer.
Geschafft: Am Dienstagnachmittag erreichen Aebi-Popp und Cavin Bern. Hinter ihnen liegen 107 Kilometer und ein veritables Abenteuer.
Foto: Raphael Moser

Was bleibt nach ihrer Reise? Die Anekdoten natürlich. So hörte Cavin auf dem Hauenstein, wie eine Gruppe Soldaten um Hilfe rief. Aebi-Popp, eine Ärztin, glaubte, dass es sich um einen Teil einer Übung handle. Doch Cavin riet, kurz nachzuschauen. Und tatsächlich: Ein Soldat war kollabiert, Aebi-Popp leistete Erste Hilfe, bis der Notarzt kam. Und dann wären da noch die beiden Blasen an Cavins Füssen. Um trotz ihnen weiterlaufen zu können, griff sie kurzerhand zur Schere, schnitt einen Teil ihrer Laufschuhe weg. Sofort würden sie wieder ein solches Projekt in Angriff nehmen, betonen die beiden Frauen. «Es war wie eine Woche Ferien», sagt Aebi-Popp, «weil wir so viel zusammen erlebt haben.» Rund elf Stunden betrug die reine Laufzeit, die sie für die 107 km benötigten – das ist eine starke Leistung. Das blaue Band haben sie mittlerweile losgelassen. Nun verbindet sie darüber hinaus ein einmaliges Projekt.

1 Kommentar
    Eric M

    Großartig!