Horgen

Zwischen Romantik und Tod

Arno Camenisch muss man hören. Denn der Poet ist auch ein Performer. In Horgen hat er aus seinem düsteren und zugleich abgrundtief komischen Roman «Die Kur» gelesen.

Sprachpoet und Performer Arno Camenisch liest aus dem Roman «Die Kur» in Horgen.

Sprachpoet und Performer Arno Camenisch liest aus dem Roman «Die Kur» in Horgen. Bild: Sabine Rock

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Zehn Minuten vor Lesebeginn schlendert er des Weges. In Turnschuhen, T-Shirt und mit einem kleinen Jutebeutel über der Schulter wirkt er, als würde er selbst aus reiner Neugier mal schauen, was denn heute im Kirchgemeindehaus Horgen los ist. Ein Schwatz für die Länge einer Zigarette liegt auch noch drin. Schon da flackert auf, was die Faszination seiner Lesungen und Bücher ausmacht: Sein Geschick, Alltägliches in Poesie zu verwandeln. Dann muss er sich aber doch noch rasch umziehen: «Für meine Auftritte brauche ich mein schwarzes Hemd — das ist wie bei Superman.» Arno Camenisch, der junge Sprachperformer aus den Bündner Bergen, ist ein alter Hase auf der Bühne. Das verrät nicht zuletzt ein Blick auf seine Agenda: In einer Woche tritt er oft bis zu sechs Mal auf. Soeben von einer Italien- und Deutschlandreise zurückgekehrt, ist er am Donnerstagabend in Horgen.

Der Lesegesellschaft ist mit dem Besuch ein kleiner Coup gelungen. Organisator Thomas Dütsch betont dies vor vollem Saal: «Er ist einer der gefragtesten Autoren des Schweizer Literaturbetriebs, der auch international Erfolge feiert.» Die Werke von Camenisch sind in 20 Sprachen übersetzt worden.

Hoffnung versus Angst

«Schön, dass Sie bei diesem Grillwetter hier sind», begrüsst Camenisch die Anwesenden und führt sie weg von der schwülen Hitze ins Oberengandin. Nach Silsmaria, ins Hotel Waldhaus. Hier verbringt ein frisch pensioniertes Paar im Roman «Die Kur» vier Tage. «Ihr geht das Herz auf, er fühlt sich auf seinem letzten Gang», schickt der Poet voraus und dann geht’s los mit dem «Camenisch-Sound» — gehaucht, gekeucht, emphatisch gerollt, geflüstert und geraunt erwachen die Texte und erwecken eine Welt der Gegensätze.

«Wie Diamanten leuchten die Sterne», sagt die Gattin. — «All die Toten dort oben...», antwortet ihr Mann. Temporeich fliegen die Dialogfetzen gleich Ping-Pong-Bällen zwischen den Ehepartnern hin und her. Doch scheinen sie, sich diese aus Paralleluniversen zuzuspielen. Da ist der glitzernde Kosmos der Frau, überzogen von einer Patina des Optimismus und der Hoffnung; dort der düstere, von Todesahnungen bestimmte ihres Mannes.

Das Buch oszilliert zwischen Romantik und Tod. Die Komik schöpft sich aus der Tragik, wenn sich das Rentnerpaar mit Worten duelliert, ohne es zu merken. «Die Gespräche sind von einer solchen Authentizität, wie es in der Schweizer Literatur selten ist», schwärmt Dütsch nach der Lesung. Als Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule fällt ihm auf, wie pointiert die Texte mit Mundartausdrücken gespickt sind; wie Kunstvolles und Schnörkelloses sich originell verflicht.

Ein Sturm zieht auf

Mit der gleichen Originalität, mit welcher Camenisch seine Bildsprache kreiert, trägt er sie vor. «Trete ich auf die Bühne, geschieht etwas mit mir, eine besondere Magie. Auf der Bühne geht es um Präsenz und Energie», wird er nach dem Auftritt seine Gefühle schildern. Es sei ein ständiger Dialog mit dem Publikum.

Und dieses antwortet ihm mit Lachen. Die Melancholie findet an diesem Abend kaum Platz, sich zwischen den über 60 Gästen niederzulassen. Den Schriftsteller interessieren beim Schreiben aber die grossen Übergange im Leben, und das Finstere. Die dunklen Töne im Text seien sehr präsent, findet Camenisch.

Der Pessimismus findet eine Personifikation im Rentnergatten, der überall nur den Tod lauern sieht. Er, der sich bei schönstem Sonnenschein vor Unwetter fürchtet: «Aber was, wenn es plötzlich hagelt? Was dann?» Und manchmal, aber nur manchmal, haben Pessimisten recht; kaum ist die Lesung zu ende, kippt der schwüle Sommerabend in einen wilden Hagelsturm. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.06.2017, 15:48 Uhr

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