Erlenbach

Auf Schnäppchenjagd in Erlenbacher Villa

In Erlenbach fand am Samstag in einer Villa die amtliche Liquidation eines Nachlasses statt. Der Andrang war gross: Über 1000 Schnäppchenjäger und Neugierige sahen sich in der Villa eines verstorbenen Zahnarztes mit ausgeprägter Sammelleidenschaft um.

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An der Erlenbacher Föh­ren­strasse reiht sich Villa an Villa. Auf die Strasse hin wirken die Gebäude abweisend, ohne Leben. Wenn da nur nicht die auffallend vielen Auto­mobi­listen wären, die an diesem regnerischen Samstagmorgen um­her­kurven, auf der Suche nach einem Parkplatz. Sie alle haben ein Ziel: die Villa mit der Hausnummer 20. Dort, wo heute die amtliche Liquidation eines Nachlasses beginnt. Schätzungsweise 50 Schnäppchenjäger haben sich hier eine Viertelstunde vor Be­ginn eingefunden. Sie stehen dicht gedrängt am Eingang.

Im Innern herrscht kurz vor der dem Start um 9 Uhr angespannte Ruhe. Das Team des Zolli­ker Liquidators Jürg Hoss verteilt sich auf die Räume der Villa. Der Sicherheitsmann öffnet die Tür. Hektik kommt auf. «Ganz gemütlich!», ruft er. Die Ersten stürmen in den weitverzweigten Wohnbereich. Ein Mann wendet sich an eine Angestellte – «wegen der Harleys draus­sen», sagt er. Wer nichts Konkretes sucht, lässt sich treiben und staunt über das Aus­mass der zum Verkauf stehenden Gegen­stände: Im Keller findet sich, ebenfalls verteilt auf mehrere Räume, eine Vielzahl an Bildern, Möbeln, Gerätschaften für den Garten – und Wein. Ausserdem steht hier eine ganze Sammlung an sakralen Gegenständen zum Verkauf. Madonnen, Jesus­figu­ren, Ikonen, Kreuze und Weihrauchgefässe, um nur ein paar zu nennen.

Nur wenige Minuten nach 9 Uhr reihen sich die ersten Fündigen im Erdgeschoss ein, um bei ­Corinne Hoss, der Frau des Liquidators, die erstandene Ware zu bezahlen. Doch damit ist die Jagd noch nicht beendet. Ein braun gebrannter Mann in Lederjacke wehrt die Frage nach seinem Einkauf ab. «Ich habe jetzt keine Zeit, aber vielleicht später», sagt er entschuldigend und hastet weiter. Ein Händler vielleicht?

Bei den Ersten zu sein, ist entscheidend. Das zeigt eine gute Stunde später die Bilanz einer Frau, die mit ihren Einkäufen auf ihren Begleiter wartet. Für 500 Franken hat sie unter anderem eine mechanische Kaffeemaschine, einen silbernen Weinkühler und Wein erstanden. Doch den angepeilten ­Eames Lounge Chair, wegen dem sie sich mit ihrem Sohn bereits um 7.45 Uhr bei der Villa eingefunden hatte, schnappte ihr ein anderer vor der Nase weg. «Wir waren so nahe dran. Aber leider hat es nicht geklappt», sagt sie. Die Enttäuschung darüber ist ihr anzu­sehen.

In der Villa ist auch eine Angestellte des Konkursamtes Küsnacht anzutreffen. Allerdings nicht von Amtes wegen. «Ich habe mich nicht selber mit dem Fall befasst.» Sie sei hier aus behördlichem und privatem Inter­esse. In den Händen hält sie einen Teppich, den sie sich gerade eingehend angesehen hat.

Eine andere Frau ist einen Schritt weiter: Die Innenarchitektin hat eine Sitzbank für 570 Franken erstanden und ist auf der Suche nach weiteren Gegenständen – ohne konkrete Vorstellung. Sie kaufe, was ihr gefalle und was sie bei ihrer Arbeit einsetzen könne. Noch immer harren draus­sen Interessierte aus. Der Sicherheitsmann lässt nur so viele rein, wie rausgehen. Die ganz Neugierigen umkreisen die Villa und machen sich mit einem Blick durch die grossen Wohnzimmerfenster einen ersten Eindruck. Plötzlich spielt jemand gekonnt Kla­vier. Es ist der Mann in Lederjacke, der es vorhin so eilig hatte. Er sitzt hinter dem weissen Stein­way-Flügel und strahlt. «Ich bin extra wegen des Flügels gekom­men», sagt er, der als Privatmann auf Einkaufstour ist. 28 500 Franken kostet ihn sein Traum-Instrument.

Die Kundschaft ist bunt ge­mischt. Einige kommen gleich mit der ganzen Familie. Andere paarweise als Händler. Zeit zum Reden haben Letztere nicht. Auch sonst stösst man zum Teil auf verhaltene Reaktionen – die meisten Angefragten wollen nicht für die Zeitung fotografiert werden. Obschon die Liquidation von Amtes wegen angeordnet und professionell ausgeführt wird, ein ambivalentes Gefühl schwingt mit, während man die Villa inspiziert. Wer war der Mann, der bis vor wenigen Monaten hier gelebt hat? Inventar und Wohnräume gewähren einen intimen Einblick in das Leben eines Verstorbenen mit extra­vagantem Geschmack und eigenartiger Sammelleidenschaft. Die Villa selber hat ihre beste Zeit offensichtlich hinter sich. Fest steht: Der Zahnarzt und Galerist war am Ende seines Lebens verschuldet, und seine Erben schlugen die Erbschaft aus, weshalb es zur konkursamtlichen Liquidation seines Nachlasses kam. Viel mehr weiss auch Liquidator Jürg Hoss nicht. «Das ist mir lieber so», sagt er. Seine Aufgabe sei es, Ordnung zu schaffen und alles für den Verkauf herzurichten.

Nach eineinhalb Stunden ist das Gewusel in der Villa immer noch im Gang. So rasch abnehmen wird es nicht: Die Schlange vor dem Haus ist trotz strömendem Regen länger geworden. Der Sicherheitsmann schätzt die Zahl der bisherigen Besucher auf 350. Am Ende des Tages sollten es über 1000 gewesen sein. Hoss mutmasst, dass er an diesem ersten Liquidationstag 60 Prozent des Gesamtumsatzes getätigt hat. «Die wertvollsten Gegenstände, die Uhren, die Motorräder und der Flügel, sind verkauft.» Die Gläubiger dürfte dies freuen. ()

Erstellt: 18.04.2016, 10:06 Uhr

Infobox

Die Liquidation dauert noch bis Sams­­tag, 23. April. Föhrenstrasse 20. Erlen­bach.

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