Männedorf

In der Umziehkabine weinte sie vor Glück

Während fast 30 Jahren kämpfte eine Meilemerin gegen Übergewicht. Zuletzt wog sie 146 Kilo. Im Sommer hat sie sich im Spital Männedorf einen Magenbypass einsetzen lassen. Nun kann sie wieder Kleider von der Stange kaufen.

Vor der Magenoperation liess sich  die Patientin von Dominik Schneider auf Herz und Nieren prüfen.

Vor der Magenoperation liess sich die Patientin von Dominik Schneider auf Herz und Nieren prüfen. Bild: zvg/Christine Strub

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Sie liebt das Schwimmen. Das ­Gefühl der Schwerelosigkeit im Wasser. Doch wenn es im Sommer jeweils heiss genug war, um sich im nahe gelegenen Zürich­see abzukühlen, zauderte sie. Erst wenn die meisten Badegäste gegangen waren, machte sich Gertrud Wirz* auf den Weg zum kühlen Nass. Weil sie sich schämte, ihren Körper im Badekleid zu zeigen. Zuletzt kletterte der Zeiger ihrer Waage bis zur Zahl 146.

«Manche Betroffenen getrauen sich nicht mehr aus dem Haus.»Gertrud Wirz*

«Irgendwann wollte ich so einfach nicht mehr weitermachen», sagt Wirz. Die grossgewachsene Frau mit den kurzen, rötlich gefärbten Haaren und den schiefergrauen Augen sitzt an ihrem Stubentisch. Sie trägt ein fliessendes, farbig getupftes Oberteil und schwarze Hosen. Im liebevoll deko­rierten Raum sind zahl­reiche Fotografien verteilt: von ihrer Tochter und deren Freund, ihrem verstorbenen Mann, ihrem jetzigen Partner – und von ihr. Der Unterschied zwischen der Frau am Tisch und der auf den Bildern ist frappant. Die 47-Jährige hat ihr Gewicht um einen Drittel reduziert – auf 100 Kilogramm. Ein neues Lebens­gefühl sei das, beschreibt Wirz. «Ich kann ungeniert Fahrrad fahren, meine Schuhe problemlos binden und in den Bergen über ein ­Brüggli gehen ohne die Angst, es zum Einsturz zu bringen.»

Ein frohes Naturell

Zu verdanken hat Gertrud Wirz den Gewichtsverlust einer Operation. Ende August liess sie sich im Spital Männedorf einen Magenbypass einsetzen (siehe Kasten). Zuvor hatte sie sich auf Anraten ihrer Hausärztin beim Adipositaszentrum des Spitals gemeldet. «Dort haben sie mich auf Herz und Nieren geprüft», schildert die ehemalige Bäuerin. Neben Magenspiegelung, Untersuchungen und Gesprächen mit Ärzten und Ernährungsberaterin stand auch ein Termin bei einer Psychiaterin auf dem Programm. «Sie wollte abklären, ob ich psychisch genug stabil war, um mit einer Operation und deren Folgen umgehen zu können», erklärt Wirz.

Viele, die von Adipositas, wie krankhaftes Übergewicht in der Fachsprache genannt wird, betroffen sind, seien psychisch sehr schlecht dran. «Manche getrauen sich nicht mehr aus dem Haus und weinen viel.» Bei Wirz war das nicht der Fall. «Ich habe ein frohes Naturell.» Zudem habe ­ihre Familie sie immer unterstützt und geliebt. Die Psychia­terin gab deshalb grünes Licht für den Eingriff.

Berg-und-Talfahrt

Gertrud Wirz klappt den grauen Ordner auf, der vor ihr auf dem Tisch liegt. Darin hat sie sämt­liche Unterlagen rund um ihr Gewichts­problem abgelegt. Sie zieht ein A4-Papier heraus. «Das habe ich für die Ärzte zusammengestellt.» «Gertrud Wirz’ Diäten» steht zuoberst auf dem Blatt. Fein säuberlich ist festgehalten, welche Berg-und-Talfahrt ihr ­Gewicht im Verlauf der Jahre zurück­gelegt hat. Dazwischen die Namen der zahlreichen Diätversuche: Herbalife, Newdiet, Precondiät. Einmal buchte sie in ihrer Verzweiflung einen teuren Kuraufenthalt. «Als Mahlzeit gab es eine Art Hundeguetsli», witzelt Wirz in ihrem sympathischen Prättigauerdialekt. «Auf dem Rückweg assen wir als Erstes ein normales Frühstück», ruft Partner Thomas Küng* aus der Küche.

Der Magen ist so klein, dass nur noch kleine Portionen Platz haben.

Während Jahren trieb die Meilemerin auch intensiv Sport: Sie wanderte, fuhr Ski und machte Ausritte mit dem eigenen Pferd. Aber nichts liess die überzähligen Pfunde nachhaltig purzeln. Ihre Kleider kaufte die Schweizerin jeweils für viel Geld in einer Stutt­garter Boutique. «Ich brauchte Spezialgrösse 54.» Vor kurzem suchte sie mit ihrem Partner bei einer regulären Ladenkette nach neuer Kleidung. «Vergiss es, die passt nie», ­habe sie gesagt, als Thomas Küng ihr eine Hose in Grösse 48 hingehalten habe. Doch als sie hineinschlüpfte, passte das Teil wie angegossen. «In der Umzieh­kabine liefen mir vor Freude die Tränen herunter.»

Drei Löffel Reis

Derzeit gewöhnt sich der Körper der ausgebildeten Sanitäterin an die neuen Bedingungen nach der Operation. «Essen muss man wieder lernen», sagt Wirz. Am Anfang gab es nur Püriertes. Diverse Nahrungsmittel sind für immer tabu, etwa stark Blähendes oder Vollkornprodukte. Der Magen ist so klein, dass nur noch kleine Portionen Platz haben: 150 Gramm Poulet, 3 Esslöffel Reis und 100 Gramm Spinat bilden eine ­warme Mahlzeit. «Aber ich fühle ich mich danach satt», sagt die leidenschaftliche Köchin und strahlt. Zwar habe sie das angestrebte ­Gewicht von 80 Kilo noch nicht erreicht. «Aber ich bin auf dem Weg dahin.»

Diesen Sommer wird Gertrud Wirz erstmals dann zum Zürich­see gehen, wenn es hell ist. Sie wird ihr neues Badekleid tragen und etwas tun, das sie sich noch nie getraut hat: sich auf den Rasen legen und sonnenbaden.

* Namen von der Redaktion geändert. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 15:24 Uhr

Ein neues Zentrum für Übergewichtige

Am Adipositaszentrum des Spitals Männedorf begleiten Mediziner, Chirurgen, Ernährungs­beraterinnen, Psychiaterin, Diabetesberaterin und Physiotherapeuten die Patienten während und nach der Behandlung. Die beiden Chirurgen im Team haben bereits in anderen Spitälern entsprechende Zentren auf­gebaut. Damit die Krankenkasse eine Übergewichtsoperation übernimmt, müssen die Patienten bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört derzeit ein Body-Mass-Index von 35 und mehr, eine erfolglose konservative Behandlung während mindestens zweier Jahre, psychische Stabilität und das Fehlen körperlicher Risiken.

In Männedorf werden zwei Operationsarten durchgeführt: Der Magenbypass ist eine der verbreitetsten chirurgischen Methoden zur Gewichtsreduzierung. Dabei wird der Magen auf etwa 50 ml (Espressotasse) verkleinert, indem eine kleine ­Tasche vom restlichen Magen abgetrennt wird. Der stillgelegte Teil verbleibt in der Bauchhöhle, der Dünndarm wird direkt an den verbleibenden Magenteil angeschlossen.

Bei der Bildung eines Schlauchmagens wird das Magenvolumen chirurgisch um 80 bis 90 Prozent auf 85 bis 100 ml verkleinert. So können nur noch sehr geringe Nahrungsmengen aufgenommen werden.

Bariatrische Patienten müssen ein Leben lang nachbetreut werden, um selten auftretende Mangelerscheinungen recht­zeitig zu erkennen und zu ­behandeln. (mbs)

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