Es wäre für die fünf Kandidaten, die im Frühling die Nachfolge von Stadtpräsident Ernst Stocker (SVP) antreten wollen, die perfekte Gelegenheit gewesen, sich in Szene zu setzen, sich von ihren Mitstreitern abzuheben. Ernst «Grübi» Brupbacher (BFPW), Philipp Kutter (CVP), Martin Lampert (SVP), Felicitas Taddei (FDP) und Johannes Zollinger (EVP) versäumten es gestern Abend im Etzel-Saal aber weitgehend, in den Köpfen der rund 150 Anwesenden unverwechselbare Spuren zu hinterlassen.
Dies lag sicher auch daran, dass in der ersten Podiumsrunde, in der die Präsidiumskandidaten zu Wort kamen, das politische Spektrum nicht sehr breit war: Alle fünf Kandidaten stammen aus der politischen Mitte oder dem rechten Lager; die Linke beteiligt sich bei den Wahlen vom 31. Januar nicht am Rennen um die Exekutivspitze. Tiefere Steuern oder Investitionen
Moderator Lukas Matt, Redaktionsleiter der «Zürichsee Zeitung Bezirk Horgen», brachte zwar viele brisante Wädenswiler Themen aufs Tapet, dennoch lieferten sich die Politiker auf dem Podium keinen verbalen Schlagabtausch. Im Gegenteil: Es herrschte weitgehend Einigkeit. So unterstützen alle Präsidiumskandidaten die Pläne für eine neue Stadtbibliothek im alten Feuerwehrgebäude, die Sanierung des Kranken- und Altersheims Frohmatt und die Bemühungen, das Wädenswiler Stadtzentrum mit der Zugerstrasse attraktiver zu gestalten. Auch das Weiterentwickeln von Wädenswil als Bildungsstadt sehen alle fünf als zentrale Aufgabe eines Stadtpräsidenten. «Das Gewerbe sollte dabei aber nicht vergessen werden», bemerkte Ernst Brupbacher.
Unterschiedliche Meinungen gab es fast ausschliesslich zu den Stadtfinanzen. Während die Vertreter der SVP und des Bürgerlichen Forums positives Wädenswil (BFPW) - Martin Lampert und Ernst Brupbacher - für einen tieferen Steuerfuss «um 100 Prozent» plädierten, stimmten die FDP-Frau Felicitas Taddei sowie die Stadträte Kutter (CVP) und Zollinger (EVP) nicht vorbehaltlos zu. Wichtiger als «einige Prozentchen weniger Steuern zu zahlen» sei es, die Infrastruktur-Vorhaben in Wädenswil finanzieren und rasch umsetzen zu können. Stocker ist «Schoggipudding»
Persönlich fassbarer wurden die Präsidiumskandidaten bei der Frage, was sie an der Spitze der Wädenswiler Exekutive denn anders machen würden als der amtierende Stadtpräsident Ernst Stocker. «Die Informationspolitik ändern», würde der ehemalige Gemeinderat Ernst Brupbacher. Es sei falsch, erst dann zu informieren, wenn längst Gerüchte in der Stadt kursierten - wie der aktuelle Fall der «Wolke» auf dem Bahnhofplatz zeige. Sozialvorsteherin Felicitas Taddei würde sich bei Konflikten, wie sie momentan bei den Plänen für die Umgestaltung der Zugerstrasse bestehen, mehr Zeit nehmen, um alle Beteiligten an einen Tisch zu holen. Fordernder und nicht so «liebenswürdig und geduldig» wie sein Parteikollege Stocker wäre Gemeinderat Martin Lampert. Und Sicherheitsvorstand Philipp Kutter würde als Erstes eine Sprechstunde einführen, um den Dialog mit der Bevölkerung zu stärken. Einzig Johannes Zollinger machte keine konkreten Änderungsvorschläge. Viel anders machen würde er nicht, sagte Zollinger und verglich: «Ernst Stocker und ich sind wie Schoggipudding und Caramelcreme: zwar verschiedene Charaktere, aber beides Desserts.» Hochhaus, aber nicht im Zentrum
In einer zweiten Runde kamen die Personen zu Wort, die für den Stadtrat, nicht aber fürs Präsidium kandidieren. Neben Paul Rota (CVP), der als Einziger zur Wiederwahl steht, hoffen Heini Hauser (SVP), Thomas Largiadèr (SP) und Heinz Wiher (Grüne) auf einen Sitz im Stadtrat.
«Das geplante Hochhaus im Zentrum sorgt in Wädenswil für Emotionen», leitete Lukas Matt ein aktuelles Thema ein. Grundsätzlich nicht gegen das Projekt ist Thomas Largiadèr: «Aber nicht im historischen Stadtkern.» Heinz Wiher warf die Frage auf, ob man überhaupt so stark verdichtet bauen möchte. Schliesslich gäbe es auch moderatere Lösungen, wie zum Beispiel die Nutzung von Industriebrachen, wie dies derzeit im Streuli-Areal geschehe. Auch Heini Hauser ist für eine «massvolle» Verdichtung, jedoch nicht im Zentrum. Grundsätzlich offen für Neues ist Paul Rota. Er findet die Idee eines Hochhauses gut, weil damit nicht wieder ein «Riegel» an der Seestrasse entstehe. Jedoch sei es heikel, ohne eine Gesamtplanung für den Stadtkern ein Hochhaus durchzusetzen.
Darüber, dass vor 30 Jahren Fehler in der Zentrumsplanung gemacht wurden, waren sich alle beim Thema «Zugerstrasse» einig. Nun müsse man einen Kompromiss finden. Und auch die Bautätigkeit im Gewerbegebiet Hintere Rüti wird von allen unterstützt, auch wenn sich Thomas Largiadèr gegen weitere Einkaufszentren aussprach und Heini Hauser grüne Flächen höchstens fürs Gewerbe hergeben möchte. |