Ortstermin Stadthaus Wädenswil, Florhofstrasse 6, 1. Stock, Büro des Stadtpräsidenten. Ernst Stocker ist wie immer gut angezogen: Anzug, Krawatte - und das obligate Lions-Abzeichen am Revers. Er bittet an den kleinen Sitzungstisch. Es gibt grössere Zimmer im Stadthaus. Aber das gewählte strahlt durch den grünen Kachelofen und den knarrenden Parkettboden einen gewissen Charme aus. Vor dem grossen Amt
Wer den Wädenswiler Magistraten fragt, ob er sich bereits mehr als Zürcher Regierungsrat oder immer noch als Wädenswiler Stadtpräsident fühlt, erhält eine klare Antwort: «Als Stadtpräsident!» Wer meint, in den letzten Wochen eine gewisse Anspannung an Stocker festgestellt zu haben, obwohl er es jetzt doch gemütlich nehmen könnte, und nach der aktuellen Gefühlslage fragt, erhält eine weit weniger genaue Antwort. Dann spricht der 54-jährige Noch-Stadtpräsident von einem «weinenden Auge, weil ich den Job sehr gern gemacht habe» und von einer «anderen Arbeit, die auf mich wartet». Ein Mann der grossen Worte war Stocker noch nie. Ein Mann der überschwänglichen Emotionen auch nicht. Im Erfolg nicht, in der Niederlage nicht.
Der Abschluss der Legislatur sei streng, mit vielen «Vierstündern» im Stadtrat. Stocker lässt durchblicken, dass er einer Pause nach dem Ende seiner Präsidialzeit im März und vor seinem Amtsantritt als Regierungsrat im Mai nicht abgeneigt wäre. «Es gibt auch noch ein Leben ohne Politik.» Wie das genau aussieht, lässt er offen. Ein paar Tage in die Ferien gehen würde er dann, sagt er unverbindlich.
Klar ist: Im Leben des Ernst Stocker hat sich im letzten halben Jahr viel verändert: «Vor sechs Monaten war ich noch felsenfest davon überzeugt, nochmals als Stadtpräsident zu kandidieren.» Der Rest ist bekannt. Den Konsens gesucht
Ernst Stocker sieht sich nicht als «Primadonna» einer Exekutive, die alles an sich reisst und über ihren Tisch dirigiert. Immer wieder spricht er vom «Stadtratsteam», das sich in den letzten vier Jahren sehr intensiv mit vielen wichtigen Geschäften auseinandergesetzt und diese im Parlament auch durchgebracht habe. «Mit 35:0 Stimmen zum Teil», betont er.
Er, der Bauer aus der Himmeri im Wädenswiler Berg, ist vielmehr der lösungsorientierte Konsenspolitiker. Das wird ihm in ganz Wädenswil attestiert. Auch von seinen politischen Gegnern. Dass der SVP-Politiker Stocker kein Visionär sei, wurde ihm im Regierungsratswahlkampf negativ ausgelegt. Er selbst sieht das freilich etwas anders: «Ich habe Visionen, das habe ich in Wädenswil auch gezeigt», sagt er und nennt als Beispiele unter anderem den Ausbau des Bildungsstandorts, die «Grüne Lunge» im Stoffel oder die Hochhausplanung.
Was ist sein Patentrezept, um auch bei umstrittenen Sachgeschäften den viel gerühmten Konsens zu finden? «Ich versuche konstruktiv zu sein, und falls Differenzen bestehen, muss man diese ausdiskutieren», meint er bestimmt. «?Fadegrad? drauf losgehen» und die Sache besprechen. Dies habe er schon im Militär gelernt, sagt der ehemalige Adjudant-Unteroffizier der Panzertruppen. Allen recht machen könne man es allerdings nie. Noch jeden Morgen im Stall
Auf seine Wurzeln in der Landwirtschaft ist Ernst Stocker stolz, auch wenn er längst Berufspolitiker ist. «Die bäuerliche Herkunft hat mich geprägt», sagt er. Noch heute steht Ernst Stocker jeden Morgen im Stall im familieneigenen Hof, den er seinem Sohn Adrian verpachtet hat. «Dann heisst es Duschen und wieder Umziehen, damits wieder eine Falle macht.» Und los gehts nach Wädenswil ins Stadthaus. Häufig auf seinem Markenzeichen, einer 600er Honda Silver Wing. Dies geht auch krawattiert und in Schale.
Gefragt nach den Höhepunkten seiner einen Präsidiallegislatur, überlegt Stocker kurz, vor sich auf dem Tisch ein Blatt mit den wichtigsten Themen. «Die Eröffnung des neuen Feuerwehrhauses», sagt er dann. Dieses sei schon ein Thema gewesen, als er 1997 Polizei- und Feuerwehrvorstand geworden sei. Und die neue Kulturhalle Glärnisch. «20 Jahre wurde von einem Gemeindesaal gesprochen, nun haben wir einen, und zwar einen guten und schönen.»
Überhaupt, fährt Stocker fort, sei viel vollendet worden, und zieht einen Vergleich zwischen Politik und Landwirtschaft: «Als Bauer muss man teilweise auch warten, bis etwas reif ist. Man muss alles durchstehen. Dann kann man ernten. Ich habe als Stadtpräsident Glück gehabt. Es ist vieles reif gewesen, das ich ernten konnte.» Die Umstände seien aber auch gut gewesen, relativiert Stocker sogleich: «Wir haben wirtschaftlich eine gute Zeit ?preicht?.» Wermutstropfen Zugerstrasse
Als Wermutstropfen seiner Amtszeit bezeichnet Ernst Stocker die Zugerstrasse. «Weil sehr viele Parteien involviert sind, dauerte die Planung sehr lange. Nun wird das von Kanton und Stadt ausgearbeitete Projekt aber bald umgesetzt.»
Die Zugerstrasse ist auch die Lieblingsspielwiese eines seiner härtesten Kritiker, des Planers Heinrich Th. Uster. Dieser hält dem amtierenden Stadtpräsidenten in Leserbriefen und Inseraten Unvermögen in der Zentrumsplanung vor. «Wenige Kritiker» seien es insgesamt, wirft Stocker sogleich ein, lehnt sich leicht zurück, wie er es oft tut, wenn er angegriffen wird. Usters Ideen habe man ernst genommen. «Sein Stadtmodell steht immer noch in meinem Büro, und ich werde es meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin übergeben», sagt er und zeigt darauf. Aber: «Die Verkehrsverlagerung in die Wohnquartiere ist nicht umsetzbar, und der Kanton hat klipp und klar nein zum Vorschlag Uster gesagt.»
Der Kritik, Stocker trete Investoren gegenüber allzu devot auf, begegnet er kurz und bündig: «Jeder, der in Wädenswil Geld investieren will, ist mir grundsätzlich willkommen.» Die Investorenpflege gehöre zu den Aufgaben des «Stapi». Daraus resultierten «Arbeit, Verdienst und Steuererträge». Stocker bleibt Stocker
Eine grosse Abschiedstour hat Stocker nicht geplant. Stocker bleibt Stocker. Auch wenn sich sein Büro bald im Kaspar-Escher-Haus befindet. «Wädenswil ist und bleibt mir wichtig.» Am Dorfleben will er soweit möglich weiterhin teilnehmen. «Und sicher wird die eine oder andere Anfrage kommen, könntest du nicht dies oder das in die Wege leiten», meint er mit einem gewissen Schalk, der im durchaus auch eigen ist.
Ortswechsel nach einer Stunde Interview. Der Stadtpräsident lädt zum Kaffee im Aufenthaltsraum im Stadthaus ein und offeriert ein Stück Kuchen. «Es ist für eine gute Sache.» Die Verwaltung sammelt für ein Hilfswerk. Auch das ist Ernst Stocker: volksnah, unkompliziert, für Medien wie auch den Durchschnittsbürger erreichbar und ohne Dünkel. Wie es sich für einen Bauern gehört: bodenständig eben. |