Hätten sich die Bürgerlichen im Vorfeld der gestrigen Wahlen nicht gegenseitig bekämpft, würde der neue Gemeindepräsident heute Hans Jörg Huber heissen. Der FDP-Kandidat verpasste die Wahl um nur 89 Stimmen. Die fehlenden Stimmen holte unter anderen SVP-Tiefbauvorstand Jürg Trachsel - obwohl dieser gar nicht als Gemeindepräsident kandidiert hatte.
Zweifellos sind die 209 Stimmen von Trachsel Protest-Stimmen. Viele SVPler verweigerten Huber gestern nämlich bewusst die Unterstützung. Neben der Tatache, dass das Verhältnis zwischen FDP und SVP schon seit Jahren unterkühlt ist, liegt der Ursprung dieser Haltung knapp zwei Jahre zurück. Damals hatte Huber bekannt gegeben, dass er als Gemeindepräsident kandidieren werde, ohne dies vorher mit jemandem abzusprechen (die eigene Partei eingeschlossen). Dieses Hervorpreschen brachte ihm viel bürgerliche Kritik ein. Schliesslich nahm er damit nicht nur seinen FDP-Kollegen, sondern auch der SVP die Möglichkeit, einen anderen, für beide Parteien valablen Kandidaten zu stellen. Denn wenn man der langjährigen und engagierten SP-Gemeinderätin Renate Büchi nicht das Feld überlassen wollte, musste man zwingend auf ein einziges Pferd setzen - dessen war man sich im bürgerlichen Lager bewusst.
Die Retourkutsche der SVP kam im Februar. Sie beschloss zum Gemeindepräsidium Stimmfreigabe und ging damit das Risiko ein, dass Richterswil künftig von der SP regiert wird - ein herber Schlag für Huber und die FDP, aber auch ein deutliches Zeichen für den bürgerlichen Zwist.
Im zweiten Wahlgang am 13. Juni spricht dennoch mehr für den FDP-Kandidaten als für die Sozialdemokratin Büchi. Denn trotz der Differenzen und obwohl Huber für viele zu sehr in der Mitte politisiert, werden die insgesamt rund 400 (meist bürgerlichen) Protest-Stimmen grösstenteils an ihn gehen.