Literatur

Adolf Muschg las aus seinem unveröffentlichten Buch

Adolf Muschgs neuester Roman «Der weisse Freitag» erscheint erst im Februar. Doch eine erste Kostproben daraus gewährte der renommierte Schriftsteller schon jetzt einem kleinen Kreise von Zuhörern.

Adolf Muschg gewährte exklusive Einblicke in seine neueste Erzählung «Der weisse Freitag».

Adolf Muschg gewährte exklusive Einblicke in seine neueste Erzählung «Der weisse Freitag». Bild: Sabine Rock

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Adolf Muschg tut seiner sozial­demokratischen Parteizugehörigkeit alle Ehre und begrüsst ­salopp mit «Liebe Dorfgenossen und Dorfgenossinnen». Selten habe er so viel Lampenfieber wie vor dieser Lesung verspürt, gesteht der bekannte Schriftsteller den über 100 Zuhörern, die sich am Samstagnachmittag in der Café-Bar des Spitals Männedorf eingefunden haben. «Es ist immer heikel, im eigenen Dorf zu ­reden», meint der Ehrenbürger Männedorfs nicht ohne ein Schmunzeln, zumal persönliche Erlebnisse aus einem Spital­auf­enthalt Teil seines neuen Buches «Weisser Freitag» sind. Er liest im Stehen aus einer Beige Blättern, denn das Werk erscheint erst im Februar in Buchform.

«Wie für ein Wintermärchen»

Der Titel habe nichts mit Karfreitag zu tun, stehe auch nicht im Gegensatz zum Schwarzen Freitag – wie der Börsencrash von 1929 bezeichnet wird –, sondern sei sinnbildlich gewählt wie für ein Wintermärchen. Kein Märchen, sondern die wahre Geschichte zweier Lebensläufe, die mehr als 200 Jahre auseinanderliegen, hat Muschg festgehalten: seinen eigenen und denjenigen von Goethe.

Wobei er sich auf Goethes zweite Schweizer Reise beschränkt, als der grosse Dichter vor der Last seiner Tätigkeit in Weimar flüchtete. Dem Buch­titel huldigend, beginnt Muschg mit der Beschreibung einer Gruppe von Bergsteigern, die sich am 19. November 1779 bei ihrem Aufstieg an der Furka mühsam durch ein Schneegestöber kämpft. Mit dabei der unter dem Pseudonym Weber reisende Goethe.

Muschgs Spitalerfahrungen

Es folgt ein Schnitt, wie Muschg den Wechsel von einem zum anderen Protagonisten bezeichnet. Immer mehr gehöre er einer Gene­ration von Tölpeln an, liest er nun aus dem autobiografischen Kapitel. Thema ist jene Episode aus dem Jahr 2014, als der heute 82-Jährige frühmorgens eine Treppe hinunterstürzt, sich dabei verletzt und von seiner Frau ins Spital Männedorf gefahren wird. Weil sich die Notfallstation damals noch im Umbau befunden habe, sei es umständlich zu- und hergegangen, bis er endlich auf einer Liege komplettiert war und die klaffende Wunde am Knie einem deutschen Arzt entgegenstrecken konnte. «Schriftdeutsch hört man ja viel hier im Spital», meint er nebenbei zum Publikum, will die Bemerkung aber nicht als xenophob verstanden wissen.

Goethe und der Gotthard

Muschg, der schon Operationen wegen der Gallenblase und wegen seines «verkrusteten Prostatakrebses» hinter sich hat, nimmt die Ankündigung einer weiteren Operation mit Voll­narkose gelassen entgegen. Und da auch die Finger verletzt waren, musste das Schreiben einst­weilen ruhen, dafür freute er sich umso mehr, sich in seine Goethe-Lektüre vertiefen zu können.

Was folgt, ist ein steter Wechsel zwi­schen Muschgs Leben und dem­jenigen Goethes. Über Muschg selber erfährt man, dass der gebürtige Zolli­ker und Bau­ern­sohn seiner dritten Ehe wegen in die Fischottergemeinde gezogen ist. Mit Ironie würzt er all die Begebenheiten, die mit dem Wappentier, seinem Gehege und seinem Ausbüxen zu tunhaben.

Über Goethe hat er recherchiert, dass dieser auf seinen Abstechern in die Schweiz nie weiter als bis zum Gotthard gekommen ist. Und weil der Basistunnel mit dem seit gestern gültigen ­neu­en Fahrplan passierbar geworden ist, hat der Schriftsteller seine Gedan­ken zum Jahrhundertbau und zu dessen Rentabilität nieder­geschrieben, die er der Aktualität wegen loswerden will. «Fürs erste Loch 1882 gab es 199 Tote, 2016 waren es deren neun», sagt Muschg und weist auf den Film im Schweizer Fernsehen hin, dessen erster Teil gestern ausgestrahlt wurde (heute Abend folgt der zweite Teil). Und bemüht schliesslich Goethes Mephisto, hatte der ­Teufel rund um den Gotthard doch seit je seine Finger im Spiel.


Adolf Muschgs neuste Erzählung «Der Weisse Freitag» erscheintam 16. Februar 2017 beim VerlagC. H. Beck. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.12.2016, 18:17 Uhr

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