Zürichsee-Zeitung Obersee
Montag, 28. Dezember 2009
Altendorf Gespräch mit dem abtretenden Gemeindepräsidenten Albert Steinegger (48)
«Ich bin dünnhäutiger geworden»
20 Jahre lang war Albert Steinegger Gemeindepräsident von Altendorf. Er ist stolz darauf, dass die Naherholungsräume trotz der enormen baulichen Entwicklung erhalten geblieben sind.
Interview Elvira Jäger
Ein nachdenklicher Blick zurück – oder nach vorn? Altendorfs Gemeindepräsident Albert Steinegger tritt nach 20 Jahren zurück. (Manuela Matt)

Ein Satz in Ihrem Rücktrittsschreiben lässt aufhorchen: Die psychischen Kraftreserven nähmen kontinuierlich und spürbar ab, heisst es da. Sind Sie ausgebrannt?

Ich bin viel dünnhäutiger geworden und nehme mehr Sachen persönlich als früher. Manchmal raste ich regelrecht aus. Das sind für mich Zeichen, dass es Zeit ist aufzuhören, denn ich will nicht, dass meine Familie unter dem Amt zu leiden hat.

Sie waren 20 Jahre lang Gemeindepräsident. War es früher einfacher?

Früher traf man eine Abmachung, und die galt. Heute ist alles komplexer. Wir warten beispielsweise viereinhalb Monate, bis eine kantonale Amtsstelle in einem Beschwerdeverfahren feststellt, dass ein Plan einen falschen Massstab hat. Ich will die Fehler aber nicht bei anderen suchen. Ich habe einfach die Kraft und die Energie nicht mehr, um in solchen Fällen immer die nötige Contenance zu wahren.

In Altendorf gibt es keine CVP, sondern immer noch die Katholisch-konservative und die Christlichsoziale Partei, aus denen sich die CVP seinerzeit gebildet hat. Sie gehören der Katholisch-konservativen Volkspartei an, obwohl Sie gar nicht konservativ wirken. Warum?

Das ist bei uns Familientradition. Mein Urgrossvater, Johann Anton Steinegger, wurde 1848 Regierungsrat und Nationalrat. Als Vertreter eines Sonderbundskantons war er natürlich bei den Konservativen. Mein Grossvater war Kantonsrat und Gemeindepräsident, mein Vater Kantons- und Bezirksrat. Als ich einmal an eine liberale Parteiversammlung wollte, sagte mein Vater: «Wir sind katholisch-konservativ», und damit hatte es sich. Aber eigentlich bin ich ein Liberaler.

Sie sind ein Ur-Altendörfler. Wie gefällt Ihnen die Gemeinde heute?

Ich liebe meine Gemeinde, aber ich bin auch Realist. Wir haben Bahn- linie, Kantonsstrasse und Autobahn, die durchs Dorf führen. Meine Philosophie war, das Seeufer und die Zone oberhalb von 500 Metern möglichst freizuhalten, ebenso den St.-Johanns-Hügel. Dazwischen, den Verkehrsachsen entlang, soll eine optimale Nutzung möglich sein. Das hat eine enorme bauliche Entwicklung gebracht, aber die Filetstücke am See und am Berg sind als Naherholungsräume nach wie vor intakt.

Was fanden Sie früher schöner?

In den 60er Jahren, als ich zur Schule ging, gab es viel mehr Freiraum und viel mehr Grün. Wir konnten uns bewegen, wo wir wollten. Aber wir hatten keine Turnhalle und nur ein Schulzimmer pro Klasse. Und wer in der Schule etwas nicht gleich begriff, bekam eine Ohrfeige.

Was ist heute sonst noch besser?

Generell haben wir natürlich heute mehr Luxus, eine viel bessere Infrastruktur. Unsere Schulanlagen sind top. Und die Autobahnüberdachung hat das Dorf wieder zusammengeführt.

Was würden Sie wieder gleich machen, wenn Sie nochmals Gemeindepräsident würden?

Die Art, wie wir die Autobahnüberdachung kosten- und projektmanagementmässig realisiert haben. Freude habe ich auch an der grossen Mehrzweckhalle. Vereine brauchen eine gute Infrastruktur, und das Dorf lebt durch die Vereine. Altendorf hat ein sehr aktives Vereinsleben.

Was würden Sie anders machen?

(Überlegt.) Ich muss jetzt wohl etwas sagen, sonst wirkt es überheblich. Das Baureglement aus dem Jahr 1996 ermöglicht starke Verdichtungen in der Zone W2. Früher hatten wir dort Einfamilienhäuser mit viel Umschwung, heute sind Mehrfamilienhäuser mit wenig Freifläche der Normalfall. Mit der Erfahrung von heute würde ich das wohl nicht mehr gleich machen. Aber es gibt halt auch das Gebot des haushälterischen Umgangs mit dem Boden. Was ich auch noch machen würde: noch grosszügigere Landreserven für die öffentliche Hand kaufen.

Welche wichtigen laufenden Projekte übergeben Sie Ihrem Nachfolger?

Da ist sicher einmal der geplante Park am See, ein weiteres Freiraumprojekt, gegen das allerdings eine Beschwerde beim Regierungsrat hängig ist. Oberhalb der Liegenschaft Breitenhof, mitten im Dorf, sind rund 30 Alterswohnungen geplant, zusammen mit zwei weiteren Kindergärten. Und dann wollen wir günstigen Wohnraum schaffen. Auf der Ziegelwies am südöstlichen Dorfrand sollen etappenweise 80 bis 100 Wohnungen im genossenschaftlichen Wohnungsbau erstellt werden.

Wer wird überhaupt Ihr Nachfolger?

Einen Namen kann ich noch nicht nennen; ich gehe aber davon aus, dass es jemand aus dem Gemeinderat sein wird.

Neben Ihrem Amt als Gemeindepräsident sind Sie gleichzeitig Angestellter der Gemeindeverwaltung als Leiter des Bauamtes. Eine konfliktträchtige Kombination?

Das hängt davon ab, wie man als Gemeindepräsident damit umgeht. Wenn ich als Sachbearbeiter des Bauamtes eine Sitzung mit einem Gemeinderat hatte, war mir immer klar, dass ich die Aufträge entgegenzunehmen und umzusetzen hatte. Mit Loyalität hatte ich nie ein Problem. Das habe ich im Militär gelernt.

Mussten Sie als Gemeindepräsident häufig in den Ausstand treten?

Das wäre nur nötig geworden, wenn ich an einem Geschäft vorgängig mitgewirkt hätte. Ich war aber nie stimmberechtigtes Mitglied einer Kommis-sion. Wenn ich in den Ausstand treten musste, geschah dies eher wegen meiner weitverzweigten Verwandtschaft.

 
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