Rapperswil-Jona

In den Tiefen der Kunst

Google digitalisiert die Kunstschätze der Welt – 200 000 Werke sind online bereits verfügbar. Acht Kulturinstitutionen in der Schweiz beteiligen sich am Projekt – unter anderem auch das Polenmuseum im Schloss Rapperswil.

Das Polenmuseum im Schloss Rapperswil gehört zu den tausend Kulturinstitutionen aus siebzig Ländern, die sich am Google-Projekt beteiligen. Der Besucher der Website kann die Räume des Museums virtuell durchschreiten und dessen Kunstwerke heranzoomen.

Das Polenmuseum im Schloss Rapperswil gehört zu den tausend Kulturinstitutionen aus siebzig Ländern, die sich am Google-Projekt beteiligen. Der Besucher der Website kann die Räume des Museums virtuell durchschreiten und dessen Kunstwerke heranzoomen. Bild: Manuela Matt

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War Claude Monet ein schlechter Maler? Der gelbgrüne Klecks sieht aus, als ob ihn der Franzose unmotiviert hingeschmiert hätte. Und dieses wild zerfranste Braun weiter oben – soll das ein Kopf sein? Zurück in die Malschule! Möchte man ihm zurufen.Doch dann drückt der Finger auf die Computermaus. Einmal. Noch einmal. Und plötzlich entsteht vor den Augen eine Figur. Eine Dame muss es sein, in einem langen dunklen Kleid. Das arg zerfranste Braun formt sich zum geschmückten Hut, und aus dem gelbgrünen Klecks wird ein Sonnenschirm, den die Frau unter dem Arm trägt. Oder ist es eine Decke? Der Finger drückt weiter auf die Computermaus. Plötzlich steht die Dame in einem Meer aus Grüntönen. Das muss eine Wiese sein! Doch auch die Wiese verwandelt sich. Zuletzt, als der Finger vergeblich weiterklickt, entsteht das Bild: die pure Stimmung einer Frühlingsszene, in der die Frau beinahe verloren geht.

«Printemps à Vétheuil» heisst das Gemälde. Claude Monet schuf es 1880 im Tal der Seine nordwestlich von Paris. Heute hängt das Bild im grössten Kunstmuseum von Rotterdam, dem Museum Boijmans van Beuningen. Wer vor Ort nahe ran will, riskiert einiges. Im besten Fall wird man von einem Aufseher als Rüpel zurechtgewiesen. Im schlechteren Fall führt das Sicherheitspersonal den vermeintlichen Kunstdieb ab. Die Würde des Kunstwerks ist unantastbar!

Back-up des Weltkulturerbes

Gut, gibt es das Google Cultural Institute. Seit 2011 arbeitet der Internetgigant an einem Projekt, das man als digitales Back-up des Weltkulturerbes bezeichnen könnte. Die Vision sei es, «kulturelle Inhalte für alle zugänglich zu machen und sie für zukünftige Generationen zu wahren», heisst es bei der Medienstelle von Goo­gle Schweiz.

In den ersten fünf Jahren sind über sechs Millionen Dokumente und Objekte zusammengetragen worden – darunter Fotografien, Videos und Manuskripte. Auf der Plattform «Performing Arts» dokumentiert Google die darstellenden Künste: Per Kamera können Besucher etwa durch die Berliner Philharmonie schweben und Sir Simon Rattle beim Dirigieren von Beethovens «Neunter» zusehen.

Ebenso spektakulär mutet die Plattform «Arts & Culture» an: 200 000 Kunstwerke sind aktuell in Gigapixelaufnahmen versammelt. Die Auflösung ist derart hoch, dass sich virtuelle Besucher in die Tiefen der Bilder zoomen können. Materialität und Malweise, aber auch Details erscheinen in neuem Licht. Zu sehen etwa, wie Vincent van Gogh in seiner berühmten «Sternennacht» die Farbe auftrug, ist ein Erlebnis. Doch das Geheimnis der unheimlichen Lichtwirkung bleibt ungelöst. Es wird eher noch grösser.

Das grosse Aufrüsten

Unverbesserliche Traditionalisten dürfte das kaum beruhigen. Unter den «Tiefen der Kunst» verstehen sie etwas anderes, sie sorgen sich um die Aura des Originals. Unverbesserliche Traditionalisten indes gibt es in den Museumsleitungen immer weniger. Digitalisierung ist das Thema der Stunde. Viele Museen rüsten auf. Das Frankfurter Städelmuseum etwa setzt auf eigens kreierte Computerspiele oder Filme, lädt die Nutzer zur Kommentierung und Weiterentwicklung der digitalisierten Sammlung ein.

«Leistungen sind kostenlos»

Google lockt die Museen mit einem verführerischen Angebot. «Wir unterstützen die Institutionen dabei, ein weltweites Publikum zu erreichen und neue Wege in der Kulturvermittlung zu gehen», heisst es bei Google. «Die Technologie und alle dazugehörigen Leistungen sind für die Häuser kostenlos.» Für die Einhaltung der Urheberrechte sind die Museen aber selbst verantwortlich – und hier fallen Kosten an.

Derzeit arbeitet Google mit über 1000 Kulturinstitutionen in 70 Ländern zusammen. Acht Partner sind es in der Schweiz: Die Fondation Beyeler und das Kunsthaus Zürich gehören dazu, ebenso das Polenmuseum im Schloss Rapperswil.

Anna Buchmann, Direktorin des Polenmuseums, freut sich über die Möglichkeit, die Vielfalt des Museums im Netz zeigen zu können: «Dank des Auftritts im virtuellen Raum haben wir eine Alternative zu den Räumlichkeiten im Schloss Rapperswil gefunden.» Zudem könnten temporäre Ausstellungen des Polenmuseums im Netz eine dauerhafte Präsenz erhalten, konstatiert Buchmann: «Dank der Digitalisierung kann die faszinierende Geschichte des Museums aufgezeigt werden. Kommt hinzu, dass der Auftritt im Internet auch Werbung für die Stadt Rapperswil-Jona ist.»

Das Google-Kunstprojektist zu finden unter www.google.ch mit dem Stichwort «Cultural Institute». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.07.2016, 15:50 Uhr

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