Reto Knutti, im Dezember trifft sich die Welt in Kopenhagen, um ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll auszuhandeln. Sind Sie optimistisch, dass dort ein griffiges Klimaabkommen ausgehandelt wird? Das ist im Moment schwierig zu beurteilen. Die ersten Zeichen der Vorverhandlungen sind positiv, aber es wird sich zeigen müssen, ob man alle Staaten an Bord bringen kann, um ein solches Abkommen auszuhandeln. Wie dramatisch steht es um unser Klima? Die IPCC-Klimaberichte (Intergovernmental Panel on Climate Change, Weltklimarat) zeigen, dass der Mensch zum grössten Teil für die Klimaveränderungen verantwortlich ist. In einigen Bereichen finden die Veränderungen sogar schneller als angenommen statt, etwa in der Arktis. Ist der Klimawandel überhaupt noch aufzuhalten? Ein Teil des Klimawandels wird nicht mehr zu vermeiden sein, an diesen müssen wir uns anpassen. Aber wir können einen grossen Teil noch verhindern, wenn wir schnell griffige Massnahmen ergreifen. Wo muss hauptsächlich angesetzt werden, um die globale Erwärmung aufzuhalten? Der Ausstoss von Treibhausgasen wie CO2 muss verringert, somit der Verbrauch von Öl, Gas und Kohle dramatisch reduziert werden. Diese Treibhausgase kommen aus dem Verkehr, der Industrie, aus Gebäudeheizungen. Man muss also in verschiedenen Bereichen Massnahmen ergreifen. Wo steht die Welt heute mit ihren Klimaschutzzielen? Das ist schwerig zu sagen, weil sich nicht alle Staaten in die Karten blicken lassen. Bisher haben wir nur wenig erreicht. Klar ist, dass die Erwärmung begrenzt werden muss, um die schlimmsten Auswirkungen zu vermeiden. Viele Staaten haben sich auf ein 2-Grad-Begrenzungsziel geeinigt. Doch noch sind längst nicht alle Staaten an Bord, und noch ist man sich nicht einig, wie man dieses Ziel erreichen will. Staaten wie China und Indien fürchten, dass ihr Wirtschaftswachstum durch eine Reduktion der Emissionen beschränkt werden könnte. Die Maximalerwärmung des Klimas auf 2 Grad zu beschränken - was bedeutet das konkret in Zahlen? Man müsste die CO2-Emissionen bis 2050 global etwa halbieren gegenüber dem Referenzniveau von 1990. Für westliche Staaten wie die Schweiz heisst das, dass die Reduktion wesentlich höher sein muss, etwa 80% bis zum Jahr 2050, weil einige Länder wie China noch auf einem starken Wachstumskurs sind. Ist eine Abkehr des CO2-lastigen Energiesystems der industrialisierten Welt überhaupt möglich? Wie? Im Prinzip ist es möglich, wenn man es will. Man kann es erreichen durch erneuerbare Energie, durch effizientere Geräte, effizientere Fahrzeuge, durch das Eliminieren fossiler Brennstoffe beim Heizen im Gebäudesektor. Doch das hat seinen Preis. Langfristig gesehen ist es jedoch günstiger, jetzt zu investieren und zu handeln, als wenn man später für die Schäden der Klimaerwärmung zahlen muss. Mit dem Wechsel von Präsident Bush zu Obama scheint auch in den USA die Klimaproblematik erkannt zu sein. Lässt das auf einen Erfolg des Klimagipfels von Kopenhagen hoffen? Die aktuellen Signale von Obama und den USA sind sicher sehr positiv. Die USA müssen in ein internationales Klimaabkommen eingebunden sein, damit andere wichtige Staaten wie China oder Indien mitmachen und somit ein erfolgversprechendes Abkommen zustande kommt. Die G-8 haben sich in L?Aquila grundsätzlich auf eine Reduktion des CO2-Ausstosses um 80 Prozent bis 2050 in den reichen Ländern geeinigt. Ein positives Zeichen oder nicht? Ja, ein positives Zeichen, das viele vor kurzem noch nicht für möglich gehalten hätten. Man hat sich grundsätzlich geeinigt auf das 2-Grad-Ziel. Die Frage stellt sich nun, wie die Reduktionslast zwischen den Schwellen- und den Industriestaaten verteilt werden soll. 2050 ist allerdings noch in weiter Ferne. Da steigt die Versuchung, die Anstrengungen zur Klimastabilisierung hinauszuschieben, statt sofort aktiv zu werden. Ja, noch gibt es keine kurzfristigen Ziele bis 2020. Man ist sich zwar über das Fernziel einig, aber noch nicht, wie man dorthin kommt. Wichtig ist nun, kurzfristige Ziele zur Emissionsreduktion bis 2020 auszuhandeln. Wie weit soll man in Kopenhagen den Schwellen- und Entwicklungsländern entgegenkommen, die den wirtschaftlichen Fortschritt durch zu rigorose Klimaanstrengungen gefährdet sehen? Es ist vor allem eine politische Frage, wie man diese Reduktionsanstrengungen verteilen soll. Doch die westlichen Staaten müssen als Erste grosse Anstrengungen unternehmen, bevor sie Anstrengungen von andern Staaten fordern können. Wir können die Lösung des Klimaproblems, das hauptsächlich wir in den letzten 100 Jahren verursacht haben, nicht auf China und Indien abwälzen. Wo steht die Schweiz in Sachen Klimaschutz im internationalen Vergleich? Der CO2-Ausstoss hat in den letzten Jahren um einige wenige Prozent abgenommen, d. h. wir gehen in die richtige Richtung, aber noch viel zu langsam. Die Anstrengungen müssen wesentlich grösser werden, damit wir nur schon die Kyoto-Ziele erreichen. Für ein griffigeres Folgeabkommen müssen wir entsprechend mehr unternehmen. Wo sehen Sie die Rolle der Schweiz in Kopenhagen? Wie kann, wie soll sie sich einbringen? Man kann argumentieren, dass die Schweiz als kleines Land nicht viel für das Weltklima erreichen kann. Doch man darf das nicht so sehen. Die Schweiz kann zum einen eine Vermittlerrolle übernehmen, anderseits mit gutem Beispiel vorangehen. Wir haben wie fast kein anderer Staat die Technologie und die finanziellen Mittel, um so etwas umzusetzen. Wir können zeigen, dass es möglich ist, effizienten Klimaschutz zu betreiben, und dass man mit innovativer Technologie sogar Geld verdienen kann. |