Sterbehilfe

Das Wort eines «verirrten Hirten»

Der Churer Bischof Vitus Huonder sorgt mit seinen Äusserungen zur Sterbehilfe für Kopfschütteln. Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli hält die Bischofsworte für Realsatire. Bernhard Sutter von Exit bezeichnet sie als mittelalterlich.

Sorgte wieder einmal  für Kopfschütteln: Bischof Huonder mit seinen Äusserungen zur Sterbehilfe.

Sorgte wieder einmal für Kopfschütteln: Bischof Huonder mit seinen Äusserungen zur Sterbehilfe. Bild: Keystone

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Ausgerechnet auf den Tag der Menschenrechte, den 10. Dezember, hat Bischof Vitus Huonder seine Ansichten zur Sterbehilfe terminiert. Nachdem in den sozialen Medien und in Leserbriefspalten bereits heftig darüber debattiert worden ist, äussern sich nun auch die beiden grossen Sterbehilfeorganisationen Exit und Dignitas. Beide zählen christliche Gläubige in grosser Zahl zu ihren Mitgliedern. Trotzdem halten sie die bischöflichen Worte für wirkungslos, weil weltfremd. Während Exit eher zurückhaltend reagiert, geht Dignitas in die Offensive: «Das sind die Worte eines verirrten Oberhirten», sagt Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli.Das Corpus Delicti: Bischof Huonder schreibt, nicht der Mensch, sondern Gott bestimme über Leben und Tod. «Wo ich sterbe, wann ich sterbe, wie ich sterbe, überlasse ich der weisen Vorsehung Gottes.» Während er Palliative Care (schmerzlindernde Behandlung) weitgehend gutheisst, lehnt Huonder Sterbehilfe vehement ab: «In keinem Fall aber darf Sterbebegleitung Beihilfe zum Suizid sein.» Freiwillige Beihilfe zum Selbstmord verstosse gegen das «sittliche Gesetz», zitiert Huonder aus dem katholischen Katechismus. Am umstrittensten sind Huonders Äusserungen zu den Sterbesakramenten. Nehme jemand Suizidhilfe in Anspruch, seien «die Voraussetzungen zum Empfang der Sterbesakramente» nicht mehr gegeben, sagt der Bischof auch an die Adresse der Priester. Deren Pflicht sei es nämlich, sterbende Patienten von einem «selbstzerstörerischen Vorhaben» abzubringen.

Trost und Beistand entziehen

Wie verträgt es sich mit dem Gebot der Barmherzigkeit, wenn der Bischof leidenden, kranken und sterbenden Menschen auch noch die Sterbesakramente vorenthalten will? Diese Frage steht im Zentrum der Debatte. Auch Dignitas greift sie in ihrer kürzlich publizierten Entgegnung auf. Solange Huonder das Gebot der Barmherzigkeit nur predige und nicht in die Tat umsetze, dürfe er sich nicht wundern, «wenn immer mehr Menschen den kirchlichen Institutionen den Rücken kehren und ihr Heil anderswo suchen». Und weiter schreibt Dignitas: «Indem Bischof Huonder festhält, im Falle der Suizidhilfe sei die Voraussetzung für den Empfang der Sakramente durch Priester nicht gegeben, entzieht er vielen Christen in einer für sie wichtigen Stunde den tröstenden Beistand.» Dignitas deckt auch Widersprüche in Huonders Argumentation auf. Es sei nämlich längst so, dass in der Praxis nicht Gott entscheide, wann das Leben tatsächlich ende, sondern medizinisches Fachpersonal. «Würde der Mensch – die Mediziner und Pflegefachleute – (...) den Dingen freien Lauf lassen, würden viele Menschen deutlich früher sterben (...), in einigen Fällen unter schrecklichen Qualen.»

Widerspruch einlegen

Auf Anfrage bezeichnet Minelli die bischöflichen Ausführungen als «Realsatire». Realsatire deshalb, weil sich Huonder ausgerechnet auf die Menschenrechte bezieht. Diese umfassten auch das Recht, über Art und Zeitpunkt des eigenen Lebensendes zu entscheiden, wie höchste Gerichte festgestellt hätten. Zwar habe ein sehr grosser Teil der Dignitas-Mitglieder einen christlichen Hintergrund. Das halte sie aber nicht davon ab, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Minelli zitiert einen sterbewilligen Gäubigen so: «Ich habe grosses Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit, dass er versteht, dass mein Leiden nicht mehr aushaltbar ist.» So gesehen verhallten Huonders Worte wirkungslos. «Aber es ist wichtig, dass die Zivilgesellschaft bei solchen Äusserungen Widerspruch einlegt», begründet Minelli die schriftliche Entgegnung.

Auch Exit-Geschäftsführer Bernhard Sutter glaubt, dass Huonders Äusserungen «keinen grossen Einfluss haben». Er schätzt, dass 90 Prozent der Patienten, die mit Exit sterben, einer der beiden grossen Landeskirchen angehören. Diese Gläubigen hätten keine Probleme, ihre Religiosität mit der Sterbehilfe zu vereinbaren. «Sie machen das persönlich mit ihrem Gott aus», sagt Sutter. Huonder argumentiere aus strenggläubiger, mittelalterlicher Weltsicht. Weil das nichts Neues ist, mag er sich nicht gross aufregen — auch deswegen nicht, weil Exit konfessionell neutral ist. «Es ist wie mit der Empfängnisverhütung», sagt Sutter: «Auch sie ist aus katholischer Sicht verboten, aber nur strenggläubige Katholiken halten sich daran.»

Reformierte Freitodbegleiter

Bei Exit kommt laut Sutter zum Ausdruck, dass die katholische Obrigkeit mit der Sterbehilfe generell mehr Mühe hat als die reformierte. Die reformierte Kirche räume zwar der Selbstbestimmung einen wichtigen Platz ein, stehe der Sterbehilfe aber skeptisch gegenüber. Allerdings beschäftigt Exit laut Sutter ehrenamtlich arbeitende Freidtodbegleiter, die als reformierte Pfarrer arbeiten oder arbeiteten. Katholische Priester als Exit-Sterbebegleiter sind Sutter hingegen keine bekannt.

Wichtiges Detail in der Sterbehilfe-Debatte: Rund 80 Prozent der Sterbewilligen, welche die Beratungen von Exit oder Dignitas in Anspruch nehmen, verzichten am Ende auf die Selbsttötung. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 07.12.2016, 18:57 Uhr

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