Gattikon, 13 Uhr und 5 Minuten, bedeckter Himmel bei etwa 17 Grad ideale Umgebungsbedingungen am Sihltaler Frühlingslauf. Doch eine der Teilnehmerinnen ist besonders nervös. Ihr innerer Couch Potato, den sie Fred nennt, meldet sich wieder einmal zu Wort und versucht, sie davon zu überzeugen, wie gemütlich es jetzt zuhause auf dem Sofa wäre. Sie verscheucht den Gedanken. Endlich fällt der Startschuss, und Alexandra Baumann aus Langnau am Albis läuft los fest entschlossen, das Ziel zu erreichen, das sie sich vor drei Monaten gesetzt hat: einen 5-Kilometer-Lauf zu absolvieren. Eine erstaunliche Entwicklung, denn Sport ist bis vor kurzem nie wirklich ihr Ding gewesen. Doch als sogar das Treppensteigen zu mühsam wurde, begann sie im Sommer 2011 zuerst mit Fitnesstraining, ging dann weiter zu Zumba und kam schliesslich zum Joggen. Mehr aus Jux und Tollerei schlug sie ihrer Freundin Karma Rongpo vor, sie könnten am Sihltaler Frühlingslauf in der 5-km-Kategorie teilnehmen. Und so kam es, dass sie inmitten des harten Winters zu trainieren begannen. Jeden zweiten Tag. Bei Schnee, Regen, Wind und Kälte.
Heute ist es zum Glück nicht so kalt wie damals. Eine zusätzliche Motivation sind auch die Zuschauer und Streckenposten, die begeistert klatschen und die beiden lautstark anfeuern: «Heja, heja!» Alexandra Baumann hat Seitenstechen der Tribut eines vermutlich zu schnellen Starts. Doch sie beisst auf die Zähne und läuft tapfer weiter, angespornt durch die Zurufe entlang der Strecke. Auch in den letzten Monaten ging es immer wieder um den Durchhaltewillen. Alexandra Baumann begann in Form eines Blogs, Tagebuch über ihr Training zu führen. Mit ihren erfrischenden und ehrlichen Einblicken zeigte sie, dass auch Normalsterbliche sich ein sportliches Ziel setzen und dieses verfolgen können. Zudem schrieb sie über ihre Erlebnisse in einer Kolumne in der «Zürichsee-Zeitung». Sie wurde danach sogar auf der Strasse erkannt und von wildfremden Menschen dazu ermutigt, dranzubleiben. Trotzdem sei es nicht einfach gewesen, sagt sie: «Bis zum Schluss blieb es eine Überwindung, trainieren zu gehen. Zum Glück erhielt ich von meinem Umfeld viel Unterstützung. Ohne wäre es wohl kaum gegangen.»
Der Himmel hat aufgemacht, die Sonne scheint, es wird wärmer, und Alexandra Baumann und Karma Rongpo nehmen den letzten Kilometer in Angriff. Familie und Freunde sind im Wald postiert und feuern sie an: «Chumm, du schaffsch es!» Es ist kein Zuckerschlecken, aber aufgeben gilt nicht, und so überqueren beide in knapp über einer Stunde die Ziellinie glücklich und stolz, das geschafft zu haben, was sie sich Anfang Jahr vorgenommen haben.Wie geht es nun mit den Couch Potatoes weiter? «Zunächst steht am Samstag ein Wellnesstag mit Sportmassage auf dem Programm. Und relaxen. Danach ziehen wir eine Teilnahme am Türlersee-Lauf im Herbst in Betracht», sagt Alexandra Baumann. Karma Rongpo möchte einmal einen Marathon laufen das nächste gemeinsame Ziel? «Im Moment erscheint ein Marathon noch absolut unmöglich, ein sehr ferner Traum. Aber das war der 5-Kilometer-Lauf vor ein paar Monaten auch noch», meint Baumann.
Renato Rosic
