Der ohrenbetäubende Lärm unzähliger Kuhglocken schallt durch die Limmatstrasse in Zürich. Rund 350 Landwirte in Hirtenhemden und «Kuh-T-Shirts» sind Richtung Limmatplatz unterwegs, um vor dem Hauptsitz der Migros gegen die Milchpreispolitik des Grossverteilers zu demonstrieren. Unter ihnen befinden sich über 40 Bauern aus der Region Pfannenstiel. Mit Sonnenbrillen bewaffnete Polizisten sorgen dafür, dass der Zug - samt den drei Kühen an der Spitze - freie Bahn hat. Passanten bleiben belustigt stehen, entzückte Japaner greifen zu den Kameras, von Balkonen und aus Fenstern wird gestaunt, fotografiert und sogar gewunken. Kurz vor Mittag trifft der «Alpaufzug» am Limmatplatz ein.
«Die Bauern sind wütend», sagt Ruedi Steiger, Landwirt aus Uetikon. Wütend auf den Grossverteiler Migros, der sich in letzter Zeit «inakzeptabel» verhalten habe. Am 18. Juni beschloss die Branchenorganisation Milch (BOM), den Milchpreis um drei Rappen zu erhöhen. «Die Migros hat diesen Entscheid unterstützt», sagt Steiger, «aber umgesetzt hat sie ihn nicht.» Zurzeit erhalte ein Landwirt zwischen 54 und 57 Rappen für einen Liter Milch. «Mit diesem Preis», betont Steiger, «kann kein Bauer langfristig überleben.» Es sei eine Sauerei, wie der Grossverteiler mit den Bauern umgehe, empört sich eine Biobäuerin vom Pfannenstiel.
Vor dem Migros-Hauptsitz ist das Gedränge gross: Vertreter sämtlicher namhafter Medien scharen sich um die Bauern, filmen, fotografieren und befragen sie eifrig. Kari Häcki, Co-Präsident der Organisation von Milchproduzenten (Big-M), betitelt die Migros als «hinterhältig». Er wirft ihr vor, die Milchwirtschaft «gnadenlos in den Ruin zu treiben» und ihre Konsumenten mit falschen Informationen einzudecken. Migros gibt sich bedeckt
Die Bauern zeigen nach jeder Parole der Migros ihre roten Karten. Vors Mikrofon treten wollte vom Grossverteiler niemand. Vertreter der Pressestelle verteilten lediglich ein Communiqué mit dem Inhalt, dass man die Sorgen der Milchbauern ernst nehme, die Vorwürfe jedoch zurückweise. Hauptursache für die Probleme auf dem Schweizer Milchmarkt sei die Überkapazität. Auf direkte Fragen will Martin Schläpfer, Wirtschaftspolitiker bei der Migros, nicht antworten. «Wir nehmen hier keine Stellung», lautet sein knapper Kommentar. «Wir haben ein reines Gewissen», erklärt Jürg Maurer, stellvertretender Leiter Wirtschaftspolitik. Die Migros zahle den Milchproduzenten massiv mehr, als diese angäben. Die Aussagen der Bauern seien polemisch. Genaue Zahlen will aber auch er nicht nennen. Feldarbeit nach Demo
Die befragten Passanten zeigen mehrheitlich Verständnis für die Demonstranten. «Die Migros zeigt in ihren Spots eine heile Welt», sagt ein bärtiger Mann, «und dabei zahlen sie den Bauern lausige Preise.» Die Landwirte müssten sich ja irgendwie wehren, findet ein Dame. Drei junge Männer im Café verfolgen amüsiert den Aufstand. Einer findet, dass er die Bauern durchaus verstehe, er jedoch den Eindruck habe, dass diese immer etwas zu jammern hätten. «Die haben doch eine starke Lobby in Bern», sagt er, «die werden schon für sie schauen.»
Nach einer guten Stunde ziehen die Demonstranten - so friedlich wie sie gekommen sind - wieder ab. Transparente werden eingerollt und Treicheln im Bus verstaut. Nach der Demo in der Stadt ist wieder Arbeit auf dem Feld angesagt. |