«Ich hatte immer die ?Befürchtung?, die Politik könnte zu meinem Beruf werden», sagt Ruedi Hatt, als er sich im Trauzimmer im Gemeindehaus I an den schweren Holztisch gesetzt hat. Über diesen Satz ist man erstaunt, wenn man ihn von einem Mann hört, der seit 13 Jahren als Richterswiler Gemeindepräsident amtete, davor im Gemeinderat 11 Jahre lang die Finanzen unter sich hatte und über 9 Jahre lang für die FDP im Kantonsrat politisierte. Doch Ruedi Hatt meint es ernst: «In der Politik muss man auch seine eigenen konkreten Erfahrungen aus dem Berufs- und Alltagsleben einbringen können. Sonst predigt man die reine Lehre und Theorie, ohne die Praxis zu kennen.»
Zwar ist Ruedi Hatt seinem Grundsatz immer treu geblieben, doch sei er im Milizsystem auch an Grenzen gestossen: «Unter der Woche war ich oft praktisch nur für die Politik unterwegs, an den Wochenenden habe ich dann in meinem Architekturbüro gearbeitet. Zum Glück habe ich eine sehr selbständige Frau und Familie, die mir deshalb nie Vorwürfe gemacht hat.» Kritik aus der Nachbargemeinde
Trotz der Doppelbelastung durch Beruf und Politik: «Ich musste mich während all dieser Jahre keine Sekunde überwinden, um mich für mein politisches Amt vorzubereiten oder irgendwo öffentlich zu sprechen - ob dies nun an einer Gemeindeversammlung oder an einem Vereinsjubiläum gewesen ist», betont der 59-Jährige. Wahrscheinlich trug diese Einstellung dazu bei, dass Hatts Ansprachen ebenso zu seinem Markenzeichen geworden sind wie die markante Lücke zwischen den Schneidezähnen. Immer waren sie mit viel Humor gespickt, seine Reden: «Natürlich wollte ich immer authentisch und auch möglichst spontan sein, meistens habe ich den Humor aber sehr bewusst eingesetzt. Der härteste Test meiner politischen Ansprachen war immer das Festzelt, bis da die Leute auch in den hintersten Reihen zuhörten, brauchte es meistens mehr als nur die trockene Politik.»
Nicht überall kam sein Sarkasmus aber gut an. Auf die Frage, ob man denn in Richterswil tatsächlich ein Gemeindehaus wie in Wollerau bauen wolle, war seine Antwort: «Nein, unser neues Gemeindehaus wäre mit Sicherheit viel weniger repräsentativ und im Innern nicht so hohl.» Dieser Satz, an einer Gemeindeversammlung vor etwa zwei Jahren durchs Mikrofon in der reformierten Kirche gesagt, brachte ihm viel Kritik ein - nicht nur aus der Schwyzer Nachbargemeinde.
«Natürlich bin ich durch manch eine Äusserung aufgelaufen, bin auch ab und zu mal jemandem zu nahegetreten», gibt Hatt zu. Er verteidigt sich aber: «Vielfach hat man meinen Humor auch einfach zu ernst genommen. Mit ?weniger hohl? wollte ich ja nur zum Ausdruck bringen, dass wir uns nicht einen so grosszügigen Innenraum im Gemeindehaus leisten könnten.» Hoher Besuch auf der Insel
Ernst genommen und engagiert hat sich Hatt selber immer dann, wenn es um die Entwicklung von Richterswil ging. Denn seine Heimat liebt er: «Die dörfliche Struktur sowie die Lage am See und an der Kantonsgrenze haben mich immer fasziniert. Ausserdem sind wir die einzige Gemeinde am See mit eigener Insel - auf unsere Insel haben wir an den traditionellen Inselisitzungen viele hohe Gäste aus der Nach- barschaft eingeladen, übrigens auch Barack Obama würden wir auf dem Inseli empfangen.» Dass die Richterswiler von den Nachbargemeinden oft belächelt und als «Turnliibler» bezeichnet wurden, störte Hatt nie: «Ich werde lieber unter- als überschätzt, in dieser Position hat man viel mehr Möglichkeiten.» Paracelsus-Spital gerettet
Als Ruedi Hatt 1986 in den Gemeinderat gewählt wurde, zählte die Gemeinde zirka 9000 Einwohner. Heute sind es rund 12 000. Das ist aber nur eine Entwicklung, die der Gemeindepräsident miterlebt hat: «Einer der ersten Höhepunkte war für mich, als wir es im Jahr 1993 nach langen gsundheitspolitischen Auseinandersetzungen schafften, durch den Verkauf unseres Gemeindespitals an den Bauverein Paracelsus in Richterswil den Spitalbetrieb aufrechtzuerhalten.» Und Hatt weiter: «Rückblickend gesehen ging im Abstimmungskampf um den Verkauf des Spitals die eigentliche Leistung des Gemeinderats total unter, wir hätten damals an Stelle von zwei Verkaufsvarianten den Stimmberechtigten auch nur die einfachste Lösung, die vom Kanton verlangte Schliessung unseres Spitals, präsentieren können.»
Schöne Erinnerungen an meine Amtszeit habe er auch «an die Übernahme der einmaligen Hornanlage vom Kanton mit der grossartigen Jugendherberge sowie an den Bau der eigenen Hafenanlage». Ausserdem bin ich natürlich sehr stolz, dass wir ein Flugzeug auf den Namen ?Richterswil? taufen durften.» ARA-Fusion: «brutale Niederlage»
Doch auch Rückschläge musste der FDP-Politiker in den letzten Jahren hinnehmen - der grösste liegt noch nicht einmal ein Jahr zurück: «Dass die ARA-Fusion mit Wädenswil scheiterte, ist eine brutale Niederlage für mich. Ich kann noch immer nicht nachvollziehen, dass wir in der Mülenen, an einem solch schönen Ort, weiterhin unser Abwasser klären wollen.» Die Ablehnung dieser Vorlage habe ihn aber nicht nur als Gemeindepräsidenten getroffen, sagt Hatt, sondern auch als Privat- person: «Dass die Gerüchte kursierten, dass ich die ARA weghaben wolle, um dort bauen zu können, hat mich verletzt.»
Während seiner gesamten Amtszeit sei er immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert worden, das Amt des Gemeindepräsidenten verschaffe ihm als Architekt auch berufliche Vorteile. «Die Wahrheit ist aber, dass ich noch nie etwas für die öffentliche Hand gebaut habe. Hätte ich in all den Jahren meine Zeit für den Beruf und nicht für die Politik eingesetzt, wäre auch meinem Büro einiges mehr realisiert worden», betont der abtretende Gemeindepräsident. Neues Gemeindehaus als Wunsch
Wenn Hatt sein Amt nach den Gemeinderatswahlen am 25. April abgibt, will er sich vermehrt seinem Geschäft widmen und auch einmal «einen Sonntag freihaben». Auch sein geliebtes Tennis wird der leidenschaftliche Sportler vielleicht auf einen anderen Termin legen: «Bisher habe ich immer zum Wochenabschluss am Freitag von 21 bis 23 Uhr gespielt, einen anderen Termin hätte ich nie wahrnehmen können.» Mehr Zeit will Ruedi Hatt zudem wieder in die Fotografie und den Computer investieren: «Ich bin ein absoluter Hinterwäldler, was das digitale Planen und Zeichnen angeht.»
Was er sich für Richterswil wünsche? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Das neue Gemeindehaus auf dem Kerag-Areal. Es soll in Richterswil eine neue Phase einläuten.» Er habe - trotz 24 Jahren in der Gemeindepolitik - wegen Platzmangel noch nie ein eigenes Büro im Gemeindehaus gehabt: «Mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin würde ich deshalb gerne einmal im eigenen Büro im neuen Gemeindehaus besuchen.» |