Zu Beginn des Jahres meldet eine Hundebesitzerin telefonisch, dass sie beim Spazieren einen lebensschwachen Fuchs am Wegrand liegend gefunden habe. Nachdem sie den genauen Fundort beschrieben hat, setzt sich der Tierarzt mit dem für dieses Jagdrevier zuständigen Jagdaufseher - der Kanton St. Gallen kennt die Revierjagd - in Verbindung. Der Umgang mit Wildtieren ist im eidgenössischen Jagdgesetz geregelt. Dieses droht in Artikel 17 jenem mit Strafe, der vorsätzlich und ohne Berechtigung Tiere jagdbarer und geschützter Arten jagt oder tötet. Der Tierarzt kann deshalb in diesem Fall nicht von sich aus handeln. Der herbeigerufene Jäger erlegt das Tier und bringt es in die Praxis, da der Verdacht besteht, dass der Fuchs an Staupe erkrankt ist.
Die Staupe, eine mit den menschlichen Masern verwandte Virusinfektion (Morbillivirus), ist vor allem bei unseren Hunden als schwerwiegende Krankheit bekannt. Aber nicht nur Haushunde, sondern auch andere Caniden (Familie der Hunde) wie der Fuchs und der Wolf können an Staupe erkranken. Auch Kleinbären, beispielsweise der Waschbär, oder die zur Familie der Marderartigen (Mustelidae) gehörenden Dachse, Marder und das flinke Wiesel werden von der Krankheit befallen. Die Tiere infizieren sich an erkrankten Trägern, die während Wochen das Virus über Speichel, Augensekret, Urin und Kot ausscheiden.
Beim Haushund verläuft die Krankheit oft fast unbemerkt, manchmal aber auch sehr schwerwiegend. Man kennt vier Verlaufsformen: die respiratorische mit Symptomen einer Lungenentzündung, die intestinale als Magen-Darm-Erkrankung, die nervöse mit Anzeichen von Meningitis und die cutane mit Hautausschlägen und als Hartballenkrankheit. Häufig beginnt Staupe mit respiratorischen Symptomen wie Bindehautentzündung, geschwollenen Mandeln und Husten, geht dann in intestinale Symptome mit Erbrechen und Durchfall über und endet in einer Meningitis mit Zittern, epilepsieartigen Krämpfen und Lähmungen. Vor allem bei der nervösen Form ist die Sterblichkeit hoch; wenn die Hunde überleben, tragen sie meist bleibende Schäden davon. Bei der Hartballenkrankheit ist jeder Schritt schmerzhaft.
Beim im sankt-gallischen Seebezirk krank aufgefundenen Fuchs bestätigt sich im Labor der Staupeverdacht. Weitere nachgewiesene Fälle sind aus dem Gaster und dem Zürcher Oberland bekannt. Die Wildtierstaupe hat damit von Osten her kommend unsere Region definitiv erreicht. Bis jetzt sind noch kaum Fälle von Hundestaupe in unserer Gegend diagnostiziert worden, da offenbar unsere häuslichen Vierbeiner durch die regelmässige Staupeimpfung gut geschützt sind. |