Stäfa Schulpflege erhebt schwere Vorwürfe gegen eines ihrer eigenen Mitglieder
Amtskollegen rufen zur Abwahl auf
Eine Behörde möchte mit allen Mitteln verhindern, dass eines ihrer Mitglieder erneut gewählt wird: Was verrückt klingt, spielt sich derzeit in Stäfa ab. Lucien Scherrer
Ursula Siegrists Wahlwerbung sorgt bei ihren Amtskollegen in der Schulpflege Stäfa für rote Köpfe. (af)
Die Gemeindewahlen vom 25. April rücken näher, und in der Schulpflege Stäfa steigt die Nervosität. Grund dafür ist nicht etwa die Sorge der Schulpflegemitglieder um die eigene Wiederwahl. Vielmehr graut den Behördenvertretern vor der Aussicht, dass am 25. auch ihre Amtskollegin Ursula Siegrist die Wiederwahl schaffen könnte. Bereits im Februar wurde bekannt, dass die Schulpflege Siegrist seit langem loswerden möchte. Aufgrund von ernsthaften Zweifeln an Siegrists Qualifikation wurde ihr dringend von einer erneuten Kandidatur abgeraten (vgl. Ausgabe vom 19. Februar).
Doch Siegrist zeigte sich von diesen Appellen unbeeindruckt. Nachdem ihr auch die eigene Partei, die SP, die Unterstützung versagt hatte, reichte sie ihre Kandidatur als Parteilose ein - und präsentierte sich auf Wahlflyern und in der «ZSZ» vom letzten Mittwoch als kompetente Schulpflegerin, die ihre Erfahrung gerne weiter in die Behörde einbringen möchte.
«Akt der Verzweiflung»
Diese Selbsteinschätzung hat die Schulpflege zu einer geharnischten Reaktion veranlasst. Gestern veröffentlichte sie ein Communiqué, in dem Siegrist jegliche Behördentauglichkeit abgesprochen wird: «Konfus und unprofessionell» habe sie ihr Amt geführt, heisst es da; sie habe «massive Auseinandersetzungen» provoziert und mehrfach das Amtsgeheimnis verletzt. «Frau Siegrist hat im Coop und in der Migros mehrfach über ihr anvertraute Fälle geplaudert», sagt Schulpräsident Jürg Meili (FDP) dazu. Zudem lasse sie keine Gelegenheit aus, in «übelster Weise» über ihre Amtskollegen herzuziehen. Das Communiqué der Schulpflege bezeichnet Meili als «Akt der Verzweiflung» - denn eine Kandidatur verbieten könne man Siegrist ja nicht. «Wir können höchstens versuchen, ihre Wahl zu verhindern.»
Tatsächlich hat die Schulbehörde im Dezember 2009 versucht, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Siegrist zu erwirken. Doch der Bezirksrat hielt es für klüger, mit Ursula Siegrist eine schriftliche Vereinbarung zu erzielen. Darin verpflichtete sie sich, den Sitzungen der Schulpflege bis zum Ende der laufenden Legislatur fernzubleiben. Allerdings behielt sie sich die Option offen, erneut zu kandidieren. Wobei die Schulpflege vergeblich darauf hoffte, dass sie eben diese «Drohung» nicht wahrmachen würde.
Ursula Siegrist weist die jüngsten Vorwürfe der Schulpflege in aller Form zurück. «Nichts daran ist wahr», sagt die 54-Jährige. Mit ihrer Wahlwerbung habe sie niemanden täuschen wollen - schliesslich sei sie trotz Suspendierung immer noch Mitglied der Schulpflege. Die Angriffe auf ihre Person erklärt sie damit, dass Schulpräsident Meili eine Abneigung gegen sie habe. Siegrist glaubt, dass ihr die Kritik der Schulpflege mehr hilft als schadet: «Ich bin mehr denn je überzeugt, dass ich wiedergewählt werde.» Für diesen Fall plant die Schulpflege bereits Gegenmassnahmen: «Dann», sagt Jürg Meili, «werden wir vor dem Bezirksrat auf Amtsenthebung klagen - und zwar am ersten Tag nach den Wahlen.» Seite 3