Stäfa

Ein Herz für die Jesiden

Die ehemalige Journalistin Marja Baumgartner war schon oft in Kurdistan. Auf ihrer letztjährigen Reise dorthin lernte sie sieben jesidische Geschwister kennen, deren Eltern von IS-Terroristen ermordet wurden. Ihnen will sie helfen.

Marja Baumgartner schreibt ein Buch über die Kurden. Sie vergleicht die Zustände von heute mit 1992.

Marja Baumgartner schreibt ein Buch über die Kurden. Sie vergleicht die Zustände von heute mit 1992. Bild: Michael Trost

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Was der heute 19-jährige Hadi und seine sechs Geschwister erlebt haben, lässt Marja Baumgartner nicht kalt. Die ehemalige Journalistin und gebürtige Finnin lebt seit 1969 in der Schweiz. Von hier aus schrieb sie für finnische Zeitungen auch über das Schicksal der Kurden in Nordirak (siehe Kasten). Dorthin reiste sie regelmässig für ihre Recherchen. Sie weilte auch dort, als 1990 Saddam Hussein gerade Kuwait besetzt hatte. Mit allen anderen Ausländern wurde sie als Geisel gefangen genommen, konnte dann aber doch noch fliehen.

«Saddam hat alle Kurden einschliesslich Jesiden unterdrückt», nimmt sie den Faden auf zum Volk, zu dem Hadi gehört. Die Jesiden sind eine Religionsgemeinschaft innerhalb der kurdischen Minderheit. Aufgrund ihres Glaubens, der Elemente des Christentums, Judentums und Islams vereint, werden sie seit Jahrhunderten von den Moslems abgrundtief gehasst und darum in der Türkei und im Irak verfolgt.

«Weil sie den gefallenen Engel Taus Melek, für Muslime Inbegriff des Satans, verehren, gelten sie als Teufelsanbeter», fasst Baumgartner zusammen. Doch erst seit die Jesiden vor dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) flüchten, werden sie von einer breiten Öffentlichkeit im Westen als benachteiligte Ethnie überhaupt wahrgenommen. «Die Jesiden werden seit 2014 vom IS als Ungläubige verfolgt, versklavt und ermordet.»

Kampffreie Zone

Kürzlich erst ist Marja Baumgartner zutiefst betroffen von ihrer letzten Reise aus Kurdistan zurückgekehrt. Die 70-Jährige weilte einige Wochen bei kurdischen und jesidischen Freunden, die sie einst als aktive Journalistin kennenlernte. Neugierig von Natur aus nahm sie die Gelegenheit wahr, eines der Flüchtlingslager in der Region aufzusuchen. Angst hat sie keine: «Die Region um Erbil, Suleimaniyyaa und Duhok im Norden Iraks hat seit dem Verschwinden Husseins und dank westlicher Hilfe einen regelrechten Aufschwung erlebt und ist momentan kampffreie Zone.»

«Ich wollte mir einen Eindruck verschaffen vom Elend in den Flüchtlingscamps an der Grenze zur Türkei und Syrien, wo bis anderthalb Millionen Menschen hausen», erzählt sie in ihrem Stäfner Zuhause. Sie verfasst zwar nur noch selten Artikel, schreibt aber gerade an ihrem zweiten Buch. Thema ist die aktuelle Situation der Kurden. Marja Baumgartner gedenkt, darin einen Vergleich zu ziehen mit jener Zeit, als sie 1992 ihr erstes Werk über Kurdistans Geschichte veröffentlichte. Einige Kapitel wird die Autorin den Jesiden widmen.

Die Geschichte Hadis

Jetzt kommt sie wieder auf Hadi zu sprechen. Sie ist dem hageren Jungen, der mit seinen sechs Geschwistern zwischen 8 und 15 Jahren zusammengepfercht im engen Zelt lebt, im Lager begegnet. Er spricht als einziger etwas Englisch. «Er musste aus einem Versteck mit ansehen, wie IS-Leute seine Eltern in ein Auto stiessen und mit ihnen wegfuhren», erzählt sie.

Wenige Tage davor war Hadi mit dem Vater von der Feldarbeit heimgekommen, als sie das ganze Dorf wie ausgestorben vorfanden. Die Mutter erwartete sie mit den anderen Kindern und erzählte ganz nervös, dass IS-Kämpfer in der Nähe seien und darum alle Nachbarn geflohen seien.

Hadis Familie machte sich zu Fuss auf den Weg nach Duhok, einer sicheren kurdischen Stadt. Als sie unterwegs von anderen Leuten gewarnt wurden, dass auf dieser Strecke die «schwarzen Männer», wie Hadi sie nennt, Flüchtlinge ermordet und alle Frauen verschleppt hätten, entschlossen sie sich, umzukehren und nach Syrien weiter zu gehen. Hadi habe ihr erzählt, dass die Kleinen kaputte Schuhe, Plastiksandalen, hatten und kaum mehr weiterkonnten.

In der verlassenen Stadt Znunu am Fuss des Sinjar-Gebirges verschanzte sich die Familie in einem verlassenen Haus zum Übernachten. Aus diesem Haus sind die Eltern von IS-Kämpfern abgeführt worden, während die Kinder sich versteckt hielten. «Sie haben sie nie mehr gesehen», erzählt Marja Baumgartner mit leiser Stimme. Sie vermutet, dass sie in einem der vielen Massengräber verschwunden sind, derzeit werden bis zu 3000 Jesiden vermisst.

Die Kinder zogen nachts allein weiter. Die Kleinen weinten und waren traurig wegen der Eltern, auch Hadi. Immer wieder mussten sie sich vor IS-Kämpfern verstecken, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchten. Eines Morgens sahen sie aus einer Scheune, wo sie die Nacht verbracht hatten, wie zwei syrische Autos vor dem benachbarten Haus anhielten. Sechs Männer seien darin eingebrochen und hätten viele Sachen entwendet. Bevor sie mit dem Diebesgut ins Auto steigen konnten, sei auf einmal ein IS-Auto dagestanden und hätte sie alle erschossen.

«Der Norden Iraks hat seit
dem Verschwinden Husseins
einen regelrechten
Aufschwung erlebt.»
Marja Baumgartner, Journalistin

Mit Glück konnte Hadi endlich einen Verwandten telefonisch erreichen. Marja Baumgartner schüttelt an dieser Stelle fast ungläubig den Kopf: «Sie hatten zwar nichts zu essen dabei, dafür ein Handy und Ladegerät, mit dem sie in den leeren Häusern den Akku laden konnten.» Der Verwandte fuhr die Kinder nachts zur irakisch-kurdischen Grenze ins Lager. «Erst dort wussten sie, dass sie in Sicherheit waren, mindestens vorläufig», wie Baumgartner ihre Erzählung abschliesst.

Im März reist die Stäfnerin wieder zu Hadi und seinen Geschwistern. «Ich möchte sie unterstützen, damit sie ein menschenwürdiges Leben führen können», begründet sie ihre Motivation. Sie hat Hadi und seine Geschwister ins Herz geschlossen. So plant sie, im nahen Dorf zunächst eine Wohnung für sie zu mieten und dafür zu sorgen, dass sie regelmässig zu Essen hätten und zur Schule gehen könnten. Auch wenn es noch Kinder sind, «sind sie sehr selbständig und die Mädchen können alle kochen». Sie hätten gelernt, sich durchzuschlagen.? Maria Zachariadis

Um Hadi und seinen Geschwistern zu helfen, hat die Stäfnerin Marja Baumgartner den Verein «Help for the Yezidi» gegründet. Weitere Informationen unter marja.baumgartner@yahoo.com oder Mobile 079 247 08 52. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.02.2016, 15:50 Uhr

Die sieben Geschwister mussten mitansehen, wie ihre Eltern in Kurdistan verschleppt wurden. (Bild: Marja Baumgartner)

Kurdistan

Die Autonome Region Kurdistan im Nordirak existiert seit 1970 und ist die einzige autonome Region des Iraks. Das offizielle Gebiet setzt sich aus den irakischen Gouvernements Duhok, Erbil, Sulaimaniyya und Halabscha zusammen. Sie hat eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament mit Sitz in der Hauptstadt Erbil. Staatsoberhaupt ist Präsident Masud Barzani. Kurdistan verfügt über eigene Streitkräfte (Peschmerga), hat eine eigene Flagge sowie eine Hymne. (mz)

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