Küsnacht

Der Vogel des Jahres profitiert vom Wasser der Zumiker Kläranlage

Die Wasseramsel wurde von Birdlife Schweiz zum Vogel des Jahres gekührt. Im Bezirk Meilen findet man die tauchenden Singvögel an verschiedenen Stellen. Ein guter Beobachtungsort ist zum Beispiel das Küsnachter Tobel.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir stehen am Oberlauf des Küsnachter Tobels in Zumikon, dort wo das Wasser aus der Abwasserreinigungsanlage (ARA) in den Chleiweidlibach fliesst. Hier am und im Bach lebt der Schweizer Vogel des Jahres: die Wasseramsel. Johann Hegelbach, Biologe an der Universität Zürich, deutet auf die Stelle, wo die Wasserläufe zusammenfliessen. Der Zulauf aus der Kläranlage ist etwas trüber als der Bach selbst.

Die schlechtere Wasserqualität sei für die Vögel nicht so schlimm, organische Bestandteile sogar von Vorteil, sagt Hegelbach. «Für die Wasseramseln ist die Kläranlage sehr wichtig», erklärt er. «Der Zulauf hält den Wasserpegel konstant, und die erhöhte Temperatur verhindert, dass der Bach im Winter gefriert.» Vor allem in der kalten Jahreszeit seien Wasseramseln deshalb vermehrt im wärmeren Abschnitt des Chleiweidlibachs in der Nähe der ARA zu beobachten.

Nest hinter dem Wasserfall

Als möchte er Hegelbachs Worten Ausdruck verleihen, fliegt ein brauner Vogel mit weisser Brust schnell wie ein Star über die Wasseroberfläche und bleibt auf einem Stein stehen. Er ist etwas kleiner und runder als eine gewöhnliche schwarze Amsel. Schwimmhäute hat die Wasseramsel keine, für das Vorankommen im Wasser sorgt die Fliessgeschwindigkeit.

Bevor die Kamera ihn erfassen kann, ist der Vogel wieder im Bach verschwunden. Als einziger Singvogel kann die Wasseramsel tauchen und baut ihr Nest bevorzugt hinter Wasserfällen. Auf Bäumen sucht man sie vergebens. Im fliessenden Gewässer ist sie vor ihren häufigsten Feinden – sprich Sperbern, Graureihern und Krähen – sicher.

Droht Gefahr, zieht sie sich schnell in das nächstgelegene Loch zurück. Wie sich die Vögel genau orientieren, ist auch dem Wasseramselexperten nicht vollumfänglich bekannt. Er geht aber davon aus, dass sie ihre Umgebung visuell abspeichern. «Die Wasseramseln kennen alle Verstecke in- und auswendig.»

Die Vögel sind enorm standorttreu. Ihr gesamtes Leben kann sich laut Hegelbach auf einem 400 bis 500 Meter langen Abschnitt am Bach abspielen. Der Ornithologe muss es wissen: Die Wasseramseln am Küsnachter Tobel kennt er alle persönlich, da er sie selbst beringt hat.

Neben einem Aluminiumring der Vogelwarte Sempach trägt jeder Vogel mehrere farbige Ringe. Diese fungieren als Identitätskarte und können von den Ornithologen mit Hilfe eines Fernglases gelesen werden. Einmal in der Woche gehe er die Brutgebiete (siehe Kasten) ab, sagt Hegelbach. In seinem Notizbuch hält er fest, welches Individuum er wo angetroffen hat.

Larven auf der Speisekarte

Die Strahlen der Morgensonne reichen nicht bis ins Tobel, im Schatten des Waldes ist vom nahenden Frühling noch nichts zu spüren. «Für Langschläfer ist die Wasseramsel der perfekte Vogel», sagt Hegelbach. «Wahrscheinlich sind wir sogar etwas zu früh unterwegs.»

Es ist nach 10 Uhr, der Weg führt weiter bachabwärts Richtung Küsnacht. Auf den Steinen im Wasser zeugen weisse Kotflecken mit einem Durchmesser von etwa zwei Zentimetern davon, dass das Zielobjekt in der Nähe ist. Zeigen will es sich aber vorerst noch nicht. Irgendwo in der Ferne ruft ein Grünspecht, sonst ist nur das Rauschen des Wassers zu hören.

Hegelbach springt die Böschung herunter und greift im Bach nach einem Stein. Darunter verbirgt sich das Tagesmenü der tauchenden Singvögel: Wasserasseln. Auf der Speisekarte stehen zudem Eintagsfliegen und Larven verschiedener anderer Fliegenarten. Mit ihrem Schnabel heben die Vögel die Steine an, so dass fliessendes Wasser sie umkippt.

ARA bestimmt Zukunft

Ein Amselweibchen legt bei der Erstbrut meist fünf Eier, bei der Zweitbrut ist die Gelegegrösse um eins kleiner. «Praktisch alle Jungen kommen zum Ausfliegen», sagt Hegelbach. «In den ersten fünf Tagen stirbt aber etwa die Hälfte.» Die grössten Feinde seien vor allem Reiher, aber auch dem Hochwasser fielen immer wieder Jungtiere zum Opfer.

«Sieben Paare leben derzeit im Küsnachter Tobel», sagt Hegelbach. «Die Zahl hat seit Mitte der Nullerjahre frappant abgenommen. Damals umfasste das Gebiet noch um die 20 Paare.» Als Grund für die Abnahme sieht der Experte vor allem die Bautätigkeit. Dadurch sei Sandwasser in den Bach gelangt. Dieses habe die Bodenstrukturen und damit die Nahrungsgrundlage der Wasseramseln zugedeckt.

Wie sich die Population entwickeln wird, wenn die ARA Zumikon ihren Betrieb aufgibt, sei noch unklar. Klar ist, dass damit der Wasserzulauf beschränkt und die Temperatur des Baches sinkt. Freuen wird das den Vogel des Jahres nicht. «Das wird die Wasseramsel als anpassungsfähige und bezüglich ihrem Winterquartier auch flexible Art, aber nicht grundsätzlich bedrohen», ist Hegelbach überzeugt.

Zurück in Küsnacht, geht es mit dem Auto an einen weiteren nahgelegenen Beobachtungsort. Dieser befindet sich überraschend am Stadtrand am Wehrenbach unweit vom Bahnhof Tiefenbrunnen. Kaum aus dem Auto ausgestiegen sehen wir sie endlich aus der Nähe: Unbeirrt von den Passanten und dem Verkehrslärm sitzt die Wasseramsel im Bach und posiert regelrecht für die Kamera. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 17:33 Uhr

Wasseramseln am Zürichsee

Die besten Beobachtungsorte

Wasseramseln sind immer an und in Fliessgewässern zu finden. Auch moosbewachsene Felsen in Ufernähe werden nach Nahrung abgesucht.

Am Zürichsee können Wasseramseln nicht nur im Küsnachter Tobel beobachtet werden. Für die tauchenden Singvögel gibt es noch weitere geeignete Brutplätze. Am rechten Ufer findet man Wasseramseln auch am Feldbach, am Meilemer Dorfbach, am Erlenbach und Küsnachter Bach.

Auf der linken Seeseite wird man an der Sihl und ihren Seitenbächen fündig. Auch zum Aabach in Horgen-Wädenswil und dem Mülibach in Richterswil schleppt man den Feldstecher nicht vergebens mit. Am Obersee bietet sich die Jona als Beobachtungsort an. (lko)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Jetzt abonnieren!

Abonnieren und profitieren!

Jetzt abonnieren und profitieren!

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben