Sonderschule

Wo Schüler nicht wegen Defiziten auffallen

Eine ähnliche Zielgruppe wie die geplante Tagessonderschule in See-Gaster hat die Schule an der Linth in Ziegelbrücke. Sie hat seit Jahren viele Schüler aus der Obersee-Region. Wenn diese ab nächstem Sommer wegfallen, muss die Institution ihr Angebot überdenken.

Das Sonderschulheim «Schule an der Linth» in Ziegelbrücke besuchen auch Schüler aus der Region See-Gaster. Ab nächstem Sommer dürften sie wegfallen.

Das Sonderschulheim «Schule an der Linth» in Ziegelbrücke besuchen auch Schüler aus der Region See-Gaster. Ab nächstem Sommer dürften sie wegfallen. Bild: zvg

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Sie heissen Saturn, Milan oder Windrose: Drei Tages­gruppen gibt es in der Schule an der Linth, einem Sonderschulheim für Kinder und Jugend­liche mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten in Ziegel­brücke. Schüler aus den Kantonen St. Gallen, Glarus, Schwyz, und vereinzelt auch Zürich oder Graubünden, besuchen die Ins­ti­tu­tion, die Inter­nats- und Tagesschulplätze anbietet. Ein Fünftel der insgesamt 45 Schüler stammt aus dem Linthgebiet, davon sind praktisch alle Tagesschüler, sagt Institutionsleiter Urs Lilje­quist.

Tagesschüler heisst, die Kinder fahren jeden Morgen selbstständig mit dem Bus, Zug oder Velo zur Schule – für die Jüngeren gibt es ein Sammeltaxi –, essen dort zu Mittag, und es gibt eine betreute Aufgabenstunde nach Schul­schluss. Die Anmeldungen für die Tagesgruppen sind in den letzten Jahren gestiegen, das Angebot ­wurde zuletzt 2014 um eine Tagesgruppe erweitert. Bis zu zehn Kinder besuchen eine Tagesgruppe.

Ein Antrag beim Kanton

Mit der neuen Tagessonder­schule, die aufs Schuljahr 2018/19 im Raum Uznach/Schmerikon einen Standort sucht, dürften die Schüler aus dem Linthgebiet in Ziegelbrücke künftig fehlen. Seit dem Inkrafttreten des neuen Sonderpädagogikkonzepts im Kan­ton St. Gallen im Schuljahr 15/16 gibt es im Kanton St. Gallen auch im Sonderschulwesen keine freie Schulwahl mehr. Nach der Devise «Die Sonder­schule geht zum Kind» wurden in den Regionen neue Ange­bote geschaffen und die Tagessonderschulplätze ausgebaut.

«Alle Kinder sollen Lob und Anerkennung erhalten.»

Urs Liljequist, Institutionsleiter Schule an der Linth

Das bedeutet: St. Galler Schüler sollen grundsätzlich die Institutionen ihres Wohnkantons besuchen. Wollten Schüler aus dem sankt-gallischen Linthgebiet bisher die Schule an der Linth in Ziegelbrücke GL besuchen, musste der Kanton einen Antrag gutheissen. «Weil es bisher kein entsprechendes Ange­bot im Linthgebiet gab, war dies ja auch sinnvoll und wurde so bewilligt», erklärt Alexander Kummer, Leiter des St. Galler Volksschulamts.

Neue Angebote prüfen

Urs Liljequist sagt, man habe die neue Regelung des Kantons St. Gal­len zur Kenntnis genommen. Noch liessen sich die konkreten Folgen für die Schule an der Linth nicht abschätzen. Die sieben bis zehn Schüler, die in den letzten Jahren aus dem Linthgebiet kamen, würden aber rein von der Anzahl her bereits eine Tagesgruppe ausmachen.

Einen möglichen Ansatz, dieser schwierigen Situa­tion zu begegnen, sieht Liljequist darin, das Angebot seiner Schule auf der Basisstufe zu erweitern und allenfalls auch Kindergärtler aufzunehmen. Dies auch vor dem Hinter­grund, dass in den letzten Jahren immer jüngere Kinder ange­meldet wurden. Diese seien sehr betreuungsintensiv, weiss der Institutionsleiter, manche bräuchten eine Eins-zu-eins- ­Betreuung durch eine Fachperson. Unter den Kindern sind ­viele mit Aufmerksamkeitsdefizits- oder Hyperaktivitätsstörungen, verschiedensten Entwicklungsstörungen sowie Kinder mit einer Aggressionsproblematik.

In Regelklassen integrieren

Die Tendenz, dass es zunehmend jüngere verhaltensauffällige ­Kinder gibt – also in den unteren Primarklassen – beobachten auch Bildungsvertreter in St. Gallen. Bisher gebe es für jene Kinder kein Sonderschulangebot im Kanton, sagt Alexander Kummer. Die geplante Tagessonderschule im Linthgebiet etwa umfasst die Mittel- und Ober­stufe. Man versuche, jüngere Schüler mit entsprechender Unterstützung in Regel­klassen zu integrieren. «So viel Integration wie möglich, so wenig Separation wie nötig», ­laute die Grundhaltung. Ob der Kanton in Zukunft für verhaltensauffällige Kinder ein Son­derschulangebot mit Unterstufe schaf­fen müsste, gelte es allenfalls zu prüfen, sagt Kummer.

Nicht immer könnten Kinder mit schweren Verhaltensschwierigkeiten in Regelklassen integriert werden, weiss Urs Liljequist. «Der soziale Druck auf die Kinder ist gestiegen», zudem sei der Spielraum, die Schüler einzubinden, klein, gerade in grossen Klassen. In einer Sonder­schule würden Kinder mit einer Lern­behin­derung oder anderen Be­ein­trächtigungen nicht wegen ihren Defiziten auffallen. Er verweist auf einen wichtigen Grundsatz der Schule an der Linth. Er lautet: Alle Kinder sollen Anerkennung erhalten und Erfolgserlebnisse haben. So wie jener ­elf­jährige Bub, der nach den ersten Schulwochen zu seinem Lehrer sagte: «Das ist das erste Mal, dass mich jemand in der Schule gelobt hat.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.04.2017, 17:30 Uhr

Neues Sonderpädagik-Konzept

Sonderschüler müssen künftig Schule im eigenen Kanton besuchen

Geplant ist sie für das Schuljahr 2018/19: In der Region See-Gaster öffnet nächsten Sommer eine neue Tagessonderschule für Kinder mit schweren Lern- und Verhaltensschwierigkeiten. Seit Anfang Jahr ist klar, welche Institution den Zuschlag für einen Standort im Linthgebiet bekommen hat: das Schulheim Hochsteig aus Lichtensteig.

Derzeit läuft die Suche nach einer passenden und zentral gelegenen Lokalität. Klar ist schon jetzt: Wenn die Schule wie geplant in einem Jahr ihren Betrieb aufnimmt, werden angrenzende Sonderschulen in den Nachbarkantonen Glarus, Schwyz und Zürich das spüren: «Umliegende, ausserkantonale Institutionen werden künftig weniger Schüler aus dem Kanton St. Gallen haben», macht Alexander Kummer, Leiter des kantonalen Volksschulamtes, deutlich.

Dass hier wohnhafte Kinder eine Sonderschule in einem anderen Kanton besuchen – weil diese näher liegt – ist mit dem neuen Sonderpädagogik-Konzept nur noch in Ausnahmefällen möglich. Ein verhaltensschwieriges Schulkind aus Weesen, das in eine Sonderschule soll, müsste prioritär in die neue Schule im Linthgebiet, die möglicherweise in Uznach oder Schmerikon zu stehen kommt – auch wenn eine Sonderschule im benachbarten Kanton Glarus näher wäre.

Nicht die Eltern bestimmen

Mit dem neuen Sonderpädagogik-Konzept will der Kanton die ausserkantonale Beschulung reduzieren. Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung sollen überwiegend die Institutionen des Kantons St. Gallen besuchen. Dabei dürften die Kosten ein nicht unwesentlicher Faktor sein: Eine St. Galler Schulgemeinde zahlt dem Kanton pro schulpflichtigem Sonderschüler 36 000 Franken.

Bis zur Einführung des neuen Sonderpädagogik-Konzepts auf das Schuljahr 15/16 konnten Eltern von behinderten Kindern selbst bestimmen, wo ihr Sohn oder ihre Tochter welche Sonderschule besuchte. «Neu sind die Sonderschulen Teil der Volksschule», erklärt Alexander Kummer, und dort kenne St. Gallen ja auch keine freie Schulwahl. (rkr)

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