Schnäppchenjäger erobern das Hotel Alexander

Bis kommenden Dienstag wird das Mobiliar und Inventar des Hotels Alexander liquidiert. Tafelgeschirr, Silberbesteck und Gartenmöbel sind heiss begehrt.

Die Liquidation eines Hotelbetriebes stösst jedes Mal auf ein enormes Interesse.

Die Liquidation eines Hotelbetriebes stösst jedes Mal auf ein enormes Interesse. Bild: Reto Schneider

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«Noch fünf Minuten, alle auf Position», sagt Liquidator Bernhard Kunz in der Hotellobby zu seinen rund ein Dutzend Mitarbeitern. Gewappnet sind diese mit Quittungsblock und Kugelschreiber. Vor dem Hoteleingang hat sich bereits eine kauffreudige Warteschlange von etwa 200 Personen aufgereiht. «Die ersten ein bis zwei Stunden sind bei einer Liquidation die wichtigsten», sagt Firmeninhaber Kunz. Seit vierzig Jahren ist er im Geschäft «und ich bin jedes Mal von neuem nervös.» Ihn plagt nur eine Sorge: Kommen genügend Leute? Seine Zweifel sind beim Hotel Alexander unbegründet.

Die Fährte verfolgen

10 Uhr: Geräuschlos öffnet sich die gläserne Eingangspforte. Die Schnäppchenjäger strömen mit neugierigen Blicken in das einst luxuriöse Haus. Im ersten Augenblick sind sie etwas ratlos und fragen sich wohl, wo die besten Schnäppchen zu erhaschen sind. Flink verfolgen sie ihre Fährte im verwinkelten Bau.

In der einstigen Grossküche ist das Klappern von Geschirr zu hören. Es «scheppert» gewaltig. Weder sind Vorbereitungen für ein Bankett noch das Anrichten von Mahlzeiten im Gang. Auf Anrichten und Metalltischen stapeln sich Tafelgeschirr, Pfannen, Eiskübel, Silberbesteck und -tabletts. Alles ausrangierte Gastrogegenstände, die das Herz von Gastrokönigen und -königinnen und Hobbyköchen höherschlagen lassen.

Alle Gegenstände sind mit Fixpreisen angeschrieben. Eine Frau hat sich für einen Stapel Porzellanteller, pro Stück drei Franken, entschieden. Einer der Liquidationsmitarbeiter füllt einen Quittungszettel aus, den sie, mit der Ware unter dem Arm, an der zentralen Kasse vorzeigen muss. Nur so darf sie ihr erstandenes Gut bezahlen. «Ich bin extra wegen diesen Gastrotellern der Marke Villeroy und Boch nach Thalwil gekommen», sagt die Wirtin aus dem Kanton Aargau und ergänzt: «Lässt man die Teller fallen, zerbrechen sie nicht.»

Niet- und Nagelfestes

In der gegenüberliegenden Hotelbar nippt niemand mehr bei dezentem Licht an einem Cüpli und knappert Nüsschen. Hinter dem Tresen machen sich breitschultrige Männer mit Messmeter in der Hand an der niet- und nagelfesten Bareinrichtung zu schaffen. Sehen sie diese in Gedanken vielleicht bald in ihrer Beiz in neuem Glanz? Als Verkaufsrenner entpuppen sich in diesem Sektor, wie Bernhard Kunz die jeweiligen Bereiche nennt, die silbernen Eisbecher sowie die Champagner- und Weingläser. Emsig karrt die Käuferschaft ihre Beute auf Trolleys in Richtung Kasse.

Auch in der ehemaligen Tiefgarage tut sich einiges. Zwar stechen einem keine edlen Luxuskarossen in die Augen, sondern stapelweise Gartentische, Gartenstühle (pro Stück 35 Franken) und übergrosse, robuste Sonnenschirme. «Nach einer Stunde alles verkauft», freut sich ein Kunz-Mitarbeiter. Die alleinige Abnehmerin, eine junge Gastrofrau aus Frauenfeld, steht an seiner Seite. «Wir sind momentan am Umbauen unserer Terrasse», sagt sie. Was hingegen ein grünes Gummiboot (200 Franken) auf einem einsamen Parkfeld verloren hat, lässt sich ebenso schwer ergründen wie ein alter Holzschlitten aus vergangener Epoche. Die Fährte verfolgen

Etwas ruhiger geht es in den oberen Etagen zu und her. Ein älteres Paar entdeckt in der Suite eine in die Wand betonierte Sonnenuhr aus Stein (50 Franken). «Wie bringen wir die aus der Wand?», fragt der Mann seine Frau etwas ratlos. Zu haben sind auch komplette Badezimmer, Terrassen- und Treppengeländer, die momentan noch auf wenig Interessenten stossen.

Plötzlich huscht eine junge Frau mit übergrossen weissen Daunendecken in den Armen über den Flur. Sie strahlt. Die flauschigen Riesendinger werden künftig Betten ihrer möblierten Wohnungen bedecken, welche die Frau vermietet.

Zurück im Erdgeschoss: Die Schlange an der Réception – sprich Kasse – wird immer länger. Es geht zu und her wie beim Check-out einer Touristengruppe. Die zwei Kassiererinnen haben alle Hände voll zu tun. Die «Gäste» blicken etwas müde und geschafft, aber zufrieden vor sich hin. Draussen werden die Kombis und Anhänger, mit Autokennzeichen verschiedener Kantone, beladen. Grosses und sperriges Mobiliar bleibt zurück und kann bis kommenden Dienstag demontiert und abgeholt werden. Ob der steinerne Brunnen (3900 Franken) im Foyer, die übergrosse Kaffeemaschine (auch 3900 Franken) oder das schicke weisse Klavier (1980 Franken) eine neue Bleibe finden werden, war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren. (Zürichsee-Zeitung)

(Erstellt: 18.09.2015, 17:06 Uhr)

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