Mobbing

«Alle plagen mich, wirklich alle»

In jeder Schul­klasse wird ein Kind von ­Kameraden systematisch ­schikaniert, sagt die Statistik. Das liesse sich verhindern – aber nur, wenn alle Beteiligten am selben Strick ziehen.

Plötzlich sind alle gegen einen – laut Statistik leidet in jeder Schulklasse ein Kind unter Mobbing.

Plötzlich sind alle gegen einen – laut Statistik leidet in jeder Schulklasse ein Kind unter Mobbing. Bild: Prisma

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«Julian ist eine fette Sau», stand auf dem Zettel, der in der dritten Klasse herumgereicht wurde. An solche Sticheleien kann sich jeder von uns erinnern – das gehört zum Schulalltag. Aber bei Julian S.* geschah es fast jeden Tag. Über drei Jahre hinweg.

Selbst seine Mutter, Rebekka S.*, hat lange unterschätzt, wie stark ihr Sohn darunter litt. Erst im Nachhinein erkennt sie die Anzeichen, die schon viel früher zu entdecken gewesen wären: Ende der zweiten Klasse ging Julian plötzlich nicht mehr gerne zur Schule. Manchmal lief er sogar mitten im Unterricht davon.

Nach dem Übertritt in die dritte Klasse sprach er zu Hause immer weniger über seine Gefühle. Er wurde immer stiller. Und aggressiver. «Er konnte wegen Kleinigkeiten komplett ausrasten», sagt die Mutter. Eines Tages beschloss Julian: «Ich gehe nicht mehr in diese Schule.» Diesmal liess Rebekka nicht locker, bis sie erfuhr, was los ist. «Alle plagen mich, wirklich alle», sagte Julian schliesslich. «Sogar die Mädchen.»

Ein Kind pro Klasse betroffen

Mobbing – das absichtliche, systematische Schikanieren eines Kindes über längere Zeit – trifft laut Statistik ein Kind pro Schweizer Schulklasse. «Die Kinder geraten fast immer unverschuldet in die Opferrolle», sagt Fabian Grolimund, Psychologe und Leiter der Akademie für Lerncoaching in Zürich. Bei seiner Arbeit mit Eltern und Lehrern begegnet ihm immer wieder dasselbe Muster.

«Oft tut jedes Kind etwas, das für sich genommen eigentlich gar nicht so schlimm scheint. Das  Furchtbare ist die Summe davon.»

Fabian Grolimund, PsychologeQuote

Meist geht das Mobbing von einem einzelnen Schüler in der Klasse aus. Dieser provoziert zunächst verschiedene seiner Schulkameraden. Reagiert einer davon interessant auf die Sticheleien – etwa, indem er sich stark wehrt oder weint –, schiesst sich der Täter auf dieses Kind ein.

Dafür erhält er die Anerkennung vieler seiner Kameraden. Sie lachen mit, applaudieren, bewundern seine Stärke – und machen schliesslich selbst mit. «Oft tut jedes Kind etwas, das für sich genommen eigentlich gar nicht so schlimm scheint», sagt Grolimund. «Das Furchtbare ist die Summe davon.»

Versteckte Schikanen

Für die Lehrer bleibt das oft unsichtbar. Denn das Mobbing spielt sich in der Pause ab, auf dem WC, auf dem Schulweg. Sobald die Kinder etwas älter sind und Handys besitzen, werden sie von ihren Peinigern sogar bis ins eigene Schlafzimmer verfolgt. Auch die Eltern erfahren es meist sehr spät. Ihr Kind schämt sich, will nicht als Petze gelten, und es hat Angst, dass alles noch schlimmer wird, wenn sich Mama oder Papa einschalten.

Diese Angst ist berechtigt, wie eine Studie der Uni München aus dem Jahr 2002 zeigt. In einer Telefonbefragung gaben sämtliche Eltern an, dass das Mobbing gegen ihr Kind schlimmer wurde, nachdem sie mit den Eltern der Peiniger gesprochen hatten.

Nicht aus eigener Kraft

So war es auch bei Julian. Zwar war der Rädelsführer schnell identifiziert. Doch als Rebekka dessen Eltern anrief, redete sie an eine Wand. Unser Sohn, ein Täter? Auf keinen Fall, das kann nicht sein. «Es war ein riesiger Fehler zu denken, dass wir das Problem aus eigener Kraft lösen können», sagt Rebekka S. heute. Die Situation verbesserte sich überhaupt nicht. Also beschlossen Rebekka und ihr Mann, mit der Lehrerin zu sprechen.

Auf dem Weg zum Gespräch erhielt sie eine Vorstellung davon, was Julian jeden Tag durchmacht. Wie andere Eltern auch wollte sie an diesem Tag helfen, die Schüler mit ihrem Auto zur Turnhalle zu fahren. Doch kein einziges der Kinder wollte zu ihr und Julian ins Auto einsteigen. «Julian ist giftig», sagte ein Mädchen. «Und er vergiftet alles, was er anfasst.»

Schuldzuweisung vermeiden

Nach dem Gespräch reagierte Julians Lehrerin. Sie bildete eine Gruppe von Schülern – mit dem Haupttäter, ein paar Mitläufern und ein paar wohlgesinnten Kindern –, aber ohne Julian. Ihm gehe es nicht gut, sagte sie zu den Schülern, und sie brauche ihre Mithilfe, damit er sich wieder wohl in der Klasse fühle. Wer hat Vorschläge, was könnten wir tun?

Diese Methode nennt sich «No Blame Approach». Der Name kommt daher, dass die Beteiligten gänzlich auf Schuldzuweisungen verzichten. Vielmehr versucht die Lehrperson, die Empathie der Kinder zu wecken. Denn die dem Opfer wohlgesinnten Kinder werden bald konstruktive Vorschläge machen, zum Beispiel das Opfer auf dem Nachhauseweg zu begleiten.

«Es war ein riesiger Fehler zu denken, dass wir das Problem aus eigener Kraft lösen können.»

Rebekka S., Mutter von Julian

«So bricht den Tätern schrittweise die Unterstützung der Klasse weg», sagt der Psychologe Grolimund. Dadurch würden sie sich bald selbst für eine Lösung einsetzen – oder das betroffene Kind zumindest in Ruhe lassen. Die Methode ist äusserst effektiv. Das zeigt eine Studie aus dem Jahr 2008, bei der 220 Fälle von Mobbing in deutschen Schulen wissenschaftlich untersucht wurden. In beinahe 90 Prozent der Fälle konnten Lehrer das Problem mithilfe des No Blame Approach lösen. Dazu reichte ihnen ein eintägiges Training von Psychologen.

Professionelle Hilfe

Doch bei Julian war es nicht so einfach. Zwar wirkte der No Blame Approach zu Beginn, aber bereits nach wenigen Wochen war wieder alles wie zuvor. Denn nun hatte sich auch die Schulleitung eingeschaltet. «Doch leider fuhr die Schulleitung einen völlig anderen Kurs als die Lehrer», sagt Rebekka. Beispielsweise verschickte sie Briefe in drohendem Ton an alle Eltern – etwas, das dem No Blame Approach völlig widerspricht. Oder sie schlug vor, dass sich Julian auf dem Pausenplatz in einer separaten Zone aufhalten sollte, abgetrennt von seinen Peinigern.

«Wir sind fast verzweifelt», sagt Rebekka. «Es war ein Chaos, alle haben irgendetwas gemacht, es gab überhaupt kein Konzept.» Das änderte sich erst, als sie sich an eine professionelle Familientherapeutin wandte. Die Therapeutin kam ab sofort an jedes Gespräch in der Schule mit und half Rebekka, die Schule zu koordinierten Massnahmen zu bewegen. Endlich zogen alle am selben Strang.

Seither läuft es besser. Vor zwei Wochen fuhr Julian mit der Klasse in eine Landschulwoche. «Er hat sich auf die Woche mit seinen Kameraden gefreut», sagt Rebekka. Das habe sie schon lange nicht mehr erlebt. «Seit drei Jahren bin ich zum ersten Mal zuversichtlich, dass wir die schlimme Zeit endlich überwunden haben.» * Namen von der Redaktiongeändert.

Hilfe bei Mobbing für Eltern und Lehrer finden Sie auf: www.biber-blog.com (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 16.06.2017, 14:33 Uhr

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