Kinder profitieren davon, wenn Mama und Papa anders erziehen

Der eine ist strenger, der andere nachgiebiger: Dass bei Mutter und Vater manchmal andere Regeln gelten, ist kein Problem, sagt Familientherapeut Markus Kummer.

Sollen elektronische Geräte am Esstisch erlaubt sein oder nicht? Kinder können gut mit unterschiedlichen Ansichten der Elternteile umgehen.

Sollen elektronische Geräte am Esstisch erlaubt sein oder nicht? Kinder können gut mit unterschiedlichen Ansichten der Elternteile umgehen. Bild: Shotshop

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Gibt es nach dem Essen noch etwas Süsses? Reicht es, wenn sich kleine Kinder die Zähne selbst putzen? Und sollen sie anderen zur Begrüssung die Hand geben? Im Alltag mit Kindern stellensich unzählige Erziehungsfragen. Nicht immer entscheiden Mutter und Vater gleich. «Wir haben alle eine eigene Geschichte», sagt Markus Kummer, der auf der Paarberatungs- und Mediationsstelle Regensdorf arbeitet. «Wir sind geprägt davon, was wir als Kinder erlebt haben – wir bringen Unterschiedliches mit.» Negative Erlebnisse können dazu führen, dass man sich vom Erziehungsstil der eigenen Eltern bewusst abgrenzt. Positive Erfahrungen bewirken, dass man seine Kinder auf vergleichbare Art und Weise begleiten möchte.

Welten prallen aufeinander

Wird aus einem Paar eine Familie, lernt es sich unweigerlich neu kennen. Lag der Fokus in Zeiten der Zweisamkeit noch stärker auf dem Verbindenden, zeigen sich nun Unterschiede. Im Umgang mit dem Nachwuchs entstehen neue Konflikte; es wird offensichtlich, wo andere Ansichten bestehen. «Manchmal prallen Welten aufeinander», sagt Kummer. Am kantonalen Elternbildungstag vom 10. Juni thematisiert er den Umgang mit unterschiedlichen Erziehungs­vor­stellungen in einem Workshop (siehe Kasten).

Besonders häufig zu Unstimmigkeiten führt die Frage, wie streng man sein soll. Dabei spiele die Persönlichkeit der Erziehenden eine wesentliche Rolle, sagt der Psychologe. Auch die Zeit, die Mutter und Vater in der Familie präsent sind, kann darauf einen Einfluss haben. Jener Elternteil, der mehr Betreuungsarbeit leistet, muss tendenziell häufiger unpopuläre Entscheide durchsetzen. Jener, der vorwiegend am Wochenende zuständig ist, achtet zuweilen nicht so genau darauf, dass lästige Dinge wie etwa das Zähneputzen erledigt werden.

Konflikte nicht vermischen

Oft streiten Paare zudem darüber, wer mehr für die Familie tut oder wie man einen Erziehungsansatz konkret umsetzt. Manchmal vermischen sich dabei Paar- und Erziehungskonflikte. Das heisst, Eltern geraten sich wegen eines Problems mit dem Nachwuchs in die Haare und debattieren dieses heftig, ohne zu merken, dass darunter eigentlich ein Beziehungskonflikt schwelt.

"Kinder haben ein Recht darauf, dass die Eltern ihre eigenen Verletzungen hintanstellen."Markus Kummer, Familientherapeut

Gerade wenn eine Liebe ende und es zu einer Trennung komme, sei es zentral, die Thematiken auseinanderzuhalten. Kinder hätten ein Recht darauf, dass Eltern ihre eigenen Verletzungen hintanstellten. «Eine gemeinsame Elternschaft besteht lebenslänglich», betont Kummer.

Gemeinsam einen Weg gehen

Grundsätzlich hätten Eltern heute mehr Diskussionsbedarf als früher, stellt der Workshop-Leiter fest. Dies habe nicht nur mit der weniger strikten Aufgabenteilung, sondern auch mit der Art zu tun, wie man Kinder begleite. Früher hätten sich Kinder den Vorstellungen der Eltern fügen müssen. Heute würden sie als Familienmitglieder ernst genommen. «Erziehen findet nicht mehr nur in eine Richtung statt.» Letztlich gehe es darum, gemeinsam an ein Ziel zu gelangen. Dazu müsse man seinem Kind unvoreingenommen begegnen und es lesen lernen. «Man sollte sich immer wieder fragen, was einem das Kind mitteilen möchte.»

Stosse man an Grenzen, gelte es innezuhalten und sein Verhalten zu überdenken. Erziehungsrezepte müssten über die Jahre immer wieder angepasst werden. Jede Entwicklungsphase verlange nach anderen Methoden. «Kinder zwingen uns dazu, uns mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und flexibel zu bleiben. Wir können von ihnen unglaublich viel lernen – ein Leben lang.»

Mutter und Vater dürfen laut Markus Kummer durchaus unterschiedliche Einstellungen haben. Sie sollten sich allerdings auf einen Punkt einigen – nämlich darauf, dass es in Ordnung ist, verschieden zu sein. Den Kindern gegenüber sollten sie sich gegenseitig den Rücken stärken. Das heisst, sie sollten Entscheidungen des Partners mittragen. Das Kind müsse spüren, dass es geführt werde und sich die Eltern in ihrer Rolle wohlfühlten, sagt Kummer. «Wenn Kinder nicht geführt werden, können sie nicht gedeihen und sich nicht zu gesunden Menschen entwickeln.»

"Kinder können mit den Verschiedenheiten ihrer Eltern auf wunderbare Weise umgehen."Markus Kummer, Familientherapeut

Mit den Verschiedenheiten ihrer Eltern könnten sie auf ­wunderbare Weise umgehen. Behandle man sie gleichwertig, schade Vielfalt nicht. Kinder lernten dadurch, dass verschiedene Ansichten ihre Berechtigung hätten, und könnten dereinst entscheiden, was sie übernehmen möchten. «Wir wollen ja eigenständige Menschen ins Leben hinausschicken.»

Austausch mit anderen Eltern

Doch wie finden Eltern angesichts der unzähligen Ratgeber Leitlinien, die für sie stimmen? Der Fachmann rät, sich vor allem mit Freunden auszutauschen. Von den Erfahrungen anderer könne man viel lernen. Es könne zudem helfen, ab und zu in ein Buch hineinzulesen. Man dürfe sich allerdings nicht verunsichern lassen. Das gelte auch für gut gemeinte Ratschläge aus der Verwandtschaft oder von unbeteiligten Passanten. Man solle sie offen entgegennehmen, als Möglichkeit prüfen und wieder verwerfen, wenn sie einem nicht passten. Es empfehle sich nicht, etwas nur aus falsch verstandener Loyalität zu beherzigen.

Letztlich gelinge Erziehung über Beziehung, sagt Markus Kummer. Dabei dürfe es keine Hierarchien, keine Gewinner und Verlierer geben. Jeder solle den Raum haben, authentisch zu sein. «So geliebt zu werden, wie wir sind, ist die grosse Sehnsucht von uns allen.»

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 19.05.2017, 16:49 Uhr

Elternbildungstag

Eine Möglichkeit zur Reflexion

«Mut zur Gelassenheit». Unter diesem Titel findet der Kantonale Elternbildungstag alljährlich statt. Am 10. Juni bietet er Müttern und Vätern wieder Gelegenheit, sich mit Erziehungsfragen auseinanderzusetzen.

Das Hauptreferat wird Nicole Althaus halten. Die NZZ-Journalistin und Mammablog-Gründerin wird über «Spielverderber? Wenn Eltern nur das Beste wollen, hört der Spass für die Kinder auf!» sprechen. Althaus plädiert dafür, Kinder vor allem frei spielen zu lassen. Mädchen und Knaben spielten nicht, weil sie nichts Besseres zu tun hätten, sagt die Referentin. «Sie lernen, wenn sie spielen.» Danach stehen acht Workshops zur Wahl, welche Themen der gesamten Kinderjahre abdecken. Eltern können sich unter anderem damit befassen, wie sie einen schreienden Säugling beruhigen, wie sie Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und wie sie herausfordernde Situationen mit Pubertierenden meistern können. Aber auch Lernstrategien, kindliche Aggressionen sowie der Umgang mit Geld und Medien werden in den Kursen thematisiert.

Elternbildungstag:
Samstag, 10. Juni, 8.30–12.45 Uhr, Alte Kaserne, Technikumstrasse 8, Winterthur. Teilnahmegebühr: 50 Franken pro Person, 90 Franken pro Paar. Für Kinder ab 3 Jahren steht eine professionelle Kinderbetreuung zur Verfügung, sie kostet 15 Franken pro Kind. Die Anzahl der Plätze ist beschränkt. Anmeldeschluss: 26. Mai.

Weitere Informationen und Anmeldung über www.elternbildung.zh.ch/elternbildungstag.

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