Wädenswil

Schirmherren der Notschlafstelle

Mit der Schliessung des Platzspitzes in Zürich, war das Drogenproblem nicht vom Tisch. In Wädenswil wurde vor 25 Jahren eigens der Verein «Schärme Wädenswil» gegründet, der die Drogensüchtigen von der Strasse holte und ihnen eine Notschlafstelle bot.

Mit dem Kauf der beiden Häuser an der Seestrasse 61 und 63 (gelbe Häuser im Hintergrund), schafften Martin Ungerer (links) und Walter Kutter Notunterkünfte für Drogenabhängige.

Mit dem Kauf der beiden Häuser an der Seestrasse 61 und 63 (gelbe Häuser im Hintergrund), schafften Martin Ungerer (links) und Walter Kutter Notunterkünfte für Drogenabhängige. Bild: André Springer

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Macht Geben glücklich? Dieser Frage geht derzeit die gleichnamige Ausstellung der Historischen Gesellschaft Wädenswil in der Kulturgarage nach. Ein Teil dieser Ausstellung widmet sich dem ehemaligen «Schärme» in Wädenswil. Einem Notschlafstellen-Projekt für Drogenabhängige.

Diesen Monat ist es 25 Jahre her, dass Hauptinitiant und Tages- und späterer Vizepräsident Walter Kutter und die zirka 60 engagierten Leute rund um den «Schärme» den gleichnamigen Verein im Kirchgemeindehaus Rosenmatt gegründet haben. Damit wollten sie ihrer freiwilligen Drogenhilfe eine klarere Struktur geben. Als Vereinszweck wurde festgehalten: «Der Verein unterstützt bestimmte Randgruppen in der Gesellschaft durch tätige Hilfe. Dabei wird einerseits Hilfe an (obdachlose) Drogenkranke, sozial isolierte HIV-Träger respektive Aids-Kranke angeboten und deren Resozialisierung gefördert, andererseits unternimmt der Verein Aktivitäten, die zur besseren Akzeptanz solcher Randgruppen in der Gesellschaft führen.»

Drogensüchtige von der Strasse geholt

Die Gründung des Vereins fiel in die Zeit, als im Februar 1992 in Zürich der Platzspitz geschlossen wurde. «Damals war klar, dass viele der Drogenabhängigen nicht aus Zürich kamen, sondern aus den umliegenden Gemeinden», sagt Kutter. Dorthin sollten sie wieder zurück. «Mit dem Schärme wollten wir ihnen in den kalten Wintertagen ein Obdach geben und sie von der Strasse holen», sagt Kutter. «Anfangs sind wir mit einem VW-Bus zum Zürcher Platzspitz gefahren, und haben die Drogensüchtigen zur Notschlafstelle in Wädenswil gebracht», sagt Martin Ungerer, ehemaliger Präsident des Vereins «Schärme Wädenswil». Später seien die Drogenabhängigen mit dem Zug nach Wädenswil gefahren.

Wie Kutter berichtet, waren den politischen Organen damals die Hände gebunden, doch die Stadt Wädenswil unterstützte den Verein und half eine erste Bleibe zu finden. Zuerst konnten die Drogenabhängigen an der Oberdorfstrasse gegenüber der Migros untergebracht werden. Doch der Mietvertrag war auf fünf Monate begrenzt. «Anschliessend zogen wir an die Zugerstrasse, wo wir für zwei Jahre die Räume der ehemaligen Firma Ehrsam nutzen konnten», berichtet Ungerer. Die endgültige Bleibe fand der Schärme Wädenswil schliesslich an der Seestrasse 61, wo er eine Liegenschaft kaufen konnte.

Viele freiwillige Helfer für die Nachtschicht

Finanziert habe sich der Verein hauptsächlich durch die Refinanzierung der Übernachtungen. «Wir konnten den Wohngemeinden der Übernachtenden die Nächte verrechnen», sagt Kutter. Auch hier habe die Stadt Wädenswil den Verein unterstützt. Aber auch durch Spenden aus der Bevölkerung, von Frauenvereinen, Kollekten, Parteispenden, einer Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Theater Ticino und zwei Benefizkonzerten wurde der Verein zusätzlich finanziert. «Unglaublich gross war die freiwillige Hilfe aus der Bevölkerung», sagt Ungerer. «Es gab viele Freiwillige, die jede Woche eine Nacht im Schärme die Nacht verbrachten und halfen», berichtet Kutter.

Auch der Pfarrer von der katholischen Kirche, Martin Kopp und Kirchenpflegepräsident Eugen Dürlemann übernahmen regelmässig eine Schicht. Es war wichtig, dass für medizinische Notfälle ein Arzt zur Verfügung stand. «Thomas Saner war als Vereinsmitglied unser Hausarzt», sagt Kutter und Ungerer ergänzt: «Mit unserem Projekt wurde den Wädenswilern zudem bewusst, dass die Drogenprobleme auch bei uns existieren und nicht nur in Zürich.» Die Freiwilligen wurden gebraucht, konnten helfen und traten zudem mit den Drogenabehängigen in Kontakt.

Kampf gegen die Sucht war nicht aussichtslos

In Spitzenzeiten hätten bis zu 25 Drogenabhängige im «Schärme» die Nacht verbracht, erinnert sich Kutter. Geöffnet war die Notschlafstelle von abends 18 Uhr bis morgens um 9 Uhr. «Dann mussten die Besucher wieder auf die Strasse», berichtet Kutter. Ausser sie halfen beim Mittagstisch oder in der Werkstatt. Beides wurde vom Verein als Begegnungs- und Beschäftigungsprojekt für Drogenabhängige eröffnet.

«In der Öffentlichkeit galten die drogenabhängigen Menschen als verloren», sagt Walter Kutter. Er leugnet nicht, dass es solche gegeben hat, die den Kampf gegen die Sucht verloren haben und gestorben sind. Doch sehr viele hätten es auch aus dem Drogensumpf geschafft. «Das war das Schöne an unserer Arbeit: dass wir durch die Nothilfe einen Ausweg bieten konnten», sagt er.

Im Jahr 1994 hat dann das soziale Netz Horgen als Zweckverband das Projekt übernommen. «Unser Verein wurde überflüssig», sagt Kutter. Aufgelöst wurde er aber erst vor zirka fünf Jahren, nachdem auch das Anschlussprojekt für die Unterstützung von Stellensuchenden nicht mehr gefragt war.

Macht Geben nun glücklich? «Ich habe kein Helfersyndrom, aber es hat Freude gemacht etwas aufzubauen, um Leuten zu helfen, auch wenn es schade ist, dass die Notschlafstelle überhaupt notwendig war», antwortet Kutter. Noch heute sind ihm Freunde aus den Helferkreisen geblieben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.04.2017, 17:17 Uhr

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