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Samstag, 13. März 2010
Der reuige Dieb und seine «Mutti»
Hombrechtikon Liebe hinter Gittern - ungleiches Paar kämpft gegen Trennung
Er ging hinter dem Rücken seiner Partnerin auf Diebestour an der Goldküste. Trotzdem liebt die Hombrechtikerin ihren Peter abgöttisch.
Daniel Fritzsche
 
Damals noch in Freiheit: Gerd Peter Bernert und Monika Gander auf einem Wochenendtrip in Paris vor zwei Jahren. (zvg)
 

Grau in Grau. Das Bezirksgefängnis Affoltern ist keine Augenweide. Der bewölkte Himmel passt zur trostlosen Szenerie. Vor einer mächtigen Stahltür steht Monika Gander. Die 39-jährige Hombrechtikerin drückt auf einen Knopf und wartet. Sie kennt den Drill. Es piepst, die Tür öffnet sich, ein Wärter sagt: «Hallo». Handy, Mantel und Handtasche verstaut Gander in einem Garderobenkasten. Dann durchschreitet sie einen Metalldetektor. «Alles in Ordnung», sagt der Wärter. Er kennt die Frau bestens, die seit einem halben Jahr jeden Mittwochnachmittag für eine Stunde auf Besuch kommt.

In einem karg eingerichteten Raum setzt sich Monika Gander an einen Tisch und wartet erneut. Kleine Fenster mit Gitterstäben zeigen auf einen Innenhof. Dunkelhäutige Gefangene spielen Basketball. Gander verschwendet keinen Blick darauf, stattdessen füttert sie einen Kaffeeautomaten mit Münzen. Den vollen Plastikbecher stellt sie neben sich auf den Tisch. «Einmal mit Zucker», sagt sie. «So wie er ihn mag.»

Wer liebt einen Verbrecher?

Monika Gander wartet auf Gerd Peter Bernert, ihre «grosse Liebe». Seit neun Jahren kennen sich die beiden. Der deutsche Staatsbürger sitzt im Gefängnis, weil er 2008 und 2009 an der Goldküste und andern Regionen der Schweiz 48 Diebstähle begangen hatte. Meist schlich er sich in Bürogebäude und steckte herumliegende Portemonnaies ein. Insgesamt ergaunerte er so 50 000 Franken. Körperliche Gewalt wendete er auf seinen Diebestouren keine an. Seiner Freundin Monika, mit der er schon einige Jahre zusammenlebte, verschwieg er die Taten. Diese dachte gutgläubig, ihr Liebhaber ginge einer regulären Arbeit nach. Das Bezirksgericht Meilen hatte den deutschen Dieb im November 2009 zu einer Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Davon musste er die Hälfte absitzen. Nächsten Monat kommt er auf freien Fuss.

Im Besucherraum des Bezirksgefängnisses ist es still. Wie kann man einen Verbrecher lieben? Warum hält man ihm auch dann die Treue, wenn er einen unverfroren angelogen hat? «Im Kern ist Peter ein guter Mensch», meint Monika Gander später. «Aber er braucht eine Person, die ihm Halt gibt. Ich versuche, diese Person zu sein.» Nach fünf Minuten dreht ein Schlüssel im Schloss. Die Tür springt auf - und Monika Ganders Augen beginnen zu leuchten. Im Schlepptau eines andern Wärters trottet Gerd Peter Bernert über die Schwelle.

Der kleine, drahtige Mann mit Bürstenschnitt küsst seine aufgesprungene Freundin auf den Mund. «Na, du?», fragt er mit einem spitzbübischen Grinsen. Die beiden drücken sich fest. Der Wärter zieht sich zurück. Nun beginnt das ungleiche Liebespaar offen zu reden. Da ist nämlich etwas, das die beiden seit ein paar Tagen intensiv beschäftigt.

«Danke, Mutti»

Ursprünglich wollte das Paar nach Bernerts Entlassung erneut gemeinsam nach Hombrechtikon ziehen, heiraten und eine Familie gründen. «Das ist ein lange gehegter Wunsch von uns», sagt Monika Gander. Seine kriminelle Vergangenheit plante der Deutsche endgültig hinter sich lassen: «Ich wollte reinen Tisch machen», sagt er. Seinen Opfern schickte der Dieb einen Brief, in dem er die Absicht bekräftigte, seine Schulden zurückzuzahlen - «natürlich nach und nach und in Raten, so wie es den Umständen möglich ist.» Als Beweis für seinen guten Willen zeigt Bernert zwei Einzahlungsscheine in Höhe von 140 und 50 Franken, die er bis jetzt beglichen hatte. Kurz hält Bernert in seinem Redeschwall inne und gönnt sich einen kleinen Schluck Kaffee aus dem bereitgestellten Plastikbecher. «Lecker! Danke, Mutti», sagt er augenzwinkernd. Monika Gander stupst ihn mit dem Ellbogen an.

Dunkle Wolken über ihrer gemeinsamen Zukunft zogen auf, als Gerd Peter Bernert vor kurzem eine Meldung des Migrationsamtes erreichte. «Wir hatten alles geplant», sagt er. «Und plötzlich: bumm! Es war wie ein Schock!» Das Amt teilte dem Deutschen mit, dass er das Land zu verlassen habe. «Mir wurde ein Schweiz-Verbot erteilt», sagt er. «Vielleicht ist es, weil ich ein Deutscher bin», witzelt er. Die Sache sei ihm aber todernst. «Muss ich das Land verlassen, dann muss ich auch Moni verlassen.» Das sei für ihn unvorstellbar. Und auch für seine Gläubiger hätte dies Nachteile. Vom Ausland her könne er die gestohlenen Summen «unmöglich» zurückzahlen. «Hier in der Schweiz hätte ich rasch Arbeit gefunden», glaubt er. «In fünf Jahren hätte ich alles zurückgezahlt. Ehrlich.» Monika Gander verdreht die Augen. «Typisch Peter! Voller Enthusiasmus. Aber zehn Jahre würde es mindestens dauern.» Bernert äugt zu seiner Partnerin hinüber: «Dann arbeite ich halt auch nachts.» Und sie: «Wers glaubt? Dann hätten wir ja gar kein Familienleben mehr.»

Wegen «Republikflucht» gefoltert

Die Gefährdetenhilfe, ein christliches Hilfswerk, mit dem Bernert in regem Kontakt steht, nimmt den Gefangenen als «freundlich, korrekt, hilfsbereit, humorvoll und positiv eingestellt» wahr. Das ist kaum zu glauben, wenn man seine bewegte Lebensgeschichte kennt. Geboren ist er vor bald 50 Jahren in der DDR. Früh verlor er seinen Vater bei einem Autounfall. Als 18-Jähriger floh er, versteckt in einem Gepäckabteil eines Zuges, in den Westen. Die Stasi lockte ihn verdeckt zurück und kerkerte ihn ein. Drei Jahre lang wurde er wegen «Republikflucht» in einem Sondergefängnis des Geheimdienstes festgehalten. Mit Schlafentzug versuchten die Aufseher, ihn gefügig zu machen. Noch heute kann Bernert nicht länger als sechs Stunden am Stück schlafen.

Anstatt sich nach seiner Entlassung gesetzeskonform zu verhalten, geriet Bernert immer stärker auf die schiefe Bahn. In einer Pizzeria, in der er angestellt war, unterschlug er Geld («Es war einfach zu verlockend») und flüchtete dann in den Balkan, um einer Gefängnisstrafe zu entkommen. Dort lernte er serbokroatisch, was ihm im Schweizer Gefängnisalltag einige Vorteile brachte. «Ich kann mich hier fast mit jedem Knasti unterhalten», sagt Bernert. An Weltläufigkeit und Intelligenz mangelt es dem bald 50-Jährigen tatsächlich nicht. Er spricht fünf Sprachen und hat eine gute Allgemeinbildung. Sein kriminelles Doppelleben konnte er dadurch hervorragend verheimlichen - auch seiner eigenen Freundin.

Den Tiefpunkt seiner «Knast-Karriere» erreichte er vor 20 Jahren in Thailand, wo er mit einem deutschen Geschäftspartner ein Restaurant führte. Weil dieser einen Mord verübte, von dem Bernert wusste, es aber nicht verhinderte, wurde er - ein Sonderfall des thailändischen Rechts - mitverurteilt. Die ursprüngliche Todesstrafe setzte der thailändische König höchstpersönlich auf eine lebenslängliche und schliesslich auf eine deutlich verkürzte Haftzeit herab. Über die Zeit im asiatischen Gefängnis schweigt sich Bernert aus. «Es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen», sagt Monika Gander später. Folter und absolut unzulängliche Platz- und Hygieneverhältnisse machten ihm zu schaffen. «Dagegen», sagt der Deutsche, «haben wir es hier in Affoltern geradezu schön.»

Einen positiven Aspekt hatte der Gefängnisaufenthalt in Thailand immerhin: Dort erreichte ihn eines Tages ein Brief von einer Schweizerin, die über einen Bericht in einer Zeitschrift auf das Schicksal des Gefangenen aufmerksam wurde. Diese Schweizerin war Monika Gander. Aus der Brieffreundschaft entwickelte sich eine Liebe, die auch nach dem ersten physischen Zusammentreffen vor acht Jah- ren, Bestand hatte. Monika Gander überlegt sich nun, ob sie ihrem Mann ins Ausland folgen soll oder ob sie bei ihren Söhnen aus einer früheren Ehe in der Schweiz bleiben möchte. «Es ist eine unlösbare Aufgabe», sagt sie sichtlich gerührt. «Ich verstehe einfach nicht, weshalb das Migrationsamt mit einer solchen Entscheidung eine Beziehung, ja sogar ein Leben zunichte macht.»

Nach einer Stunde ist die Besuchszeit zu Ende. Der Wärter holt Bernert ab. Nach einer letzten Umarmung und einem dicken Kuss verschwindet der Gefangene wieder im Betonblock. Monika Gander verlässt den Raum, packt Handy, Mantel und Handtasche, drückt einen Knopf, es piepst, die schwere Stahltür öffnet sich, und die Hombrechtikerin verschwindet.


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