Alle Kanadier erinnerten sich: Journalisten, TV-Reporter, die Fans auf der Strasse - auch die nicht besonders Eishockeyinteressierten. Die 0:2-Niederlage anlässlich der Olympischen Spiele von Turin 2006 sollte endlich getilgt werden. Tickets für diese Revanche wurden kurz vor dem Spiel auf der Strasse für 600 Dollar angeboten, damit man dabei sein konnte im Canada Hockey Place von Vancouver mit 19 300 anderen Zuschauern.
Und die Partei begann auch wie ein Rachefeldzug - die Kanadier powerten mit unglaublicher Wucht, fuhren eine Angriffswelle nach der anderen in Richtung Jonas Hiller. Es war, wie wenn die Kanadier mit vier ersten Linien agieren würden. Die Schweizer kamen kaum einmal über die Mittellinie hinaus. Weg mit dem Puck, war die Devise. Und wegen drei kleiner Strafen war an Erholung zu keiner Sekunde zu denken. Ein Wunder, dass die Schweiz nach dem ersten Drittel nur mit 0:1 zurücklag. Unglaubliche Wende
Nach zwei Dritteln sah alles ganz anders aus. «Unglaublich», das war das meistgehörte Wort. Ivo Rüthemann bezwang mit einem Knaller das kanadische Torhütermonument Martin Brodeur - und mit Glück (Schlittschuh- Eigentor von Marleau) kam gar der Ausgleich zu Stande. Wie hatte doch Roman Wick vorausgesagt: «Die Kanadier werden noch eine Stufe schneller und härter spielen als die USA.» Ja, das taten sie, aber die Schweizer haben mitgezogen. Und jetzt verteilten auch sie noch und noch krachende Checks und gaben die Blessuren aus dem ersten Drittel zurück.
Jonas Hiller war die grosse Figur in diesem Abnützungskampf. «The save of the day» (die Parade des Tages), wurde ihm von einem kanadischen TV-Reporter zugestanden. Der Appenzeller machte 44 Chancen der Kanadier zunichte und führte die Schweiz ins Penaltyschiessen. Und da brauchte es schon zwei Anläufe von Jungstar Sidney Crosby, ehe sich Hiller (entscheidend) bezwingen lassen musste.
Nach einem dramatischen Spiel auf höchstem internationalen Tempolevel entschied das Penaltyschiessen gegen die Schweiz. Der Underdog, der nach Turin aus kanadischer Sicht eigentlich keiner mehr sein durfte, hat das Wunder von Turin fast wiederholen können. Und darf zurecht stolz sein. Stolzer Ralph Krueger
«Meine Mannschaft hat unglaublichen Mut gezeigt, in dieses Spiel zu-rückzukommen», meinte ein sichtlich stolzer Nationaltrainer Ralph Krueger, «meine Spieler haben so diszipliniert gespielt. Ich glaube, wir waren sogar einiges besser als in Turin, weil wir viele Chancen herausspielten und ein 0:2 wettgemacht haben.»
Es gilt festzustellen, dass dieses Kanada (noch) nicht wie der sichere Goldfavorit aussieht. Erstaunlich war nicht, dass die Kanadier wie im ersten Drittel unglaublich Druck machten, erstaunlich war, wie sie es nicht geschafft haben, den Vorsprung zu verwalten. Dafür gebührt der Schweizer Mannschaft höchster Respekt. Aber den Einheimischen ist nicht entgangen, dass dies eine Schwäche war. «Die gute Neuigkeit ist, dass das Spiel um die Goldmedaille noch nicht morgen stattfindet», meinte Sidney Crosby ironisch.
Im letzten Gruppenspiel trifft die Schweiz heute Samstag (21.00 Uhr MEZ) auf Norwegen. Nach Abschluss der Vorrunde werden alle 12 Teams in einem Ranking aufgelistet. Die ersten vier Teams sind dann direkt für die Viertelfinals gesetzt - die anderen acht spielen eine Partie um die restlichen vier Plätze aus (5. gegen 12., 6. gegen 11. usw.). |