Linthgebiet

Das Bild vom Recyclingbetrieb hat langsam ausgedient

Vor 20 Jahren wurde das Werk- und Technologiezentrum Linthgebiet (WTL) gegründet. Geschäftsleiterin Elizabeth Casal träumt manchmal von einer Gesellschaft, in der es das WTL nicht mehr bräuchte.

«Meine Arbeit ist immer nah am Leben.» Elizabeth Casal, Geschäftsleiterin des WTL, das Arbeitslosen bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt hilft.

«Meine Arbeit ist immer nah am Leben.» Elizabeth Casal, Geschäftsleiterin des WTL, das Arbeitslosen bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt hilft. Bild: Sabine Rock

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Aus rein unternehmerischer Sicht ist das WTL ein Unding: zwölf unterschiedliche Geschäftsfelder, vom Kreativatelier über Büroarbeiten und Veloflicken bis zum Recycling von Elektroschrott, Mitarbeiter mit psychischen oder Suchtproblemen, eine hohe Fluktuationsrate, ein ständig schwankender Personalbestand (siehe Kasten). Doch der Gemischtwarenladen WTL ist erfolgreich. Er arbeitet ohne Defizite und erwirtschaftete mit der betriebseigenen Liegenschaft 2014 einen Gewinn von 863 000 Franken. Diese Liegenschaft bildet die Reserve des Vereins WTL. Sollte er einmal aufgelöst werden, erhalten die Gemeinden den Erlös aus einem allfälligen Verkauf.

Es braucht die Vielfalt

Die breite Palette an Arbeitsmöglichkeiten sei für das WTL wichtig, sagt Geschäftsleiterin Elizabeth Casal. Nur dank dieser Vielfalt gelinge es, auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Teilnehmer einzugehen. Wenn jemand in seinem Arbeitsbereich nach einer vielleicht langen und schwierigen Zeit als Stellensuchender ein lässiges Produkt herstellen könne, sei das äusserst motivierend. Das WTL will denn auch wegkommen vom Image eines Unternehmens, das vor allem Wohlstandsschrott auseinandernimmt und rezykliert. Damit hatte der Gründer und Pionier des WTL, Willy Ludwig, vor 20 Jahren in der Uzner Rotfarb angefangen. Im Lauf der Jahre wurde das Angebot immer wieder erweitert und angepasst. 1999 zügelte das WTL nach Jona, zunächst ins Industriequartier Buech. Seit 2006 ist es in einem eigenen Gebäude an der Schachenstrasse zu Hause.

Integration im Stillen

Elizabeth Casal ist keine Sozialromantikerin. Die studierte Meeresbiologin hat während zwölf Jahren auf einer Grossbank gearbeitet und vier Jahre lang eine IT-Firma geführt. «Jemanden, der jahrelang wegen seiner Alkoholsucht nicht gearbeitet hat, wieder in die Normalität zu integrieren, ist äusserst schwierig», sagt sie. Es genüge nicht, einem solchen Menschen einfach eine Chance geben zu wollen. «Ich kann auch nicht morgen einen Marathon laufen, nur weil ich zweimal pro Woche ein paar Runden jogge.» Da brauche es viel Zeit und noch mehr Unterstützung. Längst nicht alle im WTL schaffen den Weg zurück in den Arbeitsmarkt. Von den über 45-Jährigen etwa ist es nur jeder Fünfte. Die anderen bleiben beim Sozialamt.

Casal setzt auf Offenheit und Transparenz den Unternehmen gegenüber, mit denen sie zusammenarbeitet. Mit Erfolg. Kleine und grössere Betriebe bieten immer wieder Hand, um Stellensuchende zu integrieren. Und das ganz ohne Aufhebens in der Öffentlichkeit. Das beeindrucke sie sehr, sagt Casal.

Freude, Wut, Bestürzung

Beeindruckt ist sie auch von manchen Menschen mit schwierigen Biografien, die ins WTL kommen. Von Flüchtlingen, die pickelhart jeden Tag vier Stunden Deutsch lernen und ihr voll Stolz die ersten zusammenhängenden Sätze vorsprechen. Von einer alkoholabhängigen Frau, die jeden Morgen zum Alkoholtest antrat, auch dann noch, als dieser gar nicht mehr vorgeschrieben war. Oder von den fünf Frauen und Männern, die am Morgen nach dem Jubiläumsausflug – einer Schifffahrt auf dem Zürichsee mit Picknick – bei ihr im Büro standen und sich freudig bedankten. «Nicht alle sind renitente Sozialhilfebezüger», betont Casal. Aber die Anspruchshaltung sei in den letzten Jahren klar gestiegen. «Da ist es wichtig, sich von solchen Leuten nicht die Kräfte rauben zu lassen.» Das sage sie auch ihren Mitarbeitern immer wieder.

Manchmal aber ist auch die nach aussen unerschütterlich wirkende 49-Jährige einfach nur wütend. Etwa dann, wenn eine Frau behauptet, ihr Kind sei gestorben, nur um ein paar Tage frei zu bekommen. Und manchmal ist sie bestürzt. Etwa dann, wenn sie sich an der Beerdigung eines Teilnehmers unter gerade mal sieben Menschen wiederfindet. Ihre Arbeit im WTL sei immer nah am Leben, sagt Casal. Und sie ist überzeugt, dass es Institutionen wie das WTL braucht, um den sozialen Frieden im Land weiterhin zu wahren. «Auch wenn ich am liebsten eine Gesellschaft hätte, in der es kein WTL mehr bräuchte.» ()

Erstellt: 01.09.2015, 18:04 Uhr

20 Jahre WTL

Zentrum feiert Jubiläum

Das Werk- und Technologiezentrum Linthgebiet (WTL) ist ein nicht gewinnorientiertes, sozialwirtschaftliches Unternehmen, das stellenlosen Menschen hilft, sich wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Aktuell sind das rund 280 Menschen, wobei die Zahl stark schwankt. Zurzeit ist die Tendenz steigend. Fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt das WTL knapp 60, davon sind 5 Lernende und 4 Zivildienstleistende. Partner und zuweisende Stellen sind die Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen (RAV) sowie die Sozialämter der 29 Mitgliedergemeinden aus den Regionen See und Gaster, Toggenburg, Höfe, March und aus dem Bezirk Meilen. Das WTL ist als Verein organisiert, Präsident ist der Gommiswalder Gemeindepräsident Peter Göldi. Pro Person und Monat im Arbeitsprogramm zahlt eine Mitgliedergemeinde 660 Franken.

Das WTL bietet Arbeitsmöglichkeiten in 12 Bereichen: Montage, Lager, Logistik, Büropool, Gastronomie, Kreativatelier, Haustechnik, Demontage, IT/Grafik, Zweiradwerkatelier, Seidenhof-Brocki Stäfa und Jobbus. Seit Anfang Juli betreibt das WTL die neue bewachte Velostation am Bahnhof Jona. Im nächsten Jahr wird ein Hauslieferdienst dazukommen.

Das WTL feiert sein 20-Jahr-Jubiläum am 4. und 5. September. Am Freitag sind die Türen an der Schachenstrasse 82 in Jona von 14 bis 18 Uhr für Besucher geöffnet, am Samstag von 10 bis 17 Uhr. Sie können einen Blick hinter die Kulissen werfen und sich vom WTL-Team und von der Tibeter-Gemeinschaft Rapperswil-Jona bewirten lassen. Für Kinder gibts ein Angebot an Spielen, und am Freitagabend ab 19 Uhr findet ein Doppelkonzert in der Werkhalle statt. Zuerst tritt der Luzerner Musiker Damian Lynn auf, anschliessend der Joner Levin Deger.(jä)

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