Reisen

Über die Kraft der Natur auf den schottischen Inseln

«Failte gu nan Eilean Siar» oder übersetzt aus dem Gälischen: «Herzlich willkommen auf den Äusseren Hebriden.» Für alle, die auf ihren Reisen Ruhe und Abgeschiedenheit suchen, ist die Inselkette das richtige Reiseziel.

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Haben Sie sich auch schon gefragt, ob es in Europa noch spannende Reisedestinationen gibt, welche bis heute von den grossen Touristenströmen verschont blieben? Ich wollte es wissen und machte mich auf die Suche. Bei meinen Recherchen bin ich auf die Äusseren Hebriden gestossen. Die Anreise zur Schottischen Inselgruppe ist relativ zeitintensiv und die dortige Tourismusinfrastruktur limitiert. Zudem darf das Wetterrisiko nicht unterschätzt werden. Doch ich hatte mein Reiseziel gefunden und sollte es nicht bereuen.

Mehr Tiere als Einwohner

Die Region der Äusseren Hebriden umfasst zwölf Inseln und erstreckt sich über eine Länge von gut 200 Kilometern. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation nimmt die Bevölkerungszahl seit Jahren kontinuierlich ab und beträgt inzwischen noch 27‘000 Personen. Umso zahlreicher präsentiert sich die Tierwelt. Neben den allgegenwärtigen Nutztieren (vor allem. Schafe und Hochlandrinder) verfügt die Gegend über eine vielfältige Fauna wie beispielsweise Hirsche, See- und Greifvögel sowie Robben und Wale. Um die landschaftliche Vielfalt der Äusseren Hebriden zu erkunden, lohnt es sich die Inselkette von Süden nach Norden zu bereisen.

Isle of Barra einfach

Als Ausgangspunkt wählt man am besten die kleine Insel Barra, welche auf zwei Arten zu erreichen ist. In der ersten, abenteuerlichen Variante fliegt man mit einer kleinen Linienmaschine ab Glasgow auf die Insel Barra. Aber Achtung, dort gibt’s keine Start- und Landepisten. Deshalb kann der Pilot die Maschine nur bei Ebbe sicher auf einem Sandstrand zu Boden bringen.

Ich habe mich dann für die zweite, die gemütlichere Variante mit dem Fährschiff ab Oban entschieden. Nach fünfstündiger Fahrt erreicht diese den Hafen von Castlebay, dem kleinen Hauptort der Insel Barra. Und man realisiert sofort, hier ticken die Uhren anders. Rund um den Pier säumen sich einige Häuser sowie vereinzelte Werkhallen. Im Hintergrund erhebt sich der Hausberg Heaval und mitten aus dem Meer ragt das Kisimul Castle. Die Ankunft des Fährschiffs bringt etwas Leben ins beschauliche Dorfleben.

Sturm und Sonne auf der Insel

Ein Fischer weist mir den Weg zum einfachen Campingplatz ausserhalb von Castlebay. Die erste Nacht zeigt bereits, was mich in den kommenden Wochen wettermässig erwartet: Ein gewaltiger Sturm zieht über die Insel hinweg und droht mein Zelt zu zerfetzen. Zudem sinkt die Temperatur innert kürzester Zeit auf gefühlte fünf Grad. Doch nach drei Stunden ist der Spuk vorbei und die Lage beruhigt sich. Der nächste Morgen startet mit Sonnenschein, sodass der Erkundung der kleinen Insel nichts mehr im Wege steht.

Zwei Tage später führt die Reise weiter via Eriskay zur Insel South Uist. Hier erwartet mich der 620 Meter hohe Beinn Mhòr. Früh morgens mache ich mich mit einer Wegbeschreibung aus dem Internet (Walkinghighlands) auf den Weg. Doch wer schön ausgeschilderte Wanderwege erwartet wird enttäuscht.

Zum Gipfel in vier Stunden

Dank guter Sicht habe ich jedoch mein Ziel stets vor Augen. Durch feuchte Moorlandschaften führt die Route zum eigentlichen Aufstieg. Dieser fühlt sich dann für einen Trekker relativ familienfreundlich an. Trotz schleichender Nebelschwaden erreiche ich den Gipfel nach vier Stunden.

Eine gewaltige Aussicht auf zahlreiche Lochs zwischen kleinen Hügeln bis hin zur Küste belohnt die Mühen des Berggängers. Nach diesem Erlebnis lässt sich der Rückweg leicht angehen. Aber man muss die Einsamkeit lieben, denn während der ganzen Tagestour ist mir keine Menschenseele begegnet. Da kommt es mir richtig gelegen, dass ich für die Nacht bei einer freundlichen Gastfamilie (B&B) ein Zimmer reserviert habe.

Das mysteriöse Valley House

Inzwischen habe ich North Uist erreicht. Besteht die Gefahr, dass auf diesen einsamen Inseln irgendwann Langeweile aufkommt? Nein, sicher nicht. Für Abwechslung kann man notfalls auch selbst sorgen.

Die Gastfamilie vom Vorabend hat mir die Geschichte von dem mit einem Fluch behafteten Valley Hous erzählt. Um 1900 liess ein schottischer Textilproduzent ein feudales Gutshaus auf einem kleinen Eiland erstellen. Dort gibt es kein Trinkwasser, was für die Bewohner immer mehr zum Problem wurde. Jahre später erbte sein Sohn das Anwesen. Doch er verprasste das Familienvermögen und ertrank stockbetrunken in den Fluten. Seitdem zerfällt das Valley House.

Nun mache ich mich bei Ebbe zu Fuss auf den Weg zum zerfallenen Anwesen. Stimmen meine Berechnungen bezüglich Gezeiten? Auf jeden Fall habe ich ein flaues Gefühl im Magen, denn bei Flut steigt der Meeresspiegel um ganze drei Meter an. Doch es klappt: Ich kann die Insel mit den Ruinen in aller Ruhe besichtigen, einige Erinnerungsbilder schiessen und komme nach drei Stunden, zwar mit nassen Füssen, aber wohlbehalten zum Ausgangspunkt zurück.

Einsam im Atlantik

Zum echten Abenteuer wird ohne Frage ein Tagesausflug zur vulkanischen Inselgruppe St. Kilda. Diese liegt 65 Kilometer westlich der Äusseren Hebriden im Atlantik. Die dreistündige Fahrt dorthin erfolgt mit einem kleinen Schnellboot und kann je nach Seegang relativ rasch zum Höllenritt ausarten. Doch viele Schotten träumen davon, einmal in ihrem Leben dieses UNESCO-Weltnaturerbe besichtigen zu können.

Auf Hirta, der grössten Insel dieser unwirtlichen Gegend, lebte während über 2000 Jahre eine kleine Gruppe von Menschen. 1930 wurden die letzten 36 Bewohner auf das schottische Festland evakuiert. Ein kleines, sehenswertes Museum gibt einen Einblick in die Vergangenheit der Insel. Hirta kann zu Fuss erkundet werden. Aufgrund ihrer Abgelegenheit bildet die Inselgruppe ein einmaliges Paradies für Abertausende von Seevögeln. Der Bootstrip um den Archipel ermöglicht die Beobachtung der Vogelwelt, wobei deren Brutplätze, aus dem Meer ragende Felsspitzen, an eine Science Fiction Kulisse erinnern. Ein unvergessliches Erlebnis.

Viel Abwechslung auf Lewis

Angekommen auf der nördlichsten Insel Lewis erwarten den Besucher weitere Highlights. Da wären das hübsche Städtchen Stornoway, Hauptort der Äusseren Hebriden oder das Na Geàrrannan Blackhouse Village mit seinen restaurierten, historischen Steinhäusern. Der Butt of Lewis bildet die wilde Nordspitze der Äusseren Hebriden.

Sanfter hingegen präsentieren sich die weiten Sandstrände bei Valtos Beach und Uig Sands. Extrem beeindruckend: die Calanais Standing Stones 25 Kilometer westlich von Stornoway. Dabei handelt es sich um eine megalithische Kultstätte aus der späten Steinzeit (3000 vor Christus). Tipp: wer die mystische Atmosphäre von Calanais spüren möchte, sollte sich früh morgens oder bei Sonnenuntergang an diesen einmaligen Ort begeben.

Ab Stornoway fährt ein modernes Fährschiff zurück zum Schottischen Festland nach Ullapool. Wer genügend Zeit hat, kann via Küstenstrasse noch die faszinierende Gegend bei Lochinver, Kylesku und Scourie besuchen.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 20.12.2016, 14:18 Uhr

Gut zu wissen


  • Empfohlene Reiseroute: Flug nach Edinburgh (oder Glasgow). Swiss/Edelweiss fliegt an zwei Tagen pro Woche direkt nach Edinburgh. Weiterreise mit einem Mietwagen nach Oban zum Fährhafen. Rückreise mit der Fähre von Stornoway nach Ullapool.

  • Fähren: Caledonian MacBrayne (während der Hauptsaison sicherheitshalber vorreservieren).

  • Strassenverhältnisse: geteert, mehrheitlich Single Track Roads mit Ausweichstellen.

  • Optimale Reisezeit: Mai, Juni, Juli (Mai relativ viel Sonne und wenig Regen).

  • Unterkünfte: ideal B&Bs/Guesthouses und Camping (wildes Campieren geduldet).

  • Bootstrip nach St. Kilda: Seatrek fährt mit dem Schnellboot von Miavaig (Isle of Lewis) nach St. Kilda. Der Tagesausflug kostet ca. £ 200. Reservation empfohlen: www.seatrek.co.uk. Die Agentur Kilda Cruises fährt ab Leverburgh (Isle of Harris) ebenfalls nach St. Kilda: www.kildacruises.co.uk.

  • Reisetipps: Für eine Reise von Barra (im Süden) bis Stornoway (im Norden) sind optimal 10 Tage einzuplanen (reine Fahrstrecke ca. 250 Kilometer). Wer genügend Zeit hat, sollte auf dem schottischen Festland bei der Hin- oder Rückreise unbedingt ein Highland Game besuchen. Veranstaltungsorte und Termine: http://scotlandwelcomes­you.com/scottish-high-land-games/.rb

(Bild: Google Maps / René Bieri)

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