Eishockey

«Und schon war ich weg»

Er hoffte darauf und fühlte sich trotzdem überrumpelt: Der Zürcher NHL-Profi Sven Andrighetto erzählt vom Trade nach Colorado, der schwierigen Zeit in Montreal und sagt, wieso er nicht über seine Vertragssituation nachdenkt.

Geniesst die Zeit in der Heimat: Der Zürcher NHL-Spieler Sven Andrighetto.

Geniesst die Zeit in der Heimat: Der Zürcher NHL-Spieler Sven Andrighetto. Bild: David Kündig

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Sven Andrighetto hat sich in den letzten Monaten in verschiedenen Welten bewegt. Die Saison begann der 24-Jährige bei den Montreal Canadiens. Bei der erfolgreichsten Organisation der NHL-Geschichte kam der Flügelstürmer aber nicht über Einsätze in den hinteren Linien hinaus. Zwischendurch musste er auch ins Farmteam (St. John’s IceCaps).

Mit dem Trade Anfang März nach Denver zu Colorado Avalanche änderte sich die Situation grundlegend. Der seit sechs Jahren in Nordamerika tätige Schweizer Nationalspieler erhielt viel Eiszeit. Und er sammelte mit starken Leistungen (5 Tore und 11 Assists in 19 Spielen) gute Argumente für eine Vertragsverlängerung. Die WM hat Andri­ghetto wegen einer Leistenverletzung verpasst. Jetzt steckt er bereits wieder im Sommertraining.

Sie sind nun seit einiger Zeit zurück in der Schweiz. Wie wichtig ist es für Sie jeweils, wieder heimzukommen?
Sehr wichtig. Meine Familie lebt hier, alle meine Kollegen aus der Jugend. Es ist cool, sie zu sehen.

Wie haben Sie sich von der ­Saison erholt?
Ich machte zwei Wochen lang Ferien in Florida. Danach kam ich zurück in die Schweiz. Vor einigen Tagen begann ich wieder mit Krafttraining.

Genügt diese kurze Pause wirklich, um Abstand zu bekommen, mental wieder bereit zu sein?
Mir reicht das. Ich konnte abschalten und die Erlebnisse der letzten Saison verarbeiten.

Sie erlebten intensive Monate in Übersee. Welche Momente sind besonders geblieben?
Vor allem die Schlussphase. Am 1. März, am Tag der Trade-Deadline, wurde ich wegtransferiert.

Wie hat sich das abgespielt?
Um 14 Uhr erhielt ich einen Anruf von Montreals General Manager. Er sagte, ich sei zu Colorado getradet worden. Daraufhin meldete sich der GM von Colorado und hiess mich in der Organisation willkommen. Anschliessend rief die Sekretärin meines neuen Klubs an. Knapp drei Stunden später ging mein Flug nach Denver. Ich hatte also nicht viel Zeit, um meine Sachen zusammenzupacken. Und schon war ich weg.

Gab es im Vorfeld von Klubseite her Anzeichen, dass man Sie weggeben würde?
Nein. Aber ich und mein Agent hofften darauf. Als es passierte, nahm es mich trotzdem mit. Ich war nicht parat dafür.

Weshalb hofften Sie auf einen Klubwechsel?
Ich war gerne in Montreal, konnte aber nicht genug spielen. Die Canadiens hatten eine starke Mannschaft. Ich war in der vierten Linie oder nur 13. Stürmer, stand pro Spiel zwischen fünf und zehn Minuten auf dem Eis. Das ist weniger als noch im Vorjahr. Ich bekam diese Saison nie die Chance, mich wirklich zu zeigen. Aus welchem Grund auch immer. Ich bin jung, habe es einigermassen geschafft, mich in der NHL festzusetzen. In meinem Alter muss ich aber Teil eines Klubs sein, der auf mich setzt, der mich weiterbringen kann.

Es tönt so, als sei der Wechsel eine Erlösung gewesen.
Ja. Es war eine schwierige Situation, in der ich steckte. Darüber nachdenken darf man aber nicht. Man kann es nicht ändern.

Wie behält man in einer solchen Phase den Fokus?
Man braucht eine gute Einstellung. Die Körpersprache muss immer positiv bleiben, schliesslich ist man in der NHL. Und man darf nicht vergessen: Viele Spieler würden viel dafür tun, für die Canadiens antreten zu können. Natürlich gab es Zeiten, in denen ich negative Gedanken hatte. Das aber ist bei jedem so. Egal wie wenig Eiszeit man hat, man muss bereit sein, um die Chance zu nutzen, wenn sie kommt.

Der Wechsel nach Colorado war Ihre Chance. Welche Gedanken schossen Ihnen nach dem Trade durch den Kopf?
Ich freute mich wahnsinnig, rief sofort meine Eltern an. Logisch war ich ein wenig nervös, da etwas Neues auf mich zukam. Gut war, dass ich Avalanche-Verteidiger Mark Barbeiro bereits aus Montreal kannte, sogar mit ihm gewohnt hatte. Er half mir, mich in Colorado schnell zu integrieren.

Von Anfang an lief es Ihnen im neuen Team. Ist die Formel wirklich so einfach: Mehr Vertrauen vom Trainer plus mehr Eiszeit ergibt mehr Skorerpunkte?
Schaut so aus. (lacht) So einfach ist es natürlich nicht. Aber ich spürte von Anfang an viel Vertrauen, spielte in der zweiten Linie, später auch in der ersten Linie und im Powerplay. Das gab zusätzlichen Auftrieb. Man getraut sich, Dinge zu probieren. Fehler passieren ja sowieso. In Colorado munterten mich die Trainer nach solchen auf, in Montreal wurde man dafür zusammengestaucht. So wird man ängstlich, will vor allem keine Fehler begehen. Und wer so denkt, der hat bereits verloren.

In Montreal ist auch der Erfolgsdruck massiv höher als in Denver.
Die Bedeutung von Eishockey in Montreal ist krass. Ich war kein Star, vor allem letzte Saison nicht. (lacht) Aber wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewegte, wollte immer jemand ein Foto machen oder ein Autogramm haben.

Und wie ist es in Denver?
Hier erkennt mich niemand. Ich kann in Ruhe einen Kaffee trinken. Das ist angenehm. Alles ist weniger hektisch als in Montreal. Man hat ein Leben neben dem Eishockey.

Und wie sehen die sportlichen Perspektiven aus? Seit Jahren war kein NHL-Team mehr so schlecht wie Colorado zuletzt.
Wir haben wirklich nicht häufig gewonnen. Es hat viel Talent in der Mannschaft. Die Mischung stimmte aber nicht. Das will das Management ändern. Das Team soll verjüngt und von Grund auf neu aufgebaut werden. Für mich ist die Situation optimal. Ich bin ja auch noch ein junger Spieler.

Hatten Sie sich in den schwierigen Momenten in Montreal eigentlich mit einem Wechsel in die NLA beschäftigt?
Eine Rückkehr während der Saison stand nie zur Diskussion. Um die Weihnachtszeit herum sprach ich mit meinem Agenten André Rufener über meine Optionen für die nächste Saison. Klar ist: Hätte ich in Montreal bleiben müssen, hätte ich wohl nur noch sehr wenig gespielt.

Durch den Wechsel ist diese ­Frage wohl vom Tisch, wo Sie Ihre Karriere fortsetzen.
Ja. Es war ein Neuanfang für mich in Nordamerika. Es waren aber nur 19 Spiele in Colorado. Das ist nicht viel. Die Verantwortlichen waren Ende Saison mit mir zufrieden, wollen mich zurückholen. Das ist ein gutes Zeichen.

Ihr Agent verhandelt also mit Colorado über einen neuen Vertrag?
Ja. Aber über den Stand der Verhandlungen weiss ich wenig. Ab und zu informiert er mich.

Mit den Vegas Golden Knights entsteht für nächste Saison ein neues Team. Das macht die Vertragssituation komplex. Um die Rechte an Ihnen zu behalten, muss Colorado Sie vor dem Expansion Draft schützen. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Schwierig zu sagen. Colorado muss sich entscheiden. Wenn sie mich nicht schützen, habe ich die Chance, dass mich Las Vegas übernimmt. Wenn ich in Denver bleiben kann, ist es super. Nimmt mich Las Vegas, ist es ebenfalls super, weil es ja heisst, dass sie mich wollen. Darüber nachzudenken bringt nichts. Ich habe es nicht unter Kontrolle.

Inwiefern ist es hilfreich, dass Sie schon lange in Nordamerika sind und sich an die bisweilen rauen Sitten und die Ungewissheit im Eishockeygeschäft gewöhnt haben?
Ich weiss mittlerweile, wie die Dinge ablaufen. Man darf nichts persönlich nehmen. Das aber muss man erst realisieren.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.06.2017, 10:19 Uhr

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