| SCHLAGZEILEN |
| Zürichsee-Zeitung rechtes Ufer / Samstag, 12. März 2005 |
| |
| Wo ist das Geld geblieben? |
| Stäfa: Der Verlust der Beizgenossenschaft Rössli Stäfa beträgt über 400 000 Franken |
| |
| Die Forderungen an die konkursite Beizgenossenschaft Rössli Stäfa sind höher als erwartet ? sie betragen rund 460 000 Franken. Die meisten Gläubiger werden leer ausgehen. Die Verantwortlichkeiten sind noch ungeklärt. Derweil macht sich im «Rössli» ein neues Team daran, die Zukunft der Beiz zu sichern ? die Genossenschafts-Ära ist vorbei. |
| Andreas Schürer |
| |
 |
| Personal und Hausgenossenschaft kämpfen unverdrossen um die Existenz des Restaurants Rössli ? und halten den Betrieb auch nach dem zweiten Desaster innert kurzer Zeit aufrecht. Anna Moser |
| |
Die Vergangenheitsbewältigung ist in vollem Gange. Erste gesicherte Fakten sind erschreckend: Die Beizgenossenschaft Rössli Stäfa, die im August 2003 als Ersatz für die konkursite Vorgänger-Genossenschaft gegründet wurde und im November 2004 ebenfalls in Konkurs ging, sieht sich mit Forderungen in der Höhe von 460 000 Franken konfrontiert. Werner Ritter, Notar auf dem Konkursamt Stäfa, sagt: «Dass es so viel ist, hätte ich zu Beginn des Konkursverfahrens nicht gedacht.» Damals wurde von 180 000 Franken gesprochen. Die meisten Gläubiger werden keinen Rappen sehen. Zweit- und Drittklassforderungen sind nicht gedeckt ? also weder die Forderungen der AHV noch jene der Lieferanten. Verlierer sind auch die Darlehens-Geber, die im Sommer 2003 einen Neustart ermöglicht hatten. Rund 100 000 Franken sind damals zusammengekommen. Mietzins- und Lohnforderungen sind gemäss einer Schätzung des Konkursamtes zu 37 respektive 54 Prozent gedeckt. Ungemach droht auch den ehemaligen Vorstandsmitgliedern der konkursiten Beizgenossenschaft ? neben dem Ex-Geschäftsführer ein ehemaliger Koch und zwei Mitglieder des Vorstands der Hausgenossenschaft, der die Liegenschaft an der Bahnhofstrasse gehört. Gemäss Ritter haften sie persönlich für die Forderungen der AHV.
Keine Zahlen zur Badi-Gastronomie
Wie die Beizgenossenschaft in wenig mehr als einem Jahr über 400 000 Franken Verlust erwirtschaften konnte, ist noch unklar. Fest steht, dass die Buchhaltung chaotisch respektive teilweise gar nicht vorhanden ist ? insbesondere fehlen Zahlen zu der von der Beizgenossenschaft im Sommer 2004 geführten Gastronomie im Seebad Lattenberg. Diese hat, wie regelmässige Besucher unschwer abschätzen können, einen hohen Umsatz generiert ? ein Umsatz, der heute nur geschätzt werden kann. Ein Restaurant-Angestellter berichtet, dass im Seebad regelmässig bis zu 5000 Franken am Tag umgesetzt worden seien. «Wo das Geld hin ist, ist uns allen ein Rätsel», bringt er die Verunsicherung der Angestellten auf den Punkt. Im «Rössli» zu vernehmende Spekulationen, der ehemalige Geschäftsführer habe beträchtliche Geldsummen abtransportiert, werden von Notar Ritter weder bestätigt noch dementiert. «Die Abklärung der Verantwortlichkeiten ist noch nicht abgeschlossen», sagt er. Offen ist auch noch, ob das Konkursamt Verantwortlichkeitsklage wegen unterlassener Aufsichtspflicht gegen die drei anderen Vorstandsmitglieder der Beizgenossenschaft einreichen wird. Die Hausgenossenschaft, die einen Verlust von rund 20 000 Franken gewärtigen muss, verzichtet ihrerseits auf rechtliche Schritte gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Beiz. «Das würde uns nur weitere Kosten bringen», sagt Vorstandsmitglied Maarten Linthorst. Die Hausgenossenschaft zähle darauf, dass das Konkursamt von Amtes wegen aktiv werde. Der ehemalige Geschäftsführer selber ist seit Dezember 2004 für die «ZSZ» unerreichbar, so auch gestern.
«Tradition wiederbeleben»
Trotz der Wirren ? der Betrieb des Restaurants ist gesichert. Mit dem Konkursamt hatte die Hausgenossenschaft letzten November vereinbart, dass sie den Betrieb weiterführen kann und zu diesem Zweck die Betriebsgesellschaft Restaurant Rössli Stäfa GmbH gegründet. Der Auftrag des Hauses an die Interims-Geschäftsführerin Denise Fleury lautete, den Betrieb zu stabilisieren ? so lange, bis eine Nachfolgelösung gefunden sein würde. Dies ist nun der Fall. Ein Stäfner und eine Stäfnerin werden die Rössli GmbH demnächst übernehmen: Louis Blattmann und Mirjam Weinmann. Blattmann verfügt über mehrjährige Erfahrungen in der Führung und Beratung von Gastronomie-Unternehmen, Weinmann hatte mehrere Jahre die operative Leitung der Schauspielhaus-Kantine im Schiffsbau inne. Sowohl Blattmann als auch Weinmann sind im «Rössli» bekannte Gesichter ? und werden mit einigem Wohlwollen loslegen können. Die Übergabe der Leitung von Denise Fleury an das neue Duo wird in den nächsten Wochen erfolgen. Blattmann sagt: «Wir werden nicht mit einem Big Bang starten, sondern sukzessive die laufenden Geschäfte übernehmen.» Details zum Konzept wollen Blattmann und Weinmann erst zu einem späteren Zeitpunkt kommunizieren ? um nicht schon vor dem Start zu hohe Erwartungen zu wecken. Wichtig ist für sie aber, wie Blattmann sagt: «Das ?Rössli? soll wieder eine Dorfkantine und ein Treffpunkt werden.» Hausvorstand Linthorst meint: «Für uns war es wichtig, jemanden zu finden, der neue Akzente setzen und die Tradition des Hauses wiederbeleben kann. Das ist uns gelungen.»
Keine Genossenschaft mehr
Zumindest eine Tradition verschwindet: Die älteste Genossenschafts-Beiz im Kanton Zürich verliert ihre in den Gründerjahren ideologisch definierte juristische Form, sie wird definitiv zur GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung). Die Genossenschafts-Ära ist zu Ende. Linthorst, seit Langem im «Rössli» involviert, nimmt es gelassen: «Eine GmbH bedeutet nicht automatisch autoritäre Entscheidungswege. Es ist eine Frage des Führungsstils.» Blattmann unterstreicht: «Die juristische Form ist sekundär. Wir werden die flachen Hierarchien beibehalten und weiterhin als Team auftreten.» Der alten Form weint Linthorst keine Tränen nach, im Gegenteil, es bleibt ein schaler Nachgeschmack: «Zuletzt wurde die Genossenschaftsidee ad absurdum geführt.» Wenn der Präsident der Genossenschaft gleichzeitig Geschäftsführer sei und seine Vorstandskollegen kaum informiere, könne von einem guten Kollektiv keine Rede mehr sein. Dass die klassische Genossenschaftsidee tot ist, hat für Linthorst aber auch andere Gründe. «Genossenschafter sein, heisst auch Verantwortung zu übernehmen. Diese wird heute aber eher gescheut. Viele Junge wollen lieber angestellt sein und geregelte Ferien haben.» |
|
|
|
|
|
|
|