Hombrechtikon

Ein Hombrechtiker spielt jetzt bei Mummenschanz mit

Oliver Pfulg ist einer der vier jungen ­Künstler, mit denen die Theatergruppe Mummenschanz nach 44 Jahren den Neustart wagt. Die ZSZ hat den Hombrechtiker nach der Premiere von «You & Me» getroffen.

Der Ball als Bezug zur Region: Oliver Pfulg erinnert sich gerne an die Zeit im FC Stäfa zurück.

Der Ball als Bezug zur Region: Oliver Pfulg erinnert sich gerne an die Zeit im FC Stäfa zurück. Bild: Patrick Gutenberg

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Sein Gesicht versteckt sich hinter der Bratsche, jenes der Partnerin ist eine Geige. Die beiden Körper vor der schwarzen Bühne sind in schwarze Trikots gehüllt – nur die Instrumente und die Augen stehen im Rampenlicht. Verliebt wagen Bratsche und Geige eine schüchterne Annäherung, die sich allmählich in eine buchstäblich verstimmte Auseinander­setzung steigert, was durch nervöses Saitenzupfen betont wird.Er greift sich Hilfe suchend an seinen Klangkörper, um im nächsten Augenblick die sich vor ihm rekelnde Ange­be­tete von hinten zu umarmen, dabei den Bogen über die Saiten­stränge beider Instrumente streichend, Misstöne verscheuchend.

Fussball als Symbol

Hinter der Bratsche steckt der Kopf von Oliver Pfulg. Der 31-jährige Hombrechtiker hat sich für ein Treffen an diesem sonnigen Vormittag den Lindenhof in Zürich gewünscht. «Es ist ein ruhiger Ort voller Stimmung ober­halb der pulsierenden Stadt», begründet er seine Wahl. Im Rucksack mitgenommen hat er einen Fussball. Pfulg hat einst im FC Stäfa gespielt. Da er inzwischen nicht mehr in Hombrech­tikon lebt, soll der Ball auf dem Bild die Beziehung zur Zürichseeregion symbolisieren.

Seit sechs Jahren ist Oliver Pfulg Tänzer und Schauspieler, wobei er sich zuerst zum Bauzeichner ausbilden liess. Doch der grossgewachsene Mann mit der athletischen Statur, der mit wendigen Schritten und Hüpfern für den Fotografen den Ball jongliert, ist ein Bewegungsmensch, ein Bürojob nicht sein Ding. Er absolviert zuerst die dreijäh­rige Vollzeitausbildung an der Zürcher Theaterschule Comart.

Als Bewegungsschauspieler kann Pfulg sich mit verschie­denen Projekten über Wasser halten – bis letztes Jahr ein Bekannter von ihm, selber Tänzer, Choreograf und damals bei Mummen­schanz angestellt, ihn für eine Zweitbesetzung anfragt. «Das war eine spezielle ­Chance für ein Engagement auf höchstem Niveau», meint Pfulg nun im warmen Café Zum Weggen. «Die wollte ich mir nicht ent­gehen lassen.»

Neuer Schwung für die Truppe

Also sucht der Hombrechtiker Floriana Frassetto in ihrem Atelier in Alt­stät­ten auf. Die 66-Jährige gründete Mummenschanz 1972 mit Andres Bossard, der 1992 verstarb, und Bernie Schürch, der vor vier Jahren in Pension ging. «Sie hat mich einen Nachmittag lang improvisieren und ausprobieren lassen», er­innert Pfulg sich an die erste Begeg­nung mit der vitalen Künstlerin, bis heute die trei­bende Kraft der international wohl erfolg­reichsten Theaterkompanie der Schweiz.

Nach 44 Jahren wagt die Truppe einen Neustart und holt vier junge Schweizer Künstler zwischen 26 und 31 Jahren ins Boot: Neben Oliver Pfulg sind dies die Bündnerin Sara Francesca Hermann (die verliebte Geige), die Freiburgerin Christa Barrett und der Tessiner Kevin Blaser.

Mit den frischen Talenten, ­alle Profis der Bewegungskunst, erarbeitet Frassetto, die stets mitspielt, das Programm «You & Me». Sie hätten nur drei Monate Zeit gehabt, bemerkt Oliver Pfulg und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Verglichen mit den drei Jahren, welche die Truppe in der Regel für ein neues Programm einsetzte, sei das eine kurze Zeit. Alte Marke mit neuen Geschichten lautet das Motto: Und das ist immer grosses Theater ganz ohne Worte. Gemeinsam werden etwa die fliessenden Bewegungen der Riesen­quallen optimiert, die schliesslich schwerelos durchs imaginäre Wasser schweben.

Ein Schwan schlüpft

Auch wie aus einem scheinbar dahin­geworfenem Tüllhaufen mithilfe eines Schlauchs ein graziler Schwan entschlüpft, muss ausgetüftelt werden. Da ist auch das Spiel mit dem übergrossen Ballon, den zwei elastische Röhren ins Publikum spicken. Oder Buchstaben und Zahnräder, die von unsichtbarer Hand geführt, zu tanzenden Kreaturen mutieren. Mal sind die Bilder lustig und witzig, mal melancholisch und romantisch, aber auch dramatisch und spannend, wie der Kampf zweier Figuren mit ihren Masken aus Knet­masse, die sie vor den Augen des Publikums bis ins Absurdum verändern, am Schluss dran kleben bleiben.

Die Masken und Requisiten werden während einer Tournee von den Truppenmitgliedern ­instand gehalten, da ein Riss ­genäht, dort ein kaputter Buchstabe verleimt. Ausser dem professionellen Lichttechniker gibt es keine Handwerker.

Die «Mise en place» hinter der Kulisse ist ebenfalls Sache der Schauspieler. «Es bleibt kaum Zeit für den Wechsel von einer Szene zum nächsten Sketch», ­erzählt Oliver Pfulg, da muss ­alles griffbereit liegen, und nicht selten hilft man sich gegenseitig ins Kostüm. «Wir sind zwei Stunden am Rennen.» Eine Tonne wiegt das gesamte Material.

Auch auf Drängen verrät Oliver Pfulg aber keine Tricks. Das Zauber­hafte und das Staunen bei Mummenschanz soll erhalten bleiben. Nur beim Sketch mit Bratsche und Geige lüftet er das Geheimnis, wie denn die Ins­tru­mente vor den Gesichtern der Spielenden fixiert sind, ­ohne runterzufallen. Diese knifflige Aufgabe zu lösen, half ein Geigenbauer. Mithilfe einer Gas­maske, die gut am Kopf hält, wurden die Streichinstrumente von hinten dar­auf gestülpt.

Nach langer Zeit wieder hier

Nach fünf Jahren, während denen Mummenschanz mit der Jubi­lä­ums­tournee von 2012 auf der ganzen Welt unterwegs war, ist das Ensemble wieder in die Schweiz zurückgekehrt. ­Letzte Woche war Premiere im Zürcher Theater 11. «Es ist eigentlich wie beim Fussball», kommt Oliver Pfulg nochmals auf den Ball zu sprechen. «Wie bei einem Match wissen wir nie, wies auf der ­Bühne ausgeht und wie die Zuschauer es auf­nehmen.» Das Publikum rea­giert je nach Land und Kultur ­anders.

Mummenschanz treten mit ihrem neuen Programm «You & Me»bis 18. Dezember, ausser montags,täglich im Theater 11 auf. www.mummenschanz.com (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.12.2016, 16:20 Uhr

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