Zürichsee

Giovanni Bria führt einen vergessenen Romantiker auf

Fürs finale Konzert des Musiksommers am Zürichsee wartet Festivalleiter Giovanni Bria mit einer Premiere auf. Zum ersten Mal wird das Konzert zuerst in Stäfa und anschliessend auch noch in Lachen aufgeführt.

Giovanni Bria zeigt sein Temperament auch beim Gespräch.

Giovanni Bria zeigt sein Temperament auch beim Gespräch. Bild: Sabine Rock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer Giovanni Bria kennt, weiss: Der 82-Jährige ist ein Tausendsassa. Der Pianist, Liedbegleiter, Dirigent und Konzertveranstalter hat vor 20 Jahren mit dem Musiksommer am Zürichsee ein regionales Festival mit internationalem Flair ins Leben gerufen. Er ist noch heute die treibende Kraft des Anlasses. «Etwas machen für die Ufergegend des Zürichsees mit seinen drei Kantonen», sprudelt es aus dem temperamentvollen Herrn mit italienischen Wurzeln heraus.

Er hat fürs Gespräch den Schwanen in Rapperswil vorgeschlagen und ein Sitzungszimmer reserviert. Der nüchterne Raum wird alsbald zur farbigen Erlebniswelt, je mehr man dem Impresario zuhört. Dabei rückt Bria nicht etwa sich selber, sondern die Komponisten und deren Werke, die Musiker und Orchester ins Zen­trum.

Kontakte spielen lassen

Er schwärmt von seiner künstlerischen Beraterin Graziella Contratto, die 2006 zum Musiksommer stiess. «Sie ist die Einzige, mit der ich die gleiche Sprache spreche», meint der künstlerische Leiter, der sich das Dirigat des Schlusskonzerts im Jubiläumsjahr mit Contratto, derzeit Direktorin der Musikhochschule Bern, teilen wird.

Für dieses Konzert der Lesegesellschaft in Stäfa hat Giovanni Bria seine Kontakte, die er mit offenem Herzen pflegt, spielen lassen. Bestens kennt er den Organisten und Programmleiter der Stäfner Lesegesellschaft, Ema- nuele Jannibelli, mit dem er schon auf Tournee war. Mit dem Resultat, dass das Konzert am kommenden Freitag in Stäfa unter dem Motto «Romantik vom Zürichsee» und anderntags als «Finale con grandezza» in Lachen zur Aufführung kommt. Zumal als Orchester die über 50-köpfige Philharmonie Brasov aus Rumänien anreisen wird.

Nach dem Tod vergessen

Jetzt greift Bria nach seiner Aktentasche und entnimmt ihr die 500 Gramm schwere Partitur von Joachim Raffs Sinfonie Nr. 6. Raff (1822 bis 1882) machte eine der glanzvollsten Karrieren, die je einem Schweizer Komponisten gelungen ist, dies jedoch mehrheitlich in Deutschland. 1849 hatte ihn Franz Liszt als Assistenten nach Weimar geholt, womit seine Schweizer Zeit endete. In Weimar schrieb Raff seine erste von elf Sinfonien, was im Vergleich zu Beethovens neun Sinfonien als beachtliche Leistung gilt. In Lachen aufgewachsen, ist Joachim Raff der einzige bekannte romantische Komponist vom Zürichsee, den Liszt ebenso schätzte wie Mendelssohn – und von dessen Musik Robert Schumann behauptete, sie habe etwas Zukunftweisendes. Dennoch gerieten seine Werke nach seinem Tod bald in Vergessenheit.

«Er war ein ganz tüchtiger und ausgezeichneter Kerl, ein feinfühlender und hochintelligenter Mensch, bescheiden und grundehrlich», sagt Bria über den Autodidakten, der seine Talente selber entwickelte. Und dabei ganz unterschiedlichen Vorbildern, allen voran Bach, nacheiferte.

Entdeckt hat ihn Bria mit der Sinfonie Nr. 7 «In den Alpen», die er bereits 1997 im Rahmen des Musiksommers in dessen Geburtsort aufgeführt hatte. Sie offenbarte ihm Raffs meisterhafte Beherrschung der Kompositionstechnik, weil es ihm gelingt, von einem Satzteil in den andern zu wechseln, ohne dabei das Hauptthema aus den Augen zu verlieren. Seither nimmt Bria den Romantiker fast jedes Jahr ins Programm, um ihn dem Vergessen zu entreissen.

Ein Orchester ohne Dirigent

Heuer nun mit der Sinfonie Nr. 6, die den Untertitel «Gelebt: Gestrebt, Gelitten, Gestritten – Gestorben – Umworben» trägt. Der Lachner widmet sie seinem Freund Hans von Bülow, nachdem dessen Frau Cosima von Richard Wagner ausgespannt worden war. Raff gelingt es, dem Trauermarsch im 3. Satz seine schleppende Schwere zu entziehen, indem er ihn mit einer fröhlichen Klangfarbe umgibt.

Giovanni Bria freut sich, diese Sinfonie mit der Philharmonie Brasov spielen zu können. Mit ihr verbindet ihn sowohl eine menschliche Freundschaft und – nach mehreren Tourneen in Rumänien und der Schweiz – vor allem eine musikalische Leidenschaft. Der Festivalleiter war es, der das Orchester vollends für Raff begeistern konnte, sodass dieses am liebsten jedes Jahr in die Schweiz komme, um den Lachner Komponisten aufzuführen. Bria wird noch vor dem Konzert in Stäfa nach Brasov reisen, um die Sinfonie mit den Rumänen, die keinen eigenen Dirigenten in ihren Reihen haben, einzustudieren.

Dazu wird als Auftakt Mozarts Ouvertüre zu «Le nozze di Figaro» zu hören sein. Mit der jungen Chiara Enderle tritt eine der begabtesten Schweizer Cellistinnen in Tschaikowskys Rokoko-Variationen auf. Für beide Werke übernimmt Graziella Contratto die Leitung.

Schlusskonzerte des Musiksommers: «Romantik vom Zürichsee» am Freitag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr in der reformierten Kirche Stäfa. Um 19 Uhr gibt es eine Einführung in der Kirche: Giovanni Bria und Chiara Enderle im Gespräch mit Graziella Contratto. «Finale con grandezza» am Samstag, 24. Oktober, um 17.30 Uhr in der katholischen Kirche in Lachen.

()

Erstellt: 18.10.2015, 21:16 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Jetzt abonnieren!

Abonnieren und profitieren!

Jetzt abonnieren und profitieren!