Simon Kägi, wie schafft man es mit nur 28 Jahren zum Präsidenten des Wädenswiler Stadtparlaments? Das hängt mit den besonderen Umständen meiner Wahl in den Gemeinderat vor vier Jahren zusammen. Ich stand mitten im Studium zum Sozialarbeiter und wurde völlig überraschend vom Listenplatz acht aus gewählt. Um das Amt mit meinem Studium vereinbaren zu können, wollte ich eine Aufgabe im Parlament übernehmen, deren Aufwand abschätzbar ist. Da bot sich das Ratsbüro eher an als die Kommissionsarbeit. Also wurde ich Stimmenzähler. Obwohl Sie damals schon wussten, dass Sie damit turnusgemäss dereinst zum Präsidenten des Parlaments würden? Genau. Das Büro war in meinen Augen der ideale Einstieg ins Parlament. Ich war nicht direkt in die harte Sachpolitik in den Kommissionen involviert, hatte von sicherer Warte aus aber dennoch einen guten Einblick in die verschiedenen Geschäfte und konnte mich so langsam an die Materie herantasten. Wie fanden Sie den Weg in die Politik? Viele in Ihrem Alter finden eher den Weg in eine Bar oder eine Discothek. Ich war schon früh aktiv. Zuerst im Cevi, später als Präsident des Jugendhauses Adlerburg und Mitglied der Jugendkommission der Stadt Wädenswil. So fragten mich die Grünen 2006 schliesslich an, ob ich für sie kandidieren wolle. Ich hätte mir damals auch ein Engagement in der SP vorstellen können. Viele Junge interessieren sich kaum für Politik und wenn, dann eher für Obama und die grosse Welt als fürs Lokale. Wie sehen Sie das? Ich glaube, das hängt stark damit zusammen, dass Politik oft zu langsam ist für die schnelle Lebenswelt der Jugendlichen. Ein Beispiel: Schon als ich 13 war, sammelten wir Unterschriften für eine Skateranlage. Und hofften, möglichst bald, am besten schon morgen, einen Ort für unser geliebtes Hobby zu erhalten. Die Anlage hat ja bekanntlich letztes Jahr geöffnet, mein Interesse daran schwand aber wesentlich rascher. Nervt es Sie, so wie in diesem Interview dauernd auf Ihr junges Alter angesprochen zu werden? Zum Glück werde ich von meinen Ratskollegen nicht auf mein Alter reduziert, vielleicht auch, weil ich nun schon vier Jahre dabei bin. Wenn, dann stören sich die anderen Parlamentarier höchstens an meinem Kleidungsstil. Ein FDP-Politiker machte einmal eine Bemerkung, als ich in Shorts zur Versammlung kam. Ansonsten bin ich froh, dass hier kein Adultismus herrscht, dass mir also nicht alleine aufgrund meines Alters Eigenschaften zu- oder abgesprochen werden. Also möchten Sie als Ratspräsident nicht einfach nur der neue Junge sein, der dynamisch ist und frischen Wind in das Amt bringt, das zuvor zwei um mehrere Jahrzehnte ältere Herren bekleideten? Genau. Ich möchte vor allem für meine Persönlichkeit wahrgenommen und geschätzt werden. Es ist mein Anliegen, die Sitzungen fair zu leiten, dann glaube ich auch, den Respekt der Parlamentarier zu erhalten. Meine Vorgänger, Thomas Hartmann von der SP und Gody Pfister von der SVP, waren für ihre speditive Art bekannt. Mein Ziel ist es aber nicht, die Geschäfte möglichst rasch über die Bühne zu bringen. Ich möchte Diskussionen im Rat Raum geben, denn ich finde es schade, dass die Meinungen der Parlamentarier meist schon vor der Parlamentssitzung gemacht sind und Argumente vor Ort deshalb wenig zählen. Welche Themen werden die politische Agenda Wädenswils in Ihrem Amtsjahr prägen? Ein grosses Thema wird sicherlich sein, die Diversität unserer Stadt und den gegenseitigen Respekt zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen zu erhalten. Im Speziellen kommt der Frage nach bezahlbarem Wohnraum grosse Bedeutung zu. Wädenswil braucht nicht nur Luxuswohnungen, wie im Giessen geplant, sondern auch erschwingliche Mietobjekte für Familien und Räumlichkeiten für lokale Betriebe. Daneben geben sicherlich das Hochhaus und die Zugerstrasse weiter zu reden. Wie sieht die Zugerstrasse in einem Jahr aus? Ich glaube, sie wird nach den Plänen realisiert werden, die vom Kanton letzten November präsentiert wurden. Das Beispiel Köniz hat gezeigt, dass das Gewerbe auch ohne Parkplätze an der Strasse funktionieren kann. Und wir Wädenswiler lassen uns, so skeptisch wir Neuem gegenüber auch immer sind, durch ein positives Beispiel gerne überzeugen. Und wie schätzen Sie die Chancen für einen durchgehenden Seeuferweg auf der Halbinsel Au ein? Die Petition, die wir von den Grünen eingereicht haben, könnte die Anwohner verärgert haben. Vielleicht wäre es gescheiter gewesen, dem Kanton mehr Zeit zu lassen, um sich mit den Anwohnern zusammenzusetzen. Auf alle Fälle ist das Thema stark umstritten, das haben mir die kontroversen Diskussionen bei der Unterschriftensammlung gezeigt. Viele regen sich auf, dass es den Weg nicht gibt. Viele haben aber auch grossen Respekt vor Privatbesitz. Ganz nach dem Motto: Wenn man denen etwas wegnimmt, könnte man auch mir was nehmen. Ihre Grüne Partei hat bei den Wahlen einen vierten Gemeinderatssitz erobert. Auch die Grünliberale Partei politisiert erstmals mit. Ist dies nun endlich der Durchbruch der grünen Idee? Auf der Homepage der lokalen Partei steht geschrieben, «unser Ziel ist es, dass es uns einmal nicht mehr braucht». Wenn die grünen Anliegen selbstverständlich geworden sind, braucht es niemanden mehr, der sie vertritt. So weit ist es noch nicht (lacht). Aber natürlich freuen wir uns über den Wahlerfolg. Und auch darüber, dass die Zusammenarbeit mit den anderen Parteien bei uns in Wädenswil so gut klappt. Ich denke beispielsweise an die Holzschnitzelheizung in der Frohmatt oder die Bemühungen Wädenswils, Energiestadt zu werden. Werfen wir zum Abschluss einen Blick auf Ihre politischen Ambitionen. Planen Sie eine Karriere wie Shootingstar Philipp Kutter? Nein. Im Moment zumindest fühle ich mich im lokalen Parlament wohl. Ich möchte gerne nach den Jahren im Ratsbüro auch noch die Kommissionsarbeit kennenlernen. Vom Kantonsrat habe ich gehört, dass es sehr giftig zugeht. Laut meinem Kollegen Bastien Girod sind die Diskussionen im Nationalrat hingegen äusserst konstruktiv. Aber auf einen Sitz auf Kantons- oder Nationalebene oder in einer Exekutive habe ich im Moment keine Ambitionen. |