Küsnacht sieht bei den Behördenwahlen am 25. April einer Kampfwahl um die neun Gemeinderatssitze entgegen: die SVP, bisher mit Arnold Reithaar und Martin Bachmann vertreten, schickt mit Ueli Schlumpf und Martin Schneider zusätzlich zwei Gewerbler ins Rennen, die der Partei vier Sitze sichern sollen. Das geht nur auf Kosten der SP oder der FDP. Letztere will ihre fünf Sitze halten; neben den drei Bisherigen Max Baumgartner (Gemeindepräsident), Markus Ernst und Ursula Gross Leemann sollen Marc Lindt und Mark Furger die freisinnige Übermacht im Rat sichern. Die SP tritt erneut mit Gerhard Fritschi an.
Obwohl das aufmüpfige Bürgerforum keinen Ersatz für die zurücktretende Lucia Hegglin aufgestellt hat, wäre also für Spannung gesorgt. Doch «Spannung» scheint im Küsnachter Wahlkampf eine relative Grösse zu sein, wie sich am Montagabend während eines überparteilichen Wahlpodiums im reformierten Kirchgemeindehaus zeigte. Die Kandidaten präsentierten sich zwar als unterschiedliche Charaktere - das Spektrum reicht vom hemdsärmligen Schwinger Schlumpf bis zum professoralen Gymnasiallehrer a. D. Fritschi -, aber ihre Voten erinnerten mehr an einen einstudierten Kanon als an eine politische Auseinandersetzung. Zum Beispiel beim Thema «Zentrumsplanung», das Moderator Raphael Briner («Tages-Anzeiger») zuerst aufs Tapet brachte. «Ganz toll» sei es, was derzeit laufe, meinte etwa Mark Furger, «interessant» sein Parteikollege Marc Lindt - und Ueli Schlumpf fand es «wichtig, dass alle mitmachen». Warnung vor Enthusiasmus
Gemeint war die Taktik der «kleinen Schritte», die der Gemeinderat seit der Schlappe seines grossen Zentrumsprojekts im Jahr 2007 anwendet. Gelobt wurde vor allem das Mitwirkungsverfahren, das es Interessierten aus der Bevölkerung erlaubt, ihre Ideen in Workshops einzubringen. «Konsens besteht darüber, dass wir eine breitere Bahnhofsunterführung und einen belebten Dorfplatz brauchen», sagte Finanzvorsteherin Ursula Gross Leemann über den Stand der Dinge. «Zudem müssen die Parkplätze unter den Boden.» Gerhard Fritschi wünschte einen Grundsatzentscheid herbei, ob das Dorfzentrum kommerziell oder kulturell geprägt sein soll (dass er als Sozialdemokrat Letzteres bevorzugt, dürfte klar sein). FDP-Kandidat Lindt warnte als Einziger vor allzu viel Enthusiasmus. Der Konsens darüber, wie sich Küsnacht entwickeln solle, sei bei weitem nicht so gross, wie es scheine: «Manche wollen ein Dorf, andere eine Stadt.» Lindt forderte eine Abkehr von «romantischen Vorstellungen» - Küsnacht sei längst kein Dorf mehr. Das war etwa das Kontroverseste, was ein Kandidat zu diesem Thema verlauten liess.
Auf die Frage, wie man mehr Familien nach Küsnacht locken könne, brachten die zwölf Kandidaten ebenfalls ähnliche Rezepte vor. Der traditionell stark verankerte genossenschaftliche Wohnungsbau müsse weitergeführt werden, lautete der Tenor. Auch die Kandidaten der SVP sangen das Hohelied von der gesunden sozialen Durchmischung: «Gewerbler, die hier arbeiten, sollen auch hier wohnen können», sagte etwa Martin Schneider. Als gutes Beispiel führten alle Diskussionsteilnehmer das Projekt Hüttengraben ins Feld, das den Bau von 70 preiswerten Wohnungen vorsieht. Wobei die Frage umstritten war, ob die angepeilten Mietzinse - eine 41?2-Zimmer-Wohnung soll etwa 2400 Franken kosten - zu hoch seien. «Wie in der Sonntagsschule»
«Ein Büezer kann sich das niemals leisten», gab Zuhörer und RPK-Mitglied Hanspeter Amrein (SVP) zu bedenken. Die Gemeinde müsse ein zinsloses Darlehen gewähren, um Mietzinse in der Höhe von 1500 Franken zu erreichen. Doch davon wollte sein Parteikollege im Gemeinderat, Martin Bachmann, nichts wissen: bereits der Boden werde im «Hüttengraben» massiv unter Wert abgegeben; ein weiterer Preisabschlag sei nicht möglich. Max Baumgartner fügte hinzu, dass durch den Bau des «Hüttengrabens» automatisch preiswerte Wohnungen aus den 50er- und 60er-Jahren frei würden.
Die Reaktionen des Publikums auf die harmonische Darbietung - insgesamt erschienen etwa 110 Personen, darunter zahlreiche Behördenvertreter - waren geteilt. Viele zeigten sich enttäuscht über den «fehlenden Pfeffer». Alt-Gemeinderat Hans Sulser, der kürzlich mit einer Initiative für eine Freihaltezone für Kontroversen gesorgt hat, drückte es so aus: «Das ist ja zugegangen wie in einer Sonntagsschule.» |