Wochengespräch

«Auch ich habe Angst vor dem Fremden»

Der Islamwissenschafter und EVP-Politiker Andreas Kaplony setzt sich für Flüchtlinge ein. Migration ist Teil seiner eigenen Biografie: Kaplony selber kam als Kind in die Schweiz.

Andreas Kaplony hilft Flüchtlingen in Kilchberg, sich so schnell wie möglich zu integrieren.

Andreas Kaplony hilft Flüchtlingen in Kilchberg, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Andreas Kaplony, Sie sind in einer christlichen Partei aktiv, Professor für Arabistik und Islamwissenschaft und engagieren sich in Ihrer Wohngemeinde Kilchberg für Flüchtlinge.Prallen da nicht verschiedene Welten aufeinander?
Andreas Kaplony: Nein. Die Aussage, dass die christlich-europäische und die islamische Welt zusammenprallen, geht massiv an der Sache vorbei. Es geht um das Wissen, dass Dinge von verschiedenen Seiten betrachtet werden können. Wir dürfen nicht vergessen, wie zerbrechlich das Leben ist. Die Trennung zwischen Flüchtlingen und Nicht-Flüchtlingen ist ganz dünn, die Flucht könnte auch uns passieren.

Sie bewegen sich in Ihrem Alltag in akademischen Kreisen. Wie kam es, dass Sie sich für Flüchtlinge einsetzen?
Das hat mit meiner eigenen Biografie zu tun. Am Ende des Zweiten Weltkrieges flüchtete mein Vater als elfjähriges Kind alleine von Ungarn in die Schweiz. Als Erwachsener zog er dann nach Deutschland, wo er meine Mutter kennen lernte. Und als ich 13 Jahre alt war, kamen wir von Deutschland in die Schweiz. In Zürich habe ich die Erfahrung vom Fremdsein gemacht, ein Thema, das mich von da an fasziniert hat. Fremdsein ist eine Bereicherung, eine weitere Perspektive. Ich wusste immer, dass mehrere Blickpunkte richtig sind.

Hat Ihnen das Fremde denn gar nie Angst gemacht?
Doch, ich kenne die Angst vor dem Fremden. Das beste Gegenmittel dagegen ist für mich, das Unbekannte besser kennen zu lernen.

«Fremdsein ist eine Bereicherung, eine weitere Perspektive.»

Andreas Kaplony

In Ihrer Biografie liegt also der Ursprung Ihrer Unterstützung von Flüchtlingen. Wann hat Ihr Engagement begonnen?
In den 90er-Jahren wohnte ich zwei Jahre lang in Ostjerusalem. Da erlebte ich Apartheid, Ungleichbehandlung aufgrund von Aussehen und Herkunft. Dass es das gibt, habe ich vorher theoretisch gewusst. In Jerusalem habe ich es erlebt. Aber die aktuelle Welle meines Engagements begann vor zwei Jahren in München, als die Bilder der gestrandeten Flüchtlinge um die Welt gingen.

Was heisst das, was haben Sie in München konkret gemacht?
Ich habe bei einer Art Initiative mitgemacht. In meiner Kirchgemeinde nahmen wir uns Flüchtlingen an, indem wir sie auf das Migrationsamt begleiteten, bei Vermietern angerufen und Freundschaften gepflegt haben. Und an der Uni gab ich den Studierenden die Möglichkeit, ihre Arabisch- und Persischkenntnisse mit Flüchtlingen anzuwenden, und für die Flüchtlinge war es eine Hilfe in ihrer schwierigen Situation.

Das war in München. Wie unterstützen Sie Flüchtlinge heute in Kilchberg?
Meiner Frau und mir ist die Sprache ganz wichtig. Sie ist der Schlüssel für die Flüchtlinge, um weiterzukommen. Ich spreche fliessend den palästinensischen Dialekt und Hocharabisch und kann mich dadurch als Übersetzer, als Brückenbauer betätigen. Ich übersetze daher für sie, da es mir wichtig erscheint, dass unsere Mitmenschen die Originaltöne der Flüchtlinge hören; wie sie ihre Flucht erlebt haben, aber auch ihren Humor und ihre Lebensweisheit. Und meine Frau unterrichtet im Rahmen einer privaten Initiative Deutsch. Ich möchte aber nicht nur übersetzen, sondern auch etwas tun. Gemeinsam mit anderen Kilchbergern führen wir beispielsweise regelmässig Spaziergänge durch, um Flüchtlingen Kilchberg zu zeigen. Oder wir haben schon die Badi angeschaut, wo wir sehr schnell lernten, was geht und was nicht. So gingen die Buben sofort hin, die Frauen und Mädchen aber sagten, dass das für sie nicht gehe. Manchmal sind aber auch nicht verbale Begegnungen sehr hilfreich, so hat eine gute Freundin beispielsweise schon mit Flüchtlingsfrauen genäht.

«Flüchtlinge sind nicht gerne Flüchtlinge. Sie möchten so schnell wie möglich aus diesem Zwischenstatus raus.»
Andreas Kaplony
Andreas Kaplony

Wie geht es den Menschen, deren Flucht in Kilchberg geendet hat?
Eigentlich ist es immer dasselbe. Besonders schwierig ist für sie die lange Phase der Unsicherheit, bis die Behörden entschieden haben, ob sie in der Schweiz bleiben dürfen oder nicht. In erster Linie will ein Flüchtling kein Flüchtling sein. Wir müssen uns klar werden, dass ein Handwerker aus Damaskus mit ganzem Stolz ein Handwerker ist und sich danach sehnt, das hier irgendwie weiterzuleben. Flüchtlinge sind nicht nur Flüchtlinge, sondern Menschen in einer saublöden Zwischensituation. Eine Studentin möchte weiterstudieren und ein Busfahrer Busse fahren. Wenn wir die Sprachbarriere wegdenken, merken wir, dass sie gar nicht so anders sind als wir.

Was wäre Ihrer Meinung nach am effizientesten, um diese Menschen so schnell wie möglich bei uns zu integrieren?
Deutschkenntnisse sind absolut zentral. Über die Sprache vermitteln wir automatisch auch Kultur. Mir scheint, dass bis jetzt weder der Kanton und die Gemeinde noch die Leute, die Deutschlektionen nehmen müssten, das Bewusstsein entwickelt haben, wie wichtig der Sprachunterricht ist. Dieser sollte obligatorisch und so häufig wie möglich angeboten werden. Gleichzeitig bedarf es aber auch einer Normalsituation. Wenn ich fantasieren könnte, würde ich mir ein berufsnahes halbjähriges Praktikum wünschen. So wüssten Flüchtlinge, wie es bei uns konkret funktioniert, und sie würden unsere Sprache noch besser erlernen.

Verfolgen Sie diese Massnahmen bereits auf politischem Weg?
Nein, bis jetzt ist es nur ein Wunschtraum, politisch ist das noch nicht konkret.

Nebst Ihrer Tätigkeit als Islamwissenschafter sind Sie in der Evangelischen Volkspartei aktiv. Welchen Einfluss hat Ihre christliche Prägung auf den Umgang mit Flüchtlingen?
Es ist das Wissen, dass es Dinge gibt, die tiefer sind als die verschiedenen Blickpunkte. Beispielsweise einander anzunehmen und auszuhalten oder gegenseitige Höflichkeit und Toleranz. Aber auch das Bewusstsein, dass wir der Umwelt gegenüber Verantwortung tragen, und das Wissen, dass das Leben etwas Wertvolles ist.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 13:40 Uhr

Zur Person

Andreas Kaplony wurde 1960 in Heidelberg als Kind eines Schweizer Ungarn und einer Deutschen geboren, als 13-Jähriger kam er in die Schweiz. In Zürich studierte er Geschichte, Arabisch und Philosophie. Heute ist er Titularprofessor für Islamwissenschaft an der Universität Zürich und Professor für Arabistik und Islamwissenschaft in München. Seit 2015 wohnt ­Kaplony nicht nur in München, sondern auch in Kilchberg, der Heimatgemeinde seiner Frau. Er hat drei Töchter. mab

Islamwissenschaft

Anders als weitläufig angenommen steht beim Studium der Islam­wissen­schaft nicht der ­Islam als Religion im Zentrum. Es handelt sich um ein breiter gefächertes Gebiet, um die Wissenschaft von der islamischen Welt, in welcher die Religion ­Islam ein Teilstück ist davon.
Das Studium der Islamwissenschaft befasst sich mit der Geschichte, den Gesellschaften und der Kultur muslimischer Gebiete und wie sie sich aus der Spät­antike heraus bis in die Gegenwart entwickelt haben. Für die Vertiefung in die Literatur ist es unerlässlich, die arabische, persische und türkische Sprache und deren Schrift zu erlernen. Aber auch zeitgenössische ­Kultur-, Sozial- und Politikgeschichte gehören zum Studium der Islamwissenschaft. Geografisch liegt der Schwerpunkt in erster Linie im arabischen, persischen und türkischen Raum. mab

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Jetzt abonnieren!

Abonnieren und profitieren!

Jetzt abonnieren und profitieren!