Parlamentswahlen Politologe Michael Hermann analysiert das Durchschnittsalter der Parlamentarier
«Junge als Lockvögel bringen keine Stimmen»
Nicht nur das Alter, auch das Aussehen hat entschieden, welche Kandidaten für ihre Parteien in den Gemeinderat gewählt wurden. Interview Philipp Kleiser
Michael Hermann*, in Adliswil sind die SVP-Parlamentarier im Durchschnitt 55 Jahre alt, jene der SP aber nur 40 Jahre alt. Ist diese Aufteilung - alte SVP-Politiker, junge SP-Politiker - typisch?
Das ist von Gemeinde zu Gemeinde sehr verschieden und kann nicht generalisiert werden. Die bürgerlichen Parteien haben zwar insgesamt eine ältere Wählerschaft. Gerade die SVP hat jedoch bei den Jungen in den letzten Jahren stark zugelegt, auch bei den Mitgliederzahlen. Bei der Zusammensetzung der Gemeindeparlamente muss sich das aber nicht sofort manifestieren. Jungpolitiker sind eher für nationale Themen zu begeistern als für parlamentarische Kleinarbeit.
Die Parlamentarier der FDP Adliswil haben mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren die jüngsten Ratsmitglieder - im Schnitt 22 Jahre jünger als jene der SVP. Ein Zufall?
Ja, ich denke schon. Häufig tritt eine Generation fast gleichzeitig ab - bei der Adliswiler FDP gab es zuletzt einen solchen Umbruch, Jungpolitiker sind nachgekommen. Vielleicht ist dies in der SVP in vier Jahren auch der Fall, nachdem jetzt alle bisherigen Gemeinderäte wieder zur Wahl angetreten sind und damit das Durchschnittsalter logischerweise gestiegen ist.
Sind die Parteien bestrebt, junge Politiker auf ihre Liste zu setzen, um damit frischen Wind und Dynamik zu propagieren? Die SP Wädenswil hat auf den vorderen Listenplätzen viele Jungpolitiker in den Wahlkampf geschickt.
Das betrifft nicht nur die Sozialdemokraten. Vor einigen Jahren ist es, auch auf nationaler Ebene über alle Parteien hinweg, zu einer Art «Jugendwahn» gekommen. Die Parteien versuchten, sich mit jungen Kandidaten gegenseitig zu unterbieten und ein Zeichen gegen die Überalterung der Politik zu setzen. Es ist aber bei diesem Zeichen geblieben. Das Phänomen ist wieder abgeflacht.
Warum?
Es reicht nicht, dass Jungpolitiker als Lockvögel auf vordere Listenplätze gesetzt werden, man ihnen aber in der Partei wenig Verantwortung und Profilierungsmöglichkeiten gibt. Wenn die Wähler merken, dass es nur um Stimmenfang geht, sinken die Wahlchancen, selbst wenn sie sich auf einem guten Listenplatz befinden.
Glaubt der Wähler, dass unerfahrene Jungpolitiker überfordert sind? Immerhin bedeutet ein Gemeinderatsmandat auch eine grosse Verantwortung der Bevölkerung gegenüber.
Klar ist: Der Wähler erwartet seriöse Kandidaturen. Es hilft, wenn ein Kandidat eine Ausbildung abgeschlossen und politisch und beruflich schon etwas geleistet hat. Ältere Kandidaten haben da einen Vorteil. Bei Parlamentswahlen hat dies aber einen geringeren Einfluss als bei Exekutivwahlen. Ausserdem zeigen Studien, dass ein attraktives Äusseres für die Wahlchancen eine entscheidende Rolle spielt. Das heisst, der Wähler achtet längst nicht nur auf Erfahrung.
In Horgen kandidierte der 53-jährige Joggi Riedtmann (SP) mit dem Slogan «Schütteres Haar - aber volles Engagement für Horgen» für das Gemeindepräsidium. Seltsam, dass einer mit dem Alter Werbung für sich macht.
Es gibt wichtigere Merkmale als das Alter. Ein älterer Kandidat, der noch nicht so lange politisiert, kann sehr gut frischen Wind in die Politik bringen. Umgekehrt politisieren Jungpolitiker teilweise sehr angepasst. Deshalb ist das Alter auf kommunaler Stufe kaum ein Thema. Letztlich ist man froh, wenn sich noch Leute für ein Amt in einer Exekutive oder Legislative zur Verfügung stellen.