Stäfa

Akustische Reise im stockdunklen Saal

Geräusche, Laute und Klänge in totaler Finsternis bot das Konzert im Dunkeln am Freitagabend im Kulturkarussell Rössli. Von einem ungewohnten Sinneserlebnis.

Während des Konzerts sass das Publikum im Dunkeln. Erst am Schluss wurde es Licht.

Während des Konzerts sass das Publikum im Dunkeln. Erst am Schluss wurde es Licht. Bild: Michael Trost

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Schon in der Bar ist das Kerzenlicht dämmrig. Nachdem ich die Lichtschleuse zwischen Bar und Saal passiert habe, hüllt mich totales Schwarz ein. Meine Augen sind zwar offen, doch ich sehe nichts. Kein einziger Lichtstrahl dringt in meine Wahrnehmung, Tontechniker Jürg Heuberger hat mit dem Verdunkeln des Raums gute Arbeit geleistet. Gut ist darum, dass zwei blinde Platzanweiserinnen uns, das Publikum, in einer Polonaiseschlange in Achtergruppen Schritt für Schritt an die Sitzplätze geleiten. Der Konzertsaal ist mir vertraut. Meinem Empfinden nach müsste ich jetzt auf der Höhe der Bühne sitzen, Blick gen Osten Richtung Bahnhofstrasse. Während unseres Platzierens bimmeln Glöckchen. Bilder einer Alp steigen in mir auf. Das helle Gebimmel ist mal da, mal dort, mal oben, mal unten. Ein unaufdringlicher Duft steigt mir in die Nase.

Blinde Helferinnen

Sandro Schneebeli ist der Initiator der Konzerte im Dunkeln, mit denen er in der vierten Saison durchs Land tourt, nächstes Jahr geht es nach Südamerika. Vor dem Konzert stellte er sich und seinen Musikkollegen Max Pizio in der Bar vor. Und erklärte, dass er dank dem Schweizerischen Blindenbund auf die Hilfe der blinden Helferinnen zählen dürfe, die bereits Erfahrungen mit sehenden Gästen im Zürcher Restaurant Blinde Kuh gesammelt hätten. Die beiden Vollblutmusiker aus dem Tessin waren darauf hinter den schweren Vorhängen in den Saal gehuscht, um sich noch im Schein ihrer Taschenlampen vor ihren Zupf-, Blas- und Schlaginstrumenten einzurichten. Erst danach durften wir hinein in die totale Finsternis.

Gitarrenklänge rechts vor mir ertönen, eine Melodie schält sich heraus. Dann, von links, der raue Ton eines Saxofons – oder ist es doch eine Klarinette? Das Instrument übernimmt das Thema und führt es zu einer melancholischen Jazzimprovisation. Gitarrenvariationen in spanischem Stil wechseln sich ab mit Passagen verschiedener Blasinstrumente, die an Fernost denken lassen. Dazwischen rhythmische Trommelschläge, bevor zwei Flöten aus verschiedenen Richtungen sich ein schrilles Duell liefern. Ich vernehme leises Lachen und muss selber schmunzeln: Das pene­trante Flötenduo hört sich an wie ein zänkisches Hin und Her.

Am Meer unter Möwen

Gitarrist Schneebeli hatte uns aufgefordert, zwischen den Musikstücken nicht zu klatschen. Die absolute Stille würde unsere Konzentration aufs Zuhören verschärfen, zumal wir automatisch danach trachten würden, die In­stru­mente ausfindig zu machen.

Als auf einmal ein Rauschen erklingt, ist mir, als stünde ich am Strand und schaute schäumenden Wellenbrechern zu. Das muss eine Tonaufnahme sein. Und da, sind das nicht kreischende Möwen über unsern Köpfen? Das Rauschen verebbt, plätscherndes Wasser übernimmt die Geräuschkulisse. Das vibrierende Schwingen einer Mundorgel setzt ein. Mit geschlossenen Augen lasse ich mich vom sphärischen Klang davontragen.

Das Zischen eines Streich­holzes, mit dem Max Pizio zuerst eine, dann die zweite Kerze am Boden anzündet. Das sanfte Licht empfinde ich anfänglich wie einen Schmerz, als hätte man mich abrupt aus dem Schlaf gerissen. Das Publikum sitzt in einem Kreis um die Musiker herum, schemenhaft erkennt man die Instrumente.

Nur die Sitzposition geändert

Wir dürfen Fragen stellen. Mich interessiert das Meeresrauschen. Sandro Schneebeli hält ein Tamburin in die Höhe und bewegt vorsichtig die sich darin be­findenden Metallkügelchen. Das Möwengeschrei entpuppt sich als schrilles Flötenpfeifen. Das Plätschern entlarvt Max Pizio, indem er eine zur Hälfte gefüllte PET-Flasche schüttelt. Ob der Gitarrist während des Spiels im Saal herumgegangen sei, will jemand wissen. Nein, er habe lediglich die Sitzposition geändert, mal zum Publikum, mal von ihm weg gespielt. Trotz höherer Sensibilität hat die Wahrnehmung einen ­getäuscht, trotz fehlender Ab­lenkung. Und dieser Duft? Mit einem schelmischen Lachen streckt Multiinstrumentalist ­Pizio eine Spraydose in die Luft, sprüht einen Spritzer und verteilt den Duft fächernd um sich.

Erst jetzt merke ich, wo ich ­sitze. Nicht, wie gemeint, bei der Bühne, sondern vor der nörd­lichen Fensterfront zum Rösslipark hin. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.12.2016, 17:59 Uhr

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