Meilen

Ihr Glück ist rund

Er möchte die helvetische Esskultur revolutionieren: Jürgen Leonhardsberger stellt in seiner umgebauten Garage Knödel her. Der Nachfrage kann er sich kaum erwehren.

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Es gibt Menschen, die haben ihre Karriere als Tellerwäscher begonnen. Andere haben ihr Unternehmen in einer Garage gestartet. Jürgen Leonhardsberger gehört zur zweiten Kategorie, genauso wie einst der Apple-Pionier Steve Jobs. Wie sein amerikanisches Pendant surft der Meilemer mit österreichischen Wurzeln auf einer Erfolgswelle, seit er vor nur anderthalb Jahren «die erste und einzige Knödelmanufaktur in der Schweiz» gegründet hat. Mit dem Startkapital von 20 Franken kaufte der Mittvierziger im Grossverteiler alle Zutaten, die er für seine erste Knödelbestellung benötigte.«Mein Freund, der zu diesem Zeitpunkt das Bistro des Tennisclubs Meilen führte, kannte meine Knödel und wollte sie unbedingt», erzählt der Unternehmer.

Früher war der zweifache Vater im kaufmännischen Bereich tätig: «Irgendwann spürte ich den Unternehmer in mir und wollte meine Ideen ausleben.» Will heissen, der Chef der Meilemer Knödel Factory arbeitet daran, den hierzulande eher unpopulären Knödel zum helvetischen Food-Trend zu machen.

Tennisellbogen vom Rühren

Jürgen Leonhardsberger ist tatsächlich auf bestem Weg, hat er doch im vergangenen Jahr 100 000 Knödel verkauft. Und dies, ohne jemals Werbung gemacht zu haben. Geholfen haben ihm dabei die beliebten Street-Food-Festivals. Sie finden in Schweizer Städten statt, wo die Gäste kulinarische Kreationen testen können. Dreimal nahm er letztes Jahr an verschiedenen Standorten in Zürich daran teil und konnte so sein rundes Produkt unter die Leute bringen.

«Schon beim ersten Mal sind uns die Knödel förmlich aus der Hand gerissen worden», erzählt er und zeigt sein einnehmendes Lachen. Die Menschen seien angestanden. «Wir hatten nie mitso einem Interesse gerechnet.» Auch Leonhardsbergers Erfindung, das Knödel-Panini, das er an seinem Stand am Bellevue am Weihnachtsmarkt anbot, kam an. Wobei sich der erste Erfolg mit der kugeligen Beilage bei Leonhardsberger bereits auf privater Ebene eingestellt hatte, bevor sie den Schritt ins Geschäft wagten. «Es ging so weit, dass sich Freunde selbst einluden, nur um bei uns Knödel aufgetischt zu bekommen», bemerkt Gattin Olivia. Da ihr Schwiegervater aus Zell am See im österreichischen Pinzgau stammt, lernte sie rasch, die dort üblichen Kaspressknödel zuzubereiten, handelte es sich doch auch um die Leibspeise ihres Mannes.

Echte getrocknete Semmel

Die beiden stehen jetzt in ihrer ehemaligen Garage, die aus- und umgebaut werden musste, um auch den Hygienevorschriften der Lebensmittelinspektoren zu genügen. Hier tüftelte das Ehepaar zunächst an der Teig- und Würzmischung. Der Teig durfte weder zu klumpig noch zu luftig sein. Als Basis werden nur die echten getrockneten Semmelwürfel verwendet, die sie sich aus Österreich liefern lassen. «Mit Schweizer Weissbrot kriegen wir nicht die richtige Teigkonsistenz hin», begründet Leonhardsberger und zeigt auf die aufgetürmten Kartonschachteln voller Plastiksäcke Semmelwürfel in der Ecke.

«Freunde luden sich selbst ein, nur um bei uns Knödel aufgetischt zu bekommen.»Olivia Leonhardsberger

Zur Semmelmasse kommen Milch, Eier, Gewürze, Salz und, je nach Knödel, Zutaten wie Spinat, Speck, Käse oder Gemüse hinzu, etwas Mehl ganz am Schluss. Heute gehören zwölf Sorten zum Sortiment, davon drei süsse Varianten. Eigenkreationen wie der Gemüseknödel oder der «Erbsen-Curry» sind der Renner. Die ersten 20 000 Stück fertigte Jürgen Leonhardsberger mit seiner Frau noch von Hand an. Als er sich vom Teigrühren einen Tennisellbogen zuzog, schaffte er sich eine Knetmaschine an. Rollte er am Anfang noch jeden Knödel von Hand zu einer Kugel und wog ihn einzeln auf der Waage ab, übernimmt dies inzwischen die Portioniermaschine. Die er je nach Wunsch auf 20 Gramm (Apéroportion), 80 Gramm (Beilage) und 160 Gramm (XXL) einstellen kann.

95 Prozent Handarbeit

«Und trotzdem», wendet der Knödelmann mit erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Augenbrauen ein, «jede Kugel, die der Portionierer ausspuckt, landet in meiner Hand und von dort auf dem Tablett.» 95 Prozent der Produktion bleiben Handarbeit. Im nächsten Produktionsschritt landen die Knödel im Schockgefrierer. Danach werden sie vakuumiert, etikettiert und bei minus 22 Grad gelagert. Abnehmer sind vorwiegend Restaurants bis hinauf zur Sternegastronomie.

Jürgen Leonhardsbergers jüngste Anschaffung ist der rot gestrichene Anhänger mit eingebauter Küche, fliessendem Warmwasser, Stromanschluss und Dampfabzug. Das Gefährt erspart ihm den stets aufwendigen Auf- und Abbau eines Standes. Darin kann er künftig seine Knödel kochen, grillieren und im Steamer garen und muss sich nicht mit einer improvisierten Küche begnügen. Das erste Mal wird der Knödelwagen am ersten Schweizer Knödelfest in Richterswil zum Einsatz kommt.

Am Samstag, 21. Mai, findet ab 17 Uhr das erste Schweizer ­Knödelfest in Richterswil auf dem Horn-Areal statt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.04.2016, 17:49 Uhr

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