Reisen

Thüringen zeigt sich als Lutherland

Bis Ende Oktober 2017 läuft das Jubiläumsjahr zu 500 Jahren Reformation. Zentrale Figur ist Martin Luther, dessen Bibelübersetzung ihn auch zu einem Sprachschöpfer machte. Thüringen zeigt viele Facetten des Reformators, auch zwiespältige.

Die Wartburg in Eisenach.

Die Wartburg in Eisenach. Bild: Peter Granwehr

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«Wir wissen gar nicht, was wir ­Luther und der Reformation im Allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit», schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Und von Thomas Mann stammt die Aussage, Luther habe «durch seine gewaltige Bibelübersetzung die deutsche Sprache erst recht geschaffen» und durch sein Wirken «der Freiheit der Forschung, der Kritik, der philosophischen Spekulation gewaltigen Vorschub geleistet».

Das alles an einer einzigen Person festzumachen, wirkt sehr zugespitzt. Aber dass Martin Luther mit der Verkündung seiner 95 Thesen am 31. Oktober 1517 in Wittenberg die Reformation losgetreten hat, lässt sich nicht bestreiten. Und anders als Jan Hus – der 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen endete – vermochte er auch viel zu ihrem Durchbruch beizutragen. Ohne die Unterstützung und den Schutz durch seinen Landesherrn, Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen, und die Mitwirkung zahlreicher Reformatoren hätte er jedoch kaum reüssiert.

In Thüringen geformt

An Luther führt somit kein Weg vorbei; das haben die Touristiker in seiner Heimat längst erkannt. Alle versuchen, sich ein Stück dieses «Kuchens» abzuschneiden: das Bundesland Sachsen-Anhalt mit Wittenberg ebenso wie Sachsen mit der kurfürstlichen Residenzstadt Torgau, vor allem aber Thüringen, wo der junge Luther geformt wurde: 1498 kam er als 15-Jähriger an die Lateinschule in Eisenach und studierte ab 1501 in Erfurt, damals der 41 Kirchen wegen als «deutsches Rom» bekannt und mit 20 000 Einwohnern eine Grossstadt.

1505, nachdem er ein schlimmes Gewitter überlebt hatte, trat er ins Erfurter Augustiner-Eremitenkloster ein. Als Mönch studierte er Theologie, erhielt 1507 die Priesterweihe im Erfurter Dom und schloss 1512 sein Studium ab – allerdings bereits in Wittenberg, wohin er 1511 gewechselt hatte und eine Professur erhielt.

Mit seinem «Thesenanschlag» zum Ablasshandel griff Luther die katholische Kirche frontal an und wurde deshalb mit dem Kirchenbann bedroht. Auf dem Reichstag in Worms 1521 weigerte er sich gegenüber Kaiser Karl V., seine Thesen zu widerrufen, worauf mit Verzug – der Kaiser hatte ihm freies Geleit zugesichert – die Reichsacht (faktisch ein Todesurteil) über ihn verhängt wurde.

Auf dem Rückweg wurde er zu seiner Sicherheit auf die Wartburg, die zum Kurfürstentum Sachsen gehörte, «entführt». Dort übersetzte er incognito als «Junker Jörg» das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche und legte damit das Fundament für eine einheitliche deutsche Schriftsprache, bevor er 1522 wieder ins kurfürstliche Wittenberg zog, wo die Reformation bereits in vollem Gang war.

Die Wartburg ist damit ein Kristallisationspunkt der dramatischen Geschichte. Nach rund einstündiger Wanderung von Eisenach aus steht man unvermittelt vor diesem gewaltigen Monument auf einer Bergkuppe inmitten eines grossen Waldgebiets. Vom 4. Mai bis zum 5. November 2017 wird die Burg Schauplatz der Nationalen Sonderausstellung «Luther und die Deutschen» sein. Kuratiert vom Berner Marc Höchner, beleuchtet sie den Reformator als nationale deutsche Symbol- und Projektionsfigur und zeigt auf, wie jede historische Epoche ihr ganz eigenes Lutherbild prägte.

Passend dazu die Lutherstube – der Wohn- und Arbeitsraum des Reformators, die seit Jahrhunderten Ziel von Besuchern aus der ganzen Welt ist. Welche Ausstrahlung die Wartburg schon früher hatte, zeigen auch das politisch motivierte Fest der deutschen Burschenschaften im Jubiläumsjahr 1817 oder Richard Wagners romantische Oper «Tannhäuser», zu der er dort inspiriert wurde.

Eisenach und Erfurt

Eisenach kann zusätzlich mit dem Lutherhaus auftrumpfen. In diesem prächtigen alten Riegelhaus soll Luther von 1498 bis 1501 als Lateinschüler gewohnt haben. Im Hinblick auf das Jubiläumsjahr wurde es grundlegend saniert und beherbergt seit 2015 die Dauerausstellung «Luther und die Bibel». Sie thematisiert auf einprägsame Weise die Bibelübersetzung und deren Auswirkungen auf Sprache, Literatur und Musik.

Erfurt hingegen fokussiert auf Luthers Studienzeit. Er nannte die dortige, 1379 gegründete Universität, eine der drei ältesten in Deutschland, seine «Mutter, der ich alles verdanke». Das Collegium Maius, ihr Hauptgebäude, erinnert an ihre grosse Zeit. Gegenüber befindet sich die Michaeliskirche, in welcher der Reformator 1522 predigte, auf der hinteren Seite Richtung Augustinerkloster die Georgenburse, wo Luther als Student wohnte.

Das Kloster, in das er 1507 eintrat, ist heute eine Tagungs- und Luthergedenkstätte mit einer ständigen Ausstellung unter dem Thema «Bibel-Kloster-Luther». Nicht aus­las­sen sollte man den Dom St. Marien neben der St.-Severi-Kirche, die zusammen die Altstadt überragen. Und am Anger steht Luther überlebensgross neben der Kaufmannskirche und verkündet: «Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkünden.»

Luther hat Wort gehalten, wogegen einer seiner populärsten Anhänger der ersten Stunde bald den Tod durch Enthauptung fand und an den Rand der Reformationsgeschichte verdrängt wurde: der Theologe Thomas Münzer, auf Empfehlung Luthers ab 1520 Pfarrer in Zwickau. Seine antikirchliche Polemik und die radikale Forderung nach einer ­allein von Gott bestimmten Gesellschaft anstelle der Ständeordnung verschaffte ihm bald grossen Zulauf, aber auch die Feindschaft des Establishments.

1525 trat er eine Pfarrstelle in Mühlhausen an und schloss sich den aufständischen Bauern in führender Position an. In der Schlacht von Frankenhausen erlitten sie gegen das Fürstenheer eine totale Niederlage. Münzer geriet in Gefangenschaft und wurde hingerichtet.

«Luthers ungeliebte Brüder»

Anders als in Erfurt und Eisenach wird in Mühlhausen und BadFrankenhausen das Bild der Reformation von Münzer dominiert: «Luthers ungeliebte Brüder» heisst die Ausstellung in der früheren Reichsstadt, und in Bad Frankenhausen werden Münzer und der Bauernkrieg in einem riesigen Wandgemälde im Panorama Museum dargestellt – entstanden in der DDR, wo dieser Krieg als «frühbürgerliche Revolution» interpretiert wurde. Luther wird in dieser Betrachtung zum Reaktionär, weil er sich scharf vom aufrührerischen Münzer distanzierte, wohlwissend, dass er sonst den kurfürstlichen Schutz verloren hätte.

Bezeichnenderweise wird in Mühlhausen Luthers antisemitische Schrift von 1543 «Wider die Juden und ihre Lügen» stärker als anderswo in den Fokus gerückt. Hier liest der Besucher Luthers aggressivste Passage daraus, die den Nazis als Drehbuch für die Pogromnacht vom 9. November 1938 hätte dienen können. Die Vielfalt des Luthergedenkens in Thüringen ist denn auch eines der hervorstechendsten Merkmale; wer sich für die Reformation interessiert, kann sich hier locker eine Woche lang vertiefen.


http://www.thueringen-entdecken.de
http://www.luther2017.de/

Diese Seite ist das Resultat einer von der Thüringer Tourismus GmbH organisierten Pressereise. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 23.12.2016, 17:11 Uhr

Gut zu wissen

Thüringen liegt von der Schweiz aus nicht gerade um die Ecke. Doch auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln lassen sich dort Ferien gestalten: Per ICE gelangt man von Zürich aus mit Umsteigen in Frankfurt a. M. in knapp sieben Stunden nach Erfurt, nach Eisenach über Fulda in sechs Stunden. Mühlhausen liegt von Erfurt wie von Eisenach aus eineinviertel Stunden entfernt. Bad Frankenhausen ist per Bus ab Sondershausen erschlossen, das eine Bahnstunde von Erfurt entfernt liegt. gr

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