Online seit 30.04.2012 0:00
Die SP an der Goldküste feiert alleine
1. Mai. Die Sozialdemokraten an der Goldküste meiden den grossen Protestmarsch zum Tag der Arbeit. Kaum einer geht an den offiziellen Umzug nach Zürich.
Till Hirsekorn

Obwohl sie in den Exekutiven schwach aufgestellt ist, ist die SP im Bezirk Meilen dennoch verankert. Seit über 40 Jahren lädt die Partei zur 1.-Mai-Feier ein. Der revolutionäre Geist der späten Achtziger scheint allerdings verflogen. «Bis vor rund 20 Jahren haben Gewerkschaften und SP das Fest gemeinsam organisiert und durchgeführt», sagt Peter Frikart, alt Gemeinderat und Vorstand der SP Stäfa. Damals habe man die «Banner mit zeitlosen Parolen aus der Holzkiste geholt» und sei gemeinsam vom Bahnhof Stäfa zum «Rössli»-Saal marschiert. Szenen vergangener Zeit. «Es finden sich heute nicht genügend Leute für solche Aktionen», sagt Frikart.

Was früher im Stäfner «Rössli» stattfand, dem Treff der linken Szene, wird wie im letzten Jahr im feudalen Jürg-Wille-Saal des Meilemer «Löwen» gefeiert. Die Gemeinde stellt der SP den Saal gratis zur Verfügung. Dennoch erstaunt die Wahl. Jürg Wille war der Enkel des Generals Ulrich Wille. Dieser forderte 1918, den Generalstreik gewaltsam mit der Armee aufzulösen. Damals zogen Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Arbeiter in Scharen auf die Strasse und kämpften für tiefere Lebensmittelpreise oder die Einführung der AHV und IV. Der 1.-Mai-Umzug in Zürich scheint für viele SP-Politiker an der Goldküste hingegen keine allzu grosse Anziehungskraft mehr auszuüben.

Auf, zur Arbeit!

Hanspeter Göldi, Präsident der SP Bezirk Meilen und Kantonsrat, bedauert, dass er nicht am Zürcher Umzug teilnehmen kann. «Normalerweise bin ich immer dabei.» Dieses Mal kämen ihm die Arbeit und die Vorbereitungen der regionalen 1.-Mai-Feier dazwischen. Christian Alder, Uetiker Gemeinderat und Schulpräsident, muss arbeiten und pilgert am 1. Mai nie nach Zürich. Aus beruflichen Gründen verpasst er heuer auch die Feier im Bezirk. Auch der von der SP portierte, aber parteilose Männedörfler Eric Labhard arbeitet Pendenzen ab. «Über den 1. Mai informiere ich mich über die Medien», sagt Labhard. Auf ein «Linkes Sechseläuten» habe er keine Lust, sagt der Stäfner alt Gemeinderat Peter Frikart. «An einem arbeitsfreien Tag schlafe ich lieber aus.» Sein Bezug zum Bezirk sei wesentlich stärker als zur Stadt Zürich.

Alt Kantonsrätin Elisabeth Derisiotis aus Zollikon ist noch unentschlossen: «Früher ging ich regelmässig nach Zürich. Die teilweise bedrohliche Atmosphäre hat mich aber abgeschreckt.» Sie ziehe den geschützten Rahmen der Bezirks-Mai-Feier vor. Und dann: «Selbstverständlich», versichert Ursina Egli, die 25-jährige Kantonsrätin und Präsidentin der SP Stäfa, ihre Teilnahme am offiziellen Umzug in Zürich. «Es ist ein wichtiger Tag für die SP, die Gewerkschaften und andere linke Gruppierungen.»

Prosten statt protestieren

Auch Dario Schai, Leiter der Regionalgruppe Juso Goldküste, wird mitmarschieren. An der Feier im Bezirk war er noch nie: «Leider kommen fast keine Jusos. Das Kasernenareal in Zürich ist für die Jungen attraktiver.» Er überlege es sich aber, für die Rede von Nationalrat Cédric Wermuth auf einen Sprung nach Meilen vorbeizukommen.

Hanspeter Göldi, Präsident der SP Bezirk Meilen, will an der regionalen 1.-Mai-Feier «Politik und Kultur» zusammenbringen. «Das Fest steht allen offen. Politische Redner und Live-Musik bilden einen guten Rahmen», sagt Göldi. Alt Kantonsrätin Derisiotis vermisst die frühere Tradition, «als wir und die Gewerkschafter noch mit den roten 1.-Mai-Bändel gemeinsam zum «Rössli» zogen». Die SP Bezirk Meilen feiere heute zu isoliert und zu wenig traditionell. Wie Schai und Egli sähe sie den Anlass lieber wieder im Stäfner «Rössli», um dort «kämpferisch fröhlich» den 1. Mai zu begehen.

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