Stäfa

Süper-Integratör im ausverkauften Rössli

Buschige Augenbrauen, wilde Perücke und türkischer Akzent – Müslüm mobilisierte in Stäfa die Massen.

Farbig und buschig singt Semih Yasvaner alias Müslüm im vollen Rösslisaal in Stäfa – natürlich in seinem typisch türkischen Akzent.

Farbig und buschig singt Semih Yasvaner alias Müslüm im vollen Rösslisaal in Stäfa – natürlich in seinem typisch türkischen Akzent. Bild: Reto Schneider

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Es ist bereits nach 20 Uhr an diesem Freitag. Eine Menschenschlange zieht sich vor dem Eingang des Kulturkarussells Rössli bis aufs Trottoir hinaus. Alle wollen sie den türkischstämmigen Berner Musiker und Entertainer Semih Yasvaner alias Müslüm sehen, hören und erleben. Ihm zuliebe zwängen sich die Besucher die Treppe hinauf.

Der Saal ist denn auch ausverkauft und entsprechend voll. In den ersten sechs Reihen sind nur Kinder und Jugendliche auszumachen. Man steht Ellbogen an Ellbogen, denn stehen ist angesagt. «Bei Müslüms Konzerten gibts nur Stehplätze», begründet die Programmleiterin Susanne Urban die fehlenden Sitzreihen.

Erfolgreiches zweites Album

Und schon steht Müslüm im Rampenlicht auf der erhöhten Bühne. Kreischender Beifallssturm braust ihm entgegen, für ihn schon eine Selbstverständlichkeit. Eine Zuschauerin hat ihn erst vor einem Monat in Uster mit seinem Debütalbum «Süpervitamin» gesehen, jetzt sei das ebenso erfolgreiche zweite Werk «Apochalüpt» an der Reihe.

In seinem typischen türkischen Akzent begrüsst der Star des Abends «Schtääfa». Nichts Grellfarbiges diesmal, dafür ein schicker Anzug in Weiss und dar­un­ter nur ein rotes Hemd. Die buschigen Augenbrauen, seit seinem Debüt 2012 in der Popszene, sind da. Auch das haarige Muttermal auf der linken Wange fehlt nicht, und natürlich der Schnauz, der diesmal irgendwie echt wirkt. Einzig die kosmetischen Barthaare und die Perücke sind aufgesetzt. Yasvaners Pseudonym Müslüm ist eine Kunstfigur mit einem Gespür für Discohits mit orientalischem Einschlag. Unverkennbar intonieren diesen Sound seine brillanten Musiker auf der Gitarre, am Bass und am Perkussionspult.

Aber Herr Mörgeli …

Kaum nimmt Müslüm einen Song in den Mund, erfüllen anatolische Folklore und Bauchtanzrhythmen den Saal, alles gewürzt mit mitreissendem Popsound. Dazu muss man sich einfach bewegen und so hat das Stehen seinen Grund. Ob Müslüm in seinen Liedern dem «Gastarbeiter weit weg von der Heimat in einem fremden Land» huldigt, in «Apochalüpt» nach der Liebe und dem Frieden sucht oder «Det äne am Bärgli» seine türkische Version verpasst, seine Texte haben Humor und entbehren je nach Thema dennoch nicht der nötigen Ernsthaftigkeit. Denn dieser schräge Typ hat eine Botschaft, für die er sich gerne exponiert. Es geht ihm um Toleranz und Menschlichkeit. Dabei nennt er Namen wie etwa im Song «Aber Herr Mörgeli, händ Sie denn hüt kei Sörgeli, drum chum i mit em Örgeli», in dem er den Üriker SVP-Politiker auf die Schippe nimmt.

Hüftenwippen und Ohrwurm

Und weil Müslüm wenig hält von Politik, wendet er sich vom Kind ganz vorne bis zum zuhinterst stehenden Doktor und proklamiert: «Politik ist ein Kakihaufen.» Er rät jedem, sich nicht in diese «Scheisse» zu begeben und sich dabei die Hände zu beschmutzen. Lieber soll man rund um diesen Haufen einfach Blumen pflanzen.

Müslüm, farbig, buschig, lustig, kommt beim jungen und älteren Publikum an. Er tanzt geschmeidig hinterm Mikrofon, wippt dabei mit den Hüften und streckt auch mal seinen wackelnden Hintern in den Saal. Sein Publikum ist auf jeden Fall hingerissen und lässt es sein Idol hören.

Der 1979 geborene Sohn türkischer Immigranten transformiert Gefühle in Worte und lässt seine Gäste an seinen Emotionen teilhaben. «Heut Abend sind wir alle Ausländer» fordert er zum Mitsingen auf. Und das tun sie noch mehrmals gerne, kennen doch die meisten im Saal Hits wie «La Bambele» oder den Ohrwurm von der Glücksdroge «Süpervitamin», die er eigentlich für den Pharmariesen Novartis ausklügeln sollte. Es aber sein liess, denn Geld bedeute ihm nicht viel. Lieber steckt er mit seiner Droge die Leute an. Tosender Applaus. Mit «La Bambele» ist er übrigens bei den Swiss Music Awards, die im Februar im Hallenstadion verliehen werden, in der Kategorie Best Hit National nominiert.

Der Erfolg muss Müslüm dennoch schmeicheln, kann er es doch nicht lassen, nebenbei dar­auf hinzuweisen, dass seine Videoclips schon über vier Millionen Klicks generiert haben. Das 90-minütige Programm ist im Nu um, doch mit Klatschen, Kreischen und Stapfen ergattert sich das Publikum die obligate Zugabe. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.01.2016, 09:55 Uhr

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