Weihnachts-FlashBack

Von der Magie des Lesens

Lesen war für Online-Redaktor Paul Steffen als Kind das Grösste. In diesem Beitrag erzählt er, weshalb eines seiner ersten Kinderbücher bis heute einen enormen Stellenwert in seinem Leben hat.

Denke ich an die einprägsamsten Weihnachtserinnerungen meiner Kindheit, dann denke ich nicht unmittelbar an die Bescherung an Heiligabend oder das Singen von Weihnachtsliedern mit meiner Familie; nicht einmal die an die unzähligen Geschenkswünsch, die in Erfüllung gingen. Also verstehen sie mich nicht falsch; klar war es schön Guetzli zu essen bis einem der Bauch weh tut, mit den neuen Spielsachen zu spielen oder den Gesprächen der zunehmend betrunkenen Verwandtschaft zu lauschen.

Aber eigentlich war die Weihnachtszeit seit ich denken kann, die Zeit, in der ich den ganzen Tag lesend unter der Bettdecke verbracht habe. Frei von Hausaufgaben und ohne irgendwo in die Ferien zu reisen waren die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr die magischste Zeit meiner Kindheit. Versunken in meine Bücher, befand ich mich in einer Fantasiewelt, die mir behagte und die, geprägt von kindlicher Unbeschwertheit, meine Persöhnlichkeitsentwicklung mehr beeinflusst hat, als es die Schule je vermochte. Es gibt ein Buch, das auch so viele Jahre später noch mein absolutes Lieblingskinderbuch ist.

Ich wage gar die Behauptung, dass kein anderes Buch die Magie des Lesens so berührend, so verständlich zu beschreiben vermag, wie „Das grüne Buch“ von Robert Graves.

Ich habe das Buch als 8-Jähriger zu Weihnachten geschenkt bekommen. Im Grunde schon ein wenig zu alt für illustrierte Kinderbücher. Geliebt habe ich es aber sofort; richtig verstanden jedoch erst später. Nebst einem Plüschäffchen ist es das einzige Weihnachtsgeschenk meiner Kindheit, das bis heute jedes Zügeln und jeden Frühlingsputz überlebt hat.

Geschrieben wurde es 1962 vom irischen Poeten Robert Graves. Bilder: pinterest.com

Geschrieben wurde es 1962 vom irischen Dichter Robert Graves. Jedoch war es Maurice Sendak, der mit seinen Illustrationen dem Buch seine bleibende Wirkung verpasste. Im darauffolgenden Jahr zeichnete Sendak «Wo die wilden Kerle wohnen», sein wohl berühmtestes Werk.

Der Protagonist der Geschichte heisst Jack. Jack ist ein Waisenkind und lebt bei seiner Tante und ihrem Mann. Wie Jack mit wunderbar kindlicher Unschuld schildert, sind die beiden jedoch nicht sonderlich nett zu ihm. Sie nehmen ihn immer mit auf lange Spaziergänge, wo er doch lieber alleine in seinem Zimmer spielen möchte. Auch vom Hund seiner Ziehfamilie ist der kleine Junge überhaupt nicht angetan. Die Begründung: Der grosse, zottige Hund liebt es Hasen nachzujagen. Weil dies so oft passiert, ist Jacks Tante gezwungen, häufig Kaninchen zum Abendessen zu kochen. Etwas das dem kleinen Jack auf die Länge gar nicht gefällt.

Eines Tages findet Jack beim Spielen im Dachboden ein grosses grünes Buch. Wie er schnell begreift ist das Buch voll mit Zauberformeln.

Mithilfe dieses grünen Zauberbuches verwandelt sich Jack in einen kleinen, alten Mann mit einem langen Bart und zerschundener Kleidung.

Die Geschichte nimmt daraufhin eine wunderbar surreale Wendung. Gewisse Passagen erinnern stark an Lewis Carrolls «Alice im Wunderland». So fängt er zum Beispiel an mit seinen Zieheltern Karten zu spielen.

Durch die Kraft seiner Magie kann Jack beim Kartenspiel nicht verlieren und gewinnt immer und immer wieder. Er fängt an mit ihnen um Geld zu spielen und ist, dank immer höher werdenden Einsätzen, innert kurzer Zeit im Besitz des Hauses, des Gartens und sogar des hasenjagenden Hundes. Bevor seine Zieheltern im ihr gesamtes Hab und Gut übergeben wollen, erlaubt sich Jack noch eine letzte Zauberformel. So dreht sich der vom Hund verfolgten Hase um und schlägt ihm auf die Schnauze. Verdutzt nimmt der Hund Reissaus und rennt, dieses Mal verfolgt vom Hasen, weg.

Unter dem Vorwand sein neues Haus begutachten zu wollen geht der alte Mann in den Dachboden und verwandelt sich wieder zurück in Jack.

Als Jack zu seiner Tante und seinem Onkel im Garten stösst, erzählen sie ihm vom merkwürdigen alten Mann, der jetzt über ihr ganzes Leben verfügt. In einer letzten surrealen und träumerischen Wendung gelingt es Jack die beiden davon zu überzeugen, das Ganze nur geträumt zu haben. "Sie schauten schön blöd aus der Wäsche", wie Jack vergnügt dachte.

Somit war alles wieder beim Alten und das Leben des kleinen Jacks ging normal weiter. Bis auf ein kleines Detail: Der Hund der Familie hatte von da an eine Hasenphobie. Ein wunderschöner und subtiler Hinweis, dass ein Buch beim Leser Spuren hinterlässt.

Für mich ist genau dieses Detail der springende und unendlich wahre Punkt dieses Buchs: Auch wenn man zwangsläufig aus der Fantasiewelt des Lesens auftauchen muss, so bleibt immer ein kleines Stück der Geschichte haften. Jedes Buch hat das Potential, wie Jacks Zauberbuch, den Leser auch über die letzte Seite hinaus ein bisschen zu verändern.

In diesem Sinn: Frohe Festtage und magisches Lesen!

(zsz.ch)

Erstellt: 23.12.2016, 11:27 Uhr

Weihnachts-FlashBack

Weihnachtszeit ist auch die Zeit der Kinder. Geschenke, Süssigkeiten, Suche nach dem Christchindli. Auch wir Erwachsene denken mit etwas Wehmut an die schöne Zeit anno dazumal zurück – und manche Traditionen und kleine Momente lassen wir auch heute noch hochleben (wenn auch nur heimlich). Die sechs Redaktoren von ZRZ-Online (zsz.ch, zuonline.ch, landbote.ch) berichten über ihre persönlichen «Weihnachts-FlashBacks».

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