Das ältere Ehepaar war gekommen, um sich zu informieren. Es hatte gehört, dass die Zukunft «seines» Regionalspitals auf dem Spiel stehe. Die Senioren befürchten, dass dieses zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt und schliesslich von einer Privatklinik aufgekauft werden könnte. «Das wäre furchtbar», sagte die Frau. Bezahlen könnte die zu erwartenden, horrenden Behandlungskosten dann nur noch das «Goldküsten-Klientel», ist ihre Sorge Die einfachen Leute blieben auf der Strecke. «Dann müssten wir auf Spitäler in Zürich oder Genf ausweichen.» Gar nicht vorzustellen, sei das.
Um Bedenken wie diese auszuräumen, hat die Leitung des Spitals Männedorf am Mittwoch zu einem Informationsabend geladen. Im Gemeindesaal Hombrechtikon klärten die Verantwortlichen über die Abstimmung vom 17. Juni auf, die in allen Bezirksgemeinden mit Ausnahme von Zollikon und Zumikon durchgeführt wird (siehe Kasten). Rund 20 Zuhörer waren gekommen. Das ist wenig. Denn tatsächlich geht es am 17. Juni um die Zukunft des Spitals Männedorf. Ob das «Horror-Szenario» des älteren Hombrechtiker Ehepaars eintreffen wird, ist jedoch nicht gesagt.
Wehren gegen die Konkurrenz
Spitaldirektor Ralph Baumgartner schilderte die Ausgangslage: Seit Anfang Jahr herrschen im Gesundheitsbereich neue Rahmenbedingungen (Stichworte: neue Spitalfinanzierung, Fallpauschalen). Die Gemeinden haben damit keine Verpflichtung mehr, für die Grundversorgung und Finanzierung im Spitalbereich aufzukommen. Das erhöht den finanziellen Druck auf die Spitäler gerade für mittelgrosse Betriebe wie jenen in Männedorf wird das früher oder später zum Problem. Kommt hinzu: Die Konkurrenz von privaten Kliniken wie etwa der Hirslanden-Gruppe wird immer grösser. «Dagegen müssen wir uns besser wehren können», sagte Baumgartner.
Zweieinhalb Jahre tüftelten die Spitalverantwortlichen an einer Lösung für das Problem. Als Ziel setzten sie voraus, dass die spitalmedizinische Versorgung in der Region «bedarfsgerecht» gesichert wird. In der heutigen Zeit könne ein Spital nicht mehr alle Leistungen anbieten. «Auch wir müssen uns weiter spezialisieren», sagte Baumgartner. Dafür müsse es möglich sein, Partner unkompliziert ins Boot zu holen. Als Beispiel nannte der Spitaldirektor die jüngste Zusammenarbiet mit der Klinik Hirslanden, die in Männedorf ein Krebs-Therapiezentrum bauen wird («ZSZ» vom 17. März).
«Äusserst schwerfällig»
Bis es zum Hirslanden-Deal kam, galt es, etliche rechtliche Hürden zu überwinden. «Das hat viel Zeit und Geld gekostet», sagte Ralph Baumgartner. Grund für die Verzögerung sei die heutige «träge» Gesellschaftsform des Spitals. «Ein Zweckverband ist ein äusserst schwerfälliges Vehikel, um vorwärtszukommen», sagte der Direktor. Er nannte Beispiele aus Deutschland, wo vergleichbare Spitäler wie Männedorf Opfer von Fusionen oder Schliessungen geworden sind. «Nur wer die Zukunft aktiv gestaltet und sich innovativ anpasst, hat die Chance zu überleben.»
«Aktiv», «innovativ», «flexibel»: Begriffe, die nicht zum heutigen Zweckverband passen wollen. Bisher musste das Spital Männedorf bei jeder grösseren Investition alle Stimmbürger der beteiligten Gemeinden um Erlaubnis bitten. Ein Prozess, der stets mit Unsicherheiten und Verzögerungen verbunden war. Darum streben die Verantwortlichen eine Änderung der Gesellschaftsform an: Aus dem altbackenen Zweckverband soll eine moderne Aktiengesellschaft werden. «Nach Prüfung aller Alternativen hat sich die AG als beste Form herausgestellt», sagte Baumgartner. Damit seien künftig rasche Entscheide möglich, wo sie angebracht seien.
Wettbewerbsfähiger werden
Als Aktionäre der Spital AG sollen die bisherigen Zweckverbandsgemeinden auftreten. Ihr Aktienkapital ergibt sich aus einem Verteilschlüssel. Als Beispiel: Meilen als grosse Gemeinde würde 18,4 Prozent der Aktien halten; Erlenbach als kleine 6,7 Prozent. In einem Aktionärsbindungsvertrag verpflichten sich die Gemeinden dazu, ihre Aktien bis zum 31. Dezember 2016 nicht an einen Dritten zu übertragen. Spital-Verwaltungsrätin Beatrix Frey (FDP) erklärte: «Damit wollen wir sicherstellen, dass das Spital mindestens so lange begleitet wird, bis es wettbewerbsfähig ist.» Nachschussoder sonstige finanzielle Verpflichtungen haben die Gemeinden mit der AG keine mehr.
Falls eine Gemeinde nach fünf Jahren aussteigen möchte, kann sie dies tun. Da es sich bei einer solchen Transaktion um Millionenbeträge handeln dürfte, müssen die Stimmbürger der austretenden Gemeinde zuerst ihren Segen dazu geben. Bevor der Aktienanteil dann an einen Dritten veräussert werden kann, muss es den übrigen Parteien zum Kauf angeboten werden. Sie geniessen ein Vorkaufsrecht. Erst wenn sie dieses nicht wahrnehmen, kann eine Privatklinik oder ein anderer Investor zugreifen. Ganz unbegründet ist die Sorge, das Grundversorgungsspital Männedorf könnte dereinst in fremde Hände fallen, also nicht. Bedingung dafür wäre aber, dass die Gemeinden und ihre Stimmbürger von sich aus für eine Veräusserung stimmen. Die Bezirksgemeinden haben es damit selber in der Hand, ob sie «ihr» Regionalspital behalten oder es künftig einmal abstossen möchten.
Das Abwägen beginnt
Das ältere Hombrechtiker Ehepaar war am Ende des Info-Abends «nicht gescheiter als vorher», wie es der Mann ausdrückte. «Wir studieren jetzt zuerst einmal in aller Ruhe die Abstimmungsunterlagen», sagte er. «Dann schauen wir, ob Voroder Nachteile überwiegen.»
